Ein Jahr Annexion: Wie Moskau die Krim umbaute

Ein Jahr nach der Annexion durch Russland gleicht die Halbinsel einem halbfertigen Projekt. Schlangestehen gehört zum Alltag, Sanktionen erschweren das Leben. Doch die Hoffnung will die Mehrheit der Bürger nicht so schnell aufgeben.

(c) Bloomberg (Andrey Rudakov)

Die beiden Arbeiter haben mit seiner linken Wade begonnen und sich bis zum Oberschenkel hochgearbeitet. Dann haben sie an der rechten Schulter weitergemacht. Sie haben Wladimir Iljitschs Körperteile mit Hämmern traktiert und mit Schleifmaschinen abgerieben, das Klopfen und Sirren war weit über den betonierten Platz zu hören. Abwechselnd stehen und knien sie auf dem Gerüst, das seinen gedrungenen Körper umgibt, und allmählich ist das Ergebnis ihrer Bemühungen sichtbar. Der Dreck der Jahre, der sich wie eine zweite Haut auf den Gliedmaßen des Sowjetführers gelegt hat, diese schwarzbraune Mischung aus Erde, Sand und Abgasen bröckelt ihm vom Leib, und darunter erscheint ein Lenin, wie man ihn schon lange nicht mehr gesehen hat. Einer, der glänzt und strahlt und blendet, ein bronzener Lenin, zumindest am linken Bein und auf der rechten Schulter, und bald auch bis zum Kopf. Dann ist er wieder so, wie er war, als man ihm hier 1967 ein Denkmal gesetzt hat.

Während in der Ukraine unter der Devise des „Leninopads“ die Denkmäler des Sowjetführers reihenweise vom Sockel fallen, wird in Simferopol, Hauptstadt der Krim, das Lenindenkmal am Leninplatz generalsaniert. Bis zum 16. März soll, nein, muss alles fertig werden, die Bronzestatue, die frisch bepflanzten Blumenbeete und die begradigten Sockel drumherum.

Am 16. März ist es ein Jahr her, dass die Krim-Bewohner in einem international nicht anerkannten Referendum für den Anschluss an Russland stimmten, eine so eindeutige wie umstrittene Wahl des Volkes, die eine Machtübernahme absegnete, die zuvor mit Hilfe einer Truppe namens „Selbstverteidigung der Krim“, russischen Soldaten und prorussischen Kräften im Regionalparlament vorbereitet worden war. In jenen Tagen hatten die Männer der Selbstverteidigung mit Schildern Lenin geschützt. In Simferopol lag Angst in der Luft, man sprach von faschistischen Schlägertrupps aus Kiew, die freilich nie gesichtet wurden, und bald schon löste sich die vermeintliche Bedrohung in prorussischen Jubel auf. Heute benötigt Lenin keine Bewacher mehr, ihm droht kein Demontage, er ist wie die Krim zu Mutter Russland heimgeholt worden. Ein Arbeiter schmiert mit einem Spachtel Beton an den Sockel. Ein Ukrainer aus Cherson, der hier besser verdient als zu Hause. Wer außer Lenin sollte hier sonst stehen, fragt er und lacht. „Hitler etwa?“

Russischer Frühling, zweite Saison. Die Krim ein Jahr nach der Annexion. Für Russland ist die Halbinsel eine Teilrepublik der Föderation geworden, eine von 22. Statt Annexion spricht man von Wiedervereinigung und der Herstellung historischer Gerechtigkeit. Die Ukraine nennt es Besatzung und will die Halbinsel zurückgewinnen; unklar ist, wie. Für die internationale Gemeinschaft ist die Krim zum Niemandsland geworden, das unter Sanktionen steht, für das Reisewarnungen gelten. Ein „Territorium ohne Zukunft“, wie ein Universitätsabsolvent in Simferopol desillusioniert sagt, abgeschnitten vom internationalen Mobilfunknetz, von Zahlungsverkehr und Verkehrswegen.


Keine Zwischentöne. Die meisten der auf der Krim verbliebenen Bürger stehen freilich hinter ihrem Votum. An der Tatsache, dass auch ein legitimes, international überwachtes Referendum ein Ja zu Russland gebracht hätte, zweifeln nicht einmal die Kritiker. Verstörend bleibt der Gestus, mit dem die Wahl des Volkes vorgetragen wird. Gegenüber Unbekannten, gar Journalisten, erlaubt man sich keine Zwischentöne. „Wir sind ja sooo zufrieden“, erklärt eine 70-Jährige mit zerfurchtem Gesicht, die zur Aufbesserung ihrer Pension Taschen in einer Unterführung verkauft, die nach Leder aussehen und aus Plastik sind, auch im russischen Frühling, zweite Saison. Aber hatten die Bewohner denn tatsächlich eine Wahl? Der Kreml hat den 2,3 Millionen Bürgern ein Geschenk beschert, und als Beschenkter kann man sich schlecht beschweren.

Die Krim-Bürger, von denen viele seit der Sowjetunion überzeugt sind, dass der kleine Mann sowieso nichts ändern kann, fühlen sich als historische Sieger. Mitleidig blickt man nun auf das Ex-Mutterland, mit dem man die einzige Landverbindung teilt und von dessen Strom, Gas und Wasser man abhängt. Nach den Ereignissen auf der Krim sind die Bewaffneten weitergezogen und haben den Aufstand im Osten angezettelt. Den Krim-Bewohnern ist Krieg erspart geblieben. „Wir leben in Ruhe und Frieden“, wiederholt Krim-Premier Sergej Aksjonow gerne. Es ist eine eigenartige Ruhe.

Dieses erste russische Jahr werden die Krim-Bürger als das Jahr der langen Schlangen in Erinnerung behalten. Sie standen in der Schlange für neue Pässe, neue Autonummern, für die Sozialversicherung, den Gesundheitsausweis und die Neuregistrierung ihrer Firmen. Sie mussten sich in Geduld üben. Es gab Monate der Euphorie, als die Pensionen erhöht wurden. Und Monate der Ernüchterung, als die Preise stiegen. Löhne wie in Moskau wurden ihnen versprochen, Preise wie in Moskau haben sie bekommen. Heute bleibt einem Arbeitnehmer etwa gleich viel übrig wie früher.

Es war ein Jahr im Provisorium, im permanenten Übergang. Auf den Straßen der Krim fahren noch immer geschätzte vier von zehn Autos mit ukrainischen Kennzeichen, die Mehrheit der Straßenschilder sind ukrainisch geblieben, dafür haben sich viele hier russische Zweitpässe zugelegt, sonst wird das Leben hier zur Qual. Der große Umbau hat nicht stattgefunden, die Perestrojka ist ins Stocken geraten. Denn Russland ist in die Krise gerutscht und muss haushalten, wie viele Rubel es für den neuen Budgetposten ausgibt. Es ist unklar, ob die angekündigten Großprojekte – wie etwa eine Brücke von Kertsch auf das russische Festland – jemals realisiert werden können. Wenn es einen Sturm in der Meerenge gibt und wieder einmal die Fähren ausfallen, erscheint die Geografie der Krim wie ein böser Fluch.


Föderal statt national. „Die Euphorie über den russischen Frühling war kurz, der Aufbau eines neuen Staates dauert länger“, sagt eine Frau, die an der Universität Simferopol im Bereich Humanwissenschaften lehrt. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen, sie fürchtet ihre Entlassung. Das, was sie über ihren Arbeitsplatz erzählt, hinterlässt nicht den Eindruck eines tiefgreifenden Wandels. „Alles und nichts“ habe sich verändert. Ja, die Einrichtung wurde umbenannt, aus der Nationalen Universität wurde eine föderale unter russischer Flagge, ein neuer Rektor ist im Amt, die Abschlüsse der Studenten sind seit dem 1. Jänner russisch, Moskau schickt neue Dokumente, stapelweise. Der Lehrplan aber hat sich kaum verändert. Die Unterrichtssprache, Russisch, ist dieselbe geblieben. Wieder werde das Kollegium von der Leitung ermahnt, in den sozialen Medien nur ja keine politischen Kommentare abzugeben. Meinungsfreiheit habe man hier nie sehr hoch gehalten, sagt die Frau trocken. „Meine Kollegen hatten in der Sowjetunion Angst, sie hatten in der Ukraine Angst und sie haben sie jetzt noch immer.“

„Krim nasch“, „Die Krim gehört uns“, triumphierte Russland vor einem Jahr. „Wir bauen die russische Krim auf“ steht nun in großen Lettern auf einer Häuserwand in Simferopol. Präsident Wladimir Putins Führung – sie steht für Ordnung statt Chaos, Kontrolle statt Korruption, Strafen statt Schleifenlassen. In letzter Zeit sind Säuberungsaktionen beliebt. Wenn etwa, wie dieser Tage in Simferopol, illegal errichtete Reklametableaus entfernt werden, sind die Lokalmedien zur Stelle. „Sechs von 320 wurden in der Stadt schon abmontiert“, erklärt die Reporterin vom Staats-TV Krim, während hinter ihrem Rücken ein Kran die Werbetafel umwirft. Das sind die News auf der ruhigen Halbinsel. Der Beitrag wird noch zu Mittag gesendet.

„Pokasucha“ nennt man auf Russisch das „So-tun-als-ob“. Hinter dem Saubermann-Image der neuen Machthaber stehen häufig alte Kader und illegale Geschäfte. Lokalpolitiker der Partei des früheren Präsidenten Viktor Janukowitsch, der Partei der Regionen, sind Mitglieder in den russischen Parteien geworden. Wer Erfolg haben will, schließt sich dem Geeinten Russland an, der Partei des heutigen Präsidenten. Doch innerhalb der Krim-Führung rumort es. Der frühere Vizepremier Rustam Temirgaliew, gemeinsam mit Premier Aksjonow eine Schlüsselfigur bei der Abwicklung der Annexion, wird wegen des Diebstahls von mehr als 300 Kilogramm Gold aus einer ukrainischen Bank gesucht. Angesichts der Tatsache, dass die Krim-Führung ukrainisches Eigentum massenhaft „nationalisiert“, eine beinahe selbstkritisch anmutende Beschuldigung.

