Holocaust-Gedenken: "Die Welt hat Lektion nicht gelernt"

Präsident Rivlin und Premier Netanjahu erinnerten an den Holocaust. Netanjahu nutzte den Anlass, um neuerlich vor nuklearer Aufrüstung des Iran zu warnen, den er mit NS-Regime verglich.

(c) REUTERS (AMMAR AWAD)

Für zwei Minuten heulten um Punkt zehn Uhr Ortszeit die Sirenen auf, ließen Autofahrer ihre Fahrzeuge anhalten und die Menschen im Gedenken an die Opfer der Naziverfolgung innehalten. Israel beging gestern, am Donnerstag, den Holocaust-Tag mit Kranzniederlegungen und der traditionellen Zeremonie der Namenslesung von den in Konzentrationslagern ermordeten Juden.

Zum Auftakt der Feierlichkeiten am Vorabend nutzte Regierungschef Benjamin Netanjahu den Anlass zur erneuten Warnung vor einer iranischen Atommacht. Der sich abzeichnende Kompromiss mit Teheran sei Beweis dafür, dass die Welt die Lektion der Shoah nicht gelernt habe, meinte er und zog den Bogen zwischen Nazi-Deutschland und dem Iran. „Die Westmächte haben einen schlimmen Fehler begangen“, als sie eine friedliche Lösung mit dem Hitler-Regime anstrebten, sagte Netanjahu und zeigte sich überzeugt davon, „dass sie auch jetzt wieder einen bitteren Fehler machen“.

Die offiziellen Zeremonien, die an beiden Tagen in Jad Vashem, der Gedenkstätte für die jüdischen Holocaust-Opfer, wie auch in der Knesset stattfanden, standen unter dem Motto „Qual der Befreiung und Rückkehr ins Leben“. 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges dürfe der „Horror der Vergangenheit“, so mahnte Staatspräsident Reuven Rivlin, „uns unsere Zukunft nicht diktieren“.

 

Israels „Muselmänner“

Während Netanjahus Rede eher an die westlichen Mächte gerichtet war, die derzeit über einen Kompromiss mit Teheran verhandeln, konzentrierte der erkennbar bewegte Staatspräsident seine Ansprache auf das Leid der Überlebenden und ihren schweren Weg zurück ins normale Leben. „Muselmänner, so nannte man sie.“ Er selbst erinnere sich noch gut an die Zeit, als die ersten Überlebenden nach Palästina kamen, „die ersten, bei denen wir eine Nummer auf dem Arm sahen“.

Sechs Überlebende zündeten im Verlauf der abendlichen Zeremonie in Jad Vashem Lichter an – symbolisch für die sechs Millionen ermordeten Juden. Der Präsident sprach vom Holocaust und der Wiederauferstehung. Auschwitz sei „der schreckliche Tiefpunkt“ gewesen, doch die jüdische Geschichte „hat nicht mit dem Holocaust angefangen, und sie hört nicht damit auf“. Es gelte, nach vorn zu blicken, mahnte Rivlin – „und eine Zukunft zu bauen“.

Die Zahl der in Israel lebenden Menschen, die einst den Nazis entkommen konnten, wuchs im Vorjahr von 180.000 auf 193.000 an, denn die Behörden erkennen neuerdings auch die aus Libyen immigrierten Juden und alle, die während des Zweiten Weltkrieges in von Deutschland besetzten Gebieten lebten, als Holocaust-Überlebende an. Laut der Zeitung „Jediot Ahronot“ sterben im Durchschnitt jeden Monat 1000 Holocaust-Überlebende, jeder Vierte von ihnen lebt unter der Armutsgrenze.

Präsident Rivlin dankte den Überlebenden. Sie seien es gewesen, die „uns den Weg des Lebens wiesen“, die „ein nationales Haus und ein privates Haus aufbauten“. Rivlin erinnerte auch an die, die noch in den ersten Wochen nach dem Krieg an den Folgen von Krankheit und Unterernährung starben und an die, die drei Jahre später im israelischen Unabhängigkeitskrieg starben. Den Staat Israel als „Wiedergutmachung für die Shoah“ zu betrachten lehnte er strikt ab. Dennoch werde Israel Antisemitismus immer bekämpfen. „Wir werden den Kopf nicht senken vor der Gefahr.“

 

Angst vor nuklearem Holocaust

Die Angst vor einem nuklearen Iran quält die zweite Generation, die Kinder der Holocaust-Überlebenden, einer aktuellen Studie zufolge deutlich mehr als jene, deren Eltern nicht verfolgt wurden. Die Forschungsergebnisse des Psychologen Amit Shrira von der Bar-Ilan-Universität zeigen, dass die Angehörigen der zweiten Generation „in Stresssituationen Verletzbarkeiten aufweisen“, die andere Menschen nicht hätten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2015)

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