Bilderberg-Konferenz: Ein Who's who im Herrgottswinkel

Die Bilderberg-Konferenz geht heuer in den Tiroler Bergen über die Bühne. Verschwörungstheoretiker raunen gerne von einer „Weltregierung“, Gäste preisen das Gesprächsklima.

RUSSIA USA PUTIN KISSINGER
RUSSIA USA PUTIN KISSINGER
KISSINGER – (c) EPA (Sergei Chirikov)

Für Drachenflieger, Paraglider und sonstige Flugobjekte ist dieser Tage der Luftraum um die Hohe Munde und über dem Seefelder Plateau gesperrt. Wer unverfänglich über Stock und Stein wandert, über Pfade und Klettersteige im Wettersteingebirge an der Grenze zwischen Tirol und Bayern kraxelt, stößt auch abseits der Almhütten unvermittelt auf Polizeipatrouillen in Bergfex-Montur.

Der zweitägige G7-Gipfel auf Schloss Elmau und anschließend die Bilderberg-Konferenz in Telfs Ende der Woche versetzen das Alpenidyll dies- und jenseits der Grenze in einen Ausnahmezustand. Vor Wochen schon zogen Österreich und Deutschland ihre Sicherheitskräfte in einer konzertierten Aktion für den Sondereinsatz in der zweiten Juniwoche zusammen, um für die beiden internationalen Großkonferenzen innerhalb eines Radius von 50Kilometern, die Globalisierungskritiker und Verschwörungstheoretiker in die Bergwelt locken, gewappnet zu sein.


Geschäfte des Prinzen. Hatte Gastgeberin Angela Merkel Schloss Elmau in der Abgeschiedenheit des weiß-blauen Herrgottswinkels zum Ort des G7-Treffens in Eigenregie bestimmt, so fiel die Wahl auf das Fünf-Sterne-Hotel Interalpen in Telfs als Kulisse für die jährliche Tagung der „Bilderberger“ im vorigen Sommer quasi aus heiterem Himmel – so ganz überraschend indes auch wieder nicht. Das Hotel, ein Dreispitz inmitten pittoresker Berglandschaft auf 1300 Metern Seehöhe mit nur einer Zufahrtsstraße, hatte die Bilderberg-Konferenz 1988 bereits einmal ausgerichtet, und das – im Gegensatz zu G7-Gipfeln, die stets im Fokus der Weltöffentlichkeit stehen – ohne großes Aufhebens.

„Ausgebucht für eine exklusive Veranstaltung“, so lautet die lakonische Auskunft an der Rezeption des Luxushotels. Geheimnisumwittert war das Treffen eh und je, ein Markenzeichen seit der Gründung im Jahr 1954 im niederländischen Hotel De Bilderberg in Oosterbeek. Im eigenen Hotel hob damals Prinz Bernhard die Konferenz aus der Taufe, um in Zeiten des Kalten Kriegs – so die Sorge prononcierter proamerikanischer Kreise in Europa – dem Antiamerikanismus entgegenzutreten und die transatlantischen Beziehungen zu hegen und zu pflegen.

Der Prinz, der die Geschäfte des elitären Klubs mehr als 20 Jahre führte, pflegte sie indessen zu sehr: 1976 stürzte er über eine Millionen-Dollar-Provision in der Lockheed-Korruptionsaffäre; der Skandal zog so weite Kreise, dass die „Bilderberger“ ihre Konferenz im US-Kurort Hot Springs kurzerhand absagten. Dem holländischen Prinzgemahl folgten der britische Ex-Premier Alec Douglas-Home, der deutsche Ex-Präsident Walter Scheel, der britische Ex-Nato-Generalsekretär Peter Carrington und nunmehr der Franzose Henri de Castries, Chef des Versicherungskonzerns Axa und Sarkozy-Freund.