Bei der wilden Enteignung von Staatseigentum und Privateigentum missliebiger Unternehmer spielen laut Untersuchungen von Lokaljournalisten die bereits genannten Selbstverteidiger der Krim eine entscheidende Rolle, die zu einer Art paramilitärischer Schutztruppe Aksjonows erhoben und bis jetzt nicht formal in die Sicherheitsstrukturen eingegliedert wurden. Dutzende Fälle von Raiding, neurussisch „reiderstwo“, soll es bis jetzt gegeben haben. Mittels Druckausübung werden Geschäftsleute zum Verkauf ihrer Anteile „überredet“, oder Firmengelände einfach besetzt. Unlängst stimmte das Republiksparlament für die Enteignung des Krim-Zweigs der Telefongesellschaft Ukrtelekom, die dem Oligarchen Rinat Achmetow gehört. Die Abstimmung war, wie so oft, einstimmig. Ein Gesprächspartner zeichnet das Bild einer Republik, die von drei Gruppen beherrscht wird: Beamten, Militärs und Geheimdienstlern. Aufgrund der internationalen Strafmaßnahmen würde die Krim wirtschaftlich immer stärker in eine Grauzone gedrängt, in die sich selbst keine großen russischen Investoren mehr wagen, sondern nur noch dubiose Spieler: die Halbinsel als Magnet für Schattenwirtschaft, Pyramidengeschäfte und illegales Kapital. „Ein russisches Zypern“, kommentiert er.

Vorbild Sewastopol. Offiziell ist das Vorbild der Krim nicht Zypern, sondern Russland. Wer die neue Krim sehen will, muss nach Sewastopol. Das hat Taxifahrer Jura, 38 Jahre, gesagt. Also auf in die Heldenstadt! Tatsächlich: Hier kann die Krim endlich so russisch sein, wie sie es schon immer sein wollte. Am Hafenbecken rockt eine Band zu Ehren der Vaterlandsverteidiger. Die „Herren Offiziere“, rühmt der langhaarige Sänger unter E-Gitarrensound, kämpften „bis zum Ende für Russland, für die Freiheit“. Mitglieder von Spezialeinheiten, Matrosen und Neurussland-Kämpfer flanieren über die Uferpromenade – der 23. Februar ist ein Feiertag der Männer. „Nichts verkauft sich so gut wie sie“, sagt die Verkäuferin und deutet auf die Putin-T-Shirts, die ihn als Militär und „höflichsten der höflichen Menschen“ zeigen, eine Chiffre für die Soldaten ohne Abzeichen aus dem Vorjahr. Mit dem „russkij mir“, der Ideologie von der Schutzpflicht der Russen und Russischsprachigen, haben sich die Verteidiger der Vergangenheit eine Zukunftsutopie geschaffen.

Mittendrin zwischen den Menschen und Militärs also Jura, ein Taxifahrer mit zwei Universitätsabschlüssen. In der russischen Krim hofft er, dass ihm endlich gelingt, was in der Ukraine nie geklappt hat: eine richtige Arbeit finden. Jura, dieser gedrungene Mann mit Lederjacke und Igelfrisur, hat in seinem Leben schon alles Mögliche gemacht, nur in seinen Spezialgebieten Elektrotechnik und Ökonomie hat er nie gearbeitet. Er hat mit seinen 38 Jahren länger in der Ukraine gelebt als in der Sowjetunion, und dennoch brennt in ihm diese Sehnsucht nach dem Einst. Das Gedenken an die Großväter, wie es in Sewastopol zelebriert wird, die Ehrung Lenins, wie sie in Simferopol bald ansteht, das alles gefällt ihm. Jura hofft nun, dass aus der Krim bald ein russisches Land wird, wo Ordnung statt Chaos herrscht, wo kontrolliert wird statt korrumpiert. Einen anderen Job als das Taxifahren hat er auch in diesem Jahr nicht gefunden, aber, so sagt er, er habe wieder Hoffnung. Die Perestrojka der Krim ist noch lange nicht vorüber.

Krim-krise

22. Febuar 2014. In Kiew wird Präsident Viktor Janukowitsch vom Parlament abgesetzt. Er gelangt in Folge über die Krim nach Russland.

26. Februar.Zusammenstöße von proukrainischen und prorussischen Demonstranten in Simferopol.

27. Februar. In den Morgenstunden besetzen Bewaffnete das Regionalparlament der Krim. In einer Wahl hinter verschlossenen Türen wird eine neue prorussische Führung ernannt. In den Tagen darauf setzen russische Soldaten die ukrainische Armee in ihren Kasernen fest.

16. März. In einer Abstimmung sprechen sich 97 Prozent für den Anschluss an Russland aus.

21. März. Die Krim wird mit Russland offiziell „vereinigt“. Die EU erlässt erste Sanktionen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2015)

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