Tunis-Anschlag: „Viele Terroristen stammen aus der Mittelklasse“

Der tunesische Terrorexperte Allani warnt vor der al-Qaida-Zelle Okba Ibn Nafaa und der Gefahr aus Libyen und Algerien.

TUNIS
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TUNIS – (c) Reuters (ZOUBEIR SOUISSI)

Was bedeutet der Terrorangriff auf das Bardo-Museum für Tunesien?

Alaya Allani: Dieser Anschlag ist der erste in Tunis überhaupt und hat sich unmittelbar neben dem Parlament ereignet. So etwas gab es noch nie in der Geschichte unseres Landes. Das wird die Zivilgesellschaft, die Regierung und die politischen Parteien mobilisieren, dem Terrorismus entgegenzutreten. Die Verabschiedung des Antiterrorgesetzes wird beschleunigt werden. Auch wird man den islamistischen Jihadismus in der Region neu bewerten müssen. Libyen geht durch eine sehr instabile Phase, die auch Auswirkungen auf unser Land hat. Zudem besteht die Gefahr, dass sich Terroristen aus Algerien und Libyen zusammenschließen.

Wer sind die Täter des Bardo-Museums?

Die beiden erschossenen Terroristen sind nach Angaben aus Kreisen der Polizei sehr jung und Grenzgänger zwischen Algerien und Tunesien. Hinter dieser Operation stehen nach meiner Einschätzung die Extremisten von Okba Ibn Nafaa, einer Terrorzelle der al-Qaida im Islamischen Maghreb (Aqim). Die Gruppe besteht zu 70 Prozent aus Algeriern und zu 30 Prozent aus Tunesiern. Sie ist sehr gut organisiert und hat sich in den Chaambi-Bergen nahe der Grenze zu Algerien verschanzt. Dort operiert auch ein zweites Terrorkommando – Ansar al-Sharia. Ansar al-Sharia ist jedoch von den Sicherheitskräften in letzter Zeit stark dezimiert worden. Es gab 1500 Verhaftungen. Ihre Führung sitzt entweder im Gefängnis oder ist im Exil. Die viel gefährlichere und radikalere Gruppe ist Okba Ibn Nafaa. Sie sind verantwortlich für zahlreiche Terroraktionen, vor allem für das Massaker an tunesischen Soldaten im Juli 2014 während des Ramadan mit 15 toten Soldaten.

Wie gut ist Tunesiens Polizeiarbeit gegen den Terror?

Seit der Revolution des Arabischen Frühlings 2011 gab es in Tunesien 28 Terroranschläge, bei fast allen hatten die Täter die Sicherheitskräfte im Visier. Die Arbeit von Polizei und Armee hat sich in den vergangenen Jahren wesentlich verbessert. Ihre Sicherheitsstrategie ist viel entwickelter als früher, trotzdem hat sie das Blutbad im Zentrum von Tunis nicht verhindert. Das Tückische bei dem Anschlag in Tunis ist, dass die Attentäter sich mit Uniformen verkleidet haben.

Wie groß ist die Gefahr des „Islamischen Kalifats“ für Tunesien?

Etwa 3000 junge Tunesier kämpfen in Syrien und Irak, erstaunlich viele stammen aus der Mittelklasse, haben studiert, waren arbeitslos oder hatten eine Nähe zu salafistischen Kreisen. Die Ennahda-Partei in Tunesien glaubt ja auch an die Idee eines Kalifats. Das ist eigentlich ein theologisches Konzept, das Radikale in Syrien und Irak jetzt mit extremer Gewalt in die Tat umsetzen wollen. Ennahda muss daher überlegen und tut das auch, ob sie sich von dieser Idee des politischen Islam nicht komplett verabschiedet. Die weit überwiegende Mehrheit der Muslime in Tunesien kann mit einem „Islamischen Kalifat“ nichts anfangen. Der Islam hier ist tolerant. Um den Terror zu bekämpfen, muss man solche moderaten Einstellungen stärken. Aber wir müssen auch die soziale Lage in armen Stadtvierteln und Regionen verbessern, aus deren Milieus viele Terroristen stammen. Wir brauchen also eine dreifache Strategie – Sicherheit durch den Staat, Stärkung des moderaten Islam und Besserung der sozialen Lage.

Wie kann die EU Tunesien helfen?

Das Wichtigste wären Investitionen und Hilfen bei der Ausrüstung von Polizei und Armee. Wir brauchen bessere Waffen und effektive Grenzsicherungssysteme sowie Training der Sicherheitskräfte. Und wir brauchen einen kräftigen Sprung unserer Volkswirtschaft nach vorn.

ZUR PERSON

Alaya Allani (58) ist Professor für Zeitgeschichte an der Manouba-Universität in Tunis. Der Autor zahlreicher Publikationen ist einer der führenden tunesischen Experten für islamistische Bewegungen und Terrorgruppen im Nahen Osten. [ Katharina Eglau ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2015)

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