Nach 1979 im Grand Hotel Sauerhof bei Baden geht das Treffen des ominös-exklusiven Zirkels nun also zum dritten Mal in Österreich über die Bühne. Ein Anteil am rot-weiß-roten Ambiente wird wohl dem Einfluss des Ex-Kulturministers Rudolf Scholten zuzuschreiben sein. Der Generaldirektor der Kontrollbank, als Präsident des Bruno-Kreisky-Forums und Aufsichtsratspräsident der Wiener Festwochen ein kunstbeflissener Netzwerker, sitzt im 30-köpfigen Exekutivkomitee der Bilderberg-Konferenz, dem die handverlesene Einladung der Teilnehmer und die Themenwahl vorbehalten ist. Deklarierte Absicht ist es, eine frische Perspektive in die Runde zu bringen. Zwei Drittel der 120 bis 150 Gäste, so die Formel, rekrutieren sich aus dem politisch-wirtschaftlichen Establishment Europas, ein Drittel aus den USA – wobei das weibliche Führungspersonal krass unterrepräsentiert ist.

Hochkarätig besetzt ist die Tagung allemal, und in Tirol darf ein lokaler Anstrich nicht fehlen. Präsident Heinz Fischer wird den Spitzen aus Politik und Business heuer zum zweiten Mal seine Aufwartung machen, nicht aber Werner Faymann, wie aus dem Kanzleramt verlautete. Der Kanzler war bereits drei Mal zu Gast bei den „Bilderbergern“, die sich renommieren, Shooting Stars der Politik à la Margaret Thatcher, Bill Clinton, Tony Blair, Angela Merkel oder Barack Obama vor ihrem Aufstieg an die Macht „entdeckt“ und zum „Beschnuppern“ in den erlauchten Kreis gebeten zu haben.

Dass hinterher eine parlamentarische Anfrage der Opposition an Faymann erging, zeugt von der zweifelhaften Reputation der „Bilderberger“ in der Öffentlichkeit und mag den Kanzler von einer weiteren Teilnahme abgehalten haben. Ansonsten gilt eine Einladung jedoch als Ehre und Anerkennung, wie viele hinter vorgehaltener Hand versichern. Die Ex-Kanzler Franz Vranitzky und Alfred Gusenbauer folgten dem Ruf ebenso wie die Ex-Minister Hannes Androsch oder Martin Bartenstein, Erste-Bank-Chef Andreas Treichl und Raiffeisen-Bank-Chef Walter Rothensteiner. In den vergangenen Jahren zählte „Standard“-Gründer Oscar Bronner zu den Stammgästen, die sich unter das Who's who der transatlantischen Elite mischten. Die „Bilderberger“ versammeln alle, die in Europa und den USA Rang und Namen haben.


Breites Spektrum. Das politisch breite Spektrum reichte in der Vergangenheit von gekrönten Häuptern wie den Königinnen Beatrix aus den Niederlanden und Sofia aus Spanien über Regierungschefs, Minister und EU-Kommissare bis hin zu Spitzen aus Industrie und Wirtschaft. Henry Kissinger, der mittlerweile 92-jährige, legendäre Ex-US-Außenminister, gehört als Deuter der geopolitischen Verwerfungen ebenso zum Stammpersonal wie Josef Ackermann, der langjährige Ex-Chef der Deutschen Bank, oder der damalige österreichische Siemens-Boss Peter Löscher. Ideologisch spannt sich der Bogen der Gäste vom Schweizer Rechtspopulisten Christoph Blocher über die neokonservativen „Bush-Krieger“ Paul Wolfowitz und Richard Perle, Ex-Weltbankchef Robert Zoellick, die IWF-Chefin Christine Lagarde und den früheren SPD-Finanzminister Peer Steinbrück bis zu den deutschen Ober-Grünen Joschka Fischer und Jürgen Trittin, die sich prompt Kritik aus den eigenen Reihen ausgesetzt sahen.


Mythenumrankt. Die „Bilderberger“ umweht zwar das Odium der Geheimniskrämerei – manche behaupten sogar das einer Weltverschwörung –, doch im Zeitalter von Internet und Twitter ist auch in diesen Zirkel zumindest eine Spur von Transparenz eingezogen. Das Büro der „Bilderberger“ veröffentlicht – nