Die verdrängte Atomgefahr

Weltweit erneuern die Atommächte ihre Arsenale. Die Krise um die Ukraine hat die zerstörerischen Waffen wieder offen ins Spiel gebracht. Experten warnen vor einer globalen Katastrophe.

MUSHROOM CLOUD OF FIRST HYDROGEN BOMB TEST
MUSHROOM CLOUD OF FIRST HYDROGEN BOMB TEST
(c) Reuters Photographer / Reuter

Die Wissenschaftler der Fachzeitschrift „Bulletin of the Atomic Scientists“ sind nicht für ihren Alarmismus bekannt. Doch neulich warnten sie vor dem Weltuntergang: Die Atomkriegsuhr – ein symbolischer Gradmesser für die globale Katastrophe – stehe auf drei Minuten vor zwölf. Rund um den Erdball sei ein neuer nuklearer Rüstungswettlauf im Gang, Russland und die USA hätten massive Programme zur Modernisierung ihrer Atomwaffen gestartet. Zuletzt hatten die Experten 1984 die Wahrscheinlichkeit einer globalen Katastrophe so hoch eingeschätzt, inmitten des Kalten Krieges.

Jahrzehntelang war die Gefahr eines Atomkriegs aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt. Von Nuklearwaffen war nur noch im Zusammenhang mit den Iran-Verhandlungen die Rede. In Österreich weiß zwar fast jeder über Atomkraftwerke wie Temelín Bescheid – dass unweit der Grenze im norditalienischen Aviano US-Atomwaffen lagern (siehe Seite2), ist den wenigsten bekannt.

Die Ukraine-Krise hat die Massenvernichtungswaffen wieder offen ins Spiel gebracht. Russlands Präsident, Wladimir Putin, gestand jüngst ein, in der Krim-Krise kurz davor gewesen zu sein, seine Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft zu setzen. Seit Jahren schon wendet er einen bedeutenden Teil des rasant wachsenden Militärbudgets dafür auf, um die russischen Kernwaffen auf den neuesten Stand zu bringen. So will der Kreml auch eine Schwäche bei konventionellen Waffen im Vergleich zur Nato wettmachen.

„Wir sehen eine steigende Rolle von Kernwaffen“, sagt Tariq Rauf vom Stockholm International Peace Research Institute (Sipri). „Und es gibt keine relevanten Verhandlungen über eine Reduzierung der Waffen.“ Und dann besteht noch die Gefahr, dass weitere Staaten in den Besitz von Nuklearwaffen gelangen. Fünf offizielle Atommächte gibt es: USA, Russland, Frankreich, Großbritannien und China. Dazu gesellten sich Indien, Pakistan, Nordkorea – und unausgesprochen auch Israel. Je mehr Akteure die Bombe haben, desto größer die Gefahr, dass die zerstörerische Waffe unkontrolliert weitergegeben wird, vielleicht sogar an eine Terrororganisation. Auch deshalb bemüht sich die Staatengemeinschaft so hartnäckig, den Iran von der Bombe abzuhalten.

 

Das Ende der Prager Vision

Vor sechs Jahren noch entwarf US-Präsident Barack Obama in seiner Prager Rede die Vision einer atomwaffenfreien Welt. Mittlerweile gab er den Auftrag, das US-Arsenal für geschätzte 355 Milliarden Dollar in den nächsten zehn Jahren zu modernisieren. Sonst hätte er auch das START-Abrüstungsabkommen von 2010 nicht durch den Kongress gebracht. Der Vertrag verpflichtete Russland und die USA, die Zahl der stationierten Atomsprengköpfe von je 2200 auf 1550 zu reduzieren. Gespräche über weitere Abrüstungsschritte gibt es nicht – auch, weil Russland China fürchtet, das sein Arsenal ausbaut.

Längst sind im Zuge der Ukraine-Krise auch die Stimmen in der Nato verstummt, die die verbleibenden 180 US-Atomwaffen aus Europa schaffen wollten. „Vor fünf Jahren haben wir über einen Abzug der Waffen geredet“, sagt Oliver Meier von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. „Jetzt diskutiert die Nato, ob sie die in Europa stationierten Waffen aufwerten soll und was noch an Abschreckung gebraucht wird.“

Länder wie Polen und Tschechien sehen das Schicksal der Ukraine vor sich und thematisieren die Stationierung weiterer US-Atomwaffen in Europa. Denn mit den Waffen kommen auch US-Soldaten. Und würde ihr Blut vergossen, setzte das „jeden amerikanischen Präsidenten unter Druck zu handeln“, wie Sipri-Experte Rauf anmerkt.

Im Jahr 2015 setzen Politiker und Militärs wieder auf Atomwaffen. Die Welt wird dadurch nicht sicherer.

AUF EINEN BLICK

Etwa 17.000 Atomwaffen gibt es weltweit noch, die allermeisten davon in den USA und Russland. Während vor fünf Jahren es noch so ausgesehen hat, als könnte eine Abrüstung Wirklichkeit werden, und selbst US-Präsident Barack Obama in seiner Rede in Prag 2009 die Vision einer atomwaffenfreien Welt entworfen hat, setzen die Atommächte heute wieder stärker auf ihre Nuklearstreitkräfte. Da Russland und die Vereinigten Staaten massive Programme gestartet haben, um ihre Arsenale auf den neuesten Stand zu bringen, sprechen Experten schon von einem neuen globalen Rüstungswettlauf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2015)

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