Terrorismus: Der schwierige Alltag der Gotteskrieger

Zu viel Bürokratie und unwillige Selbstmord-Attentäter: Auch Terrororganisationen haben ihre Probleme, zeigt eine Studie über die al-Qaida im Irak.

(c) AP (Anjun Naaved)

WIEN. Man hat's nicht leicht als Terrororganisation. Und ist auch nicht vor Misserfolg gefeit, wie das Beispiel der al-Qaida im Irak zeigt. Die ist zwar durchaus noch gefährlich, im Vergleich zu den vergangenen Jahren heute dennoch nur noch „ein Schatten ihrer selbst“: Das befindet eine neue Studie des an der US-Militärakademie West Point angesiedelten „Combating Terrorism Center“. Wobei die Studie zu dem Schluss kommt, dass weniger die militärischen Erfolge der USA zum Niedergang des Terrornetzwerks im Irak geführt haben als die zunehmende Ablehnung weiter Teile der sunnitischen Bevölkerung.

Diese Ablehnung wiederum habe die irakische Zweigstelle der al-Qaida selbst durch strategische Fehler verschuldet – zum Beispiel, indem sie den Konflikt mit den Schiiten provozierte, ohne die Sunniten vor der vehementen schiitischen Reaktion schützen zu können. Letztendlich habe sich die al-Qaida im Irak also selbst zu Fall gebracht, lautet der Schluss der Studienautoren.

 

Selbstkritik der al-Qaida

Allerdings nicht nur durch grobe strategische Fehlgriffe – sie stolperte auch über ziemlich banale Probleme. Ein al-Qaida-Dokument, das den Amerikanern in die Hände geraten ist, gibt ungewöhnlichen Einblick in das Innenleben der Terrororganisation: Darin versuchen Kommandanten, ihren Misserfolg im Irak zu verstehen, und listen eine ganze Reihe möglicher Gründe auf.

Punkt eins klingt bekannt, einst warf man genau das Gleiche den Amerikanern vor: Der al-Qaida sei es nicht gelungen, die irakische Bevölkerung zu verstehen. Viele Dschihadisten, die in den Irak gekommen waren, hätten nicht einmal gewusst, dass dort auch Schiiten leben.

Ein weiteres Problem seien die unrealistischen Erwartungen der ausländischen Kämpfer gewesen. Von pompöser Propaganda angelockt hätten viele der Freiwilligen sofortigen heldenhaften Einsatz erwartet und seien nicht auf den beschwerlichen Alltag eines Gotteskriegers vorbereitet gewesen.

In Folge sei es auch zu Spannungen zwischen ausländischen und irakischen Kämpfern gekommen: Auf der einen Seite übermotivierte al-Qaida-Fans, die keine Ahnung von Land, Kultur und Dialekt haben und sich schwer verstecken lassen – auf der anderen Iraker, die sich wenig mit Ideologie beschäftigt haben und den Dschihad als lästige Pflicht betrachten.

Zu allem Überfluss hätten dann auch noch viele angehende Selbstmordattentäter ihre Meinung plötzlich geändert. Wurden sie nicht sofort gebraucht, seien sie frustriert gewesen und lieber – trotz mangelnden Trainings – zu „normalen“ Kämpfern geworden. Oder sie hätten dem Irak überhaupt wieder den Rücken gekehrt.

 

Eigener Küchen-Emir

Darüber hinaus klagen die anonymen al-Qaida-Autoren der selbstkritischen Analyse vor allem über zu viel Bürokratie. Mit steigender Zahl der Terrorzellen sei die Kommunikation zunehmend schwieriger geworden, und immer mehr Kämpfer hätten neue Hierarchien und Titel erfunden. Irgendwann habe es einen „Emir für Granaten“ und einen „Emir für Verwaltung“ gegeben, einen für Gas, einen für Zelte und einen „Küchen-Emir“, klagen die al-Qaida-Analytiker.



„Die Wahrheit ist das erste Kriegsopfer und manchmal unangenehm für kurzfristige US-Interessen, aber sie ist al-Qaidas ärgster Feind.“

Aus der Studie des amerikanischen „Combating Terrorism Center“

Unter der überbordenden Bürokratie habe auch die Koordination gelitten. Kampf-, Sicherheits-, Scharia- und Verwaltungsbeauftragte hätten sich gegenseitig blockiert und viele talentierte Kämpfer seien nicht ihren Fähigkeiten entsprechend eingesetzt worden.

Und dann ging es noch ums Geld. Dieses sei keineswegs effizient verteilt worden; manche Zellen seien ohne entsprechende Analyse einfach bevorzugt worden.

Das Fazit der Studienautoren: Eigene Misserfolge der USA bedeuten noch lange nicht, dass der Gegner erfolgreich ist. Außerdem warnen die Autoren davor, voreilige Schlüsse zu ziehen: Afghanistan und Pakistan seien mit dem Irak keinesfalls vergleichbar.

www.ctc.usma.edu/

 

harmony/pdf/DDFINALFINAL.pdf

LEXIKON: WAS IST AL-QAIDA?

„Al-Qaida“ kann man mit „Basis“, aber auch „Regel“ oder „Datenbank“ übersetzen. Seit Ende des sowjetischen Afghanistankriegs 1989 internationalisiert der saudische Milliardärssohn Osama bin Laden unter dieser Marke den „Heiligen Krieg“, um einen Staat nach Vorbild des Wahabbismus des 18. Jahrhunderts einzuführen.
Der Wahabbismus ist die Staatsdoktrin des sunnitisch dominierten Saudiarabien. Er legt den Koran engstmöglich aus und betrachtet sogar Schiiten als Nichtmuslime. Seit dem Golfkrieg 1991 hat er sich dank bin Laden weiter radikalisiert, weil US-Soldaten (darunter Frauen) an den heiligen Stätten Mekka und Medina stationiert waren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2009)

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