Angriff auf Atombasis Aviano hätte desaströse Folgen für Österreich

Szenario. Expertenanalyse zeigt: Radioaktive Wolke nach Attacke auf Atomstützpunkt in Italien zöge bis Tschechien.

US-H BOMB-ANNIVERSARY
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(c) EPA

Welche potenziellen Folgen hätte ein Atomwaffeneinsatz für Österreich? Mit dieser Frage richtete sich das Außenministerium an die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien-Döbling. Die ZAMG analysiert Wetterverhältnisse, Erdbeben, die Folgen von Umweltkatastrophen und einem möglichen AKW-Unfall. Aber Atomwaffen? „Dafür hatten wir keine Prozeduren“, sagt Gerhard Wotawa, Leiter des Bereichs Daten, Methoden und Modelle. Hintergrund der Anfrage: In unmittelbarer Nähe zu Österreich lagern US-Atomwaffen, etwa auf der Militärbasis Aviano in Norditalien, die nur 70 Kilometer von der Grenze entfernt liegt. Was, wenn dort etwas passierte?

Das Außenministerium will auf solche Fragen aufmerksam machen. Wien hat sich an die Spitze einer Initiative von Nicht-Nuklearstaaten gesetzt, die vor den weltweiten humanitären Folgen einer Atombombenexplosion warnt. Zigtausende Tote, Flüchtlingskrisen, großflächige Gebiete verseucht – damit wollen mittlerweile 170 Staaten die Atommächte unter Druck setzen, endlich abzurüsten. Stoßrichtung der Kampagne: Atomwaffen gehen uns alle an, weil sich eine Katastrophe nicht an Landesgrenzen hält.

 

Atompilz weit über den Alpen

Der Fall, den die ZAMG mit der US-Organisation Natural Resources Defence Council (NRDC) dann analysierte, wäre ein typisches militärisches Einsatzszenario: Eine 200-Kilotonnen-Bombe wird auf eine Atombasis abgeworfen, um die Bunker zu zerstören, in denen die Atomwaffen des Gegners gelagert werden. Der Stützpunkt in diesem Fall: Aviano. „Wir wollten wissen: Ist Österreich so weit weg, dass es keine Auswirkungen gäbe? Schützen die Alpen vor dem Fallout?“, sagt Matthew McKinzie vom NRDC. Antwort: nein. McKinzie: „Der Atompilz würde die Berge bei Weitem überragen.“

Fallout – das ist der radioaktive Niederschlag, den es gibt, wenn der Feuerball, der bei einer Explosion entsteht, den Boden berührt und dadurch Asche und Staub aufwirbelt. Die radioaktiven Partikel gelangen in die Atmosphäre und werden weitergetragen – je nach Wind- und Wetterverhältnissen viele tausend Kilometer weit. Die Analyse zeigt, dass die radioaktive Wolke sich – je nach Windverhältnissen – weit über Österreich ausbreiten könnte. Innerhalb von zwei Tagen könnten nahe der italienischen Grenze bis auf Höhe von Klagenfurt Werte erreicht werden, die Lebensrettungsmaßnahmen erforderlich machen. Der Süden Österreichs bis über Salzburg hinaus müsste evakuiert werden. Und ein großer Teil der österreichischen Bevölkerung müsste in Schutzräumen Zuflucht suchen.

Je nach Wetterverhältnissen – das belegen Daten der ZAMG – könnten aber auch noch weiter entfernte Gegenden Europas verstrahlt werden. Regen bringt die Radionuklide in den Boden. Eine Berechnung auf Basis von realen Wetterdaten von Oktober und November 2014 zeigt Hotspots auch in der Slowakei, Ungarn, im Norden Tschechiens und bis hinauf ins Baltische Meer. „Ein Atombombeneinsatz hätte insgesamt viel schwerwiegendere Auswirkungen als ein Unfall in einem Kernkraftwerk“, fasst ZAMG-Experte Wotawa zusammen.

„Es ist den meisten Menschen nicht bewusst, dass auch 25 Jahre nach dem Kalten Krieg noch sehr viele Atomwaffen in Europa vorhanden sind“, sagt der Leiter der Abrüstungsabteilung im Außenministerium, Alexander Kmentt.

(c) Die Presse

Wenn Ende April die Staatengemeinschaft in New York zur Überprüfungskonferenz des Atomwaffensperrvertrags (NPT) zusammenkommt, wollen die Nicht-Nuklearstaaten wieder auf Abrüstungsschritte drängen – schließlich sieht der Vertrag das vor. Bei der Konferenz sollen weitere Untersuchungen von ZAMG und NRDC analysiert werden. Hypothetisches Szenario diesmal: ein Atomkrieg zwischen Russland und dem Westen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2015)

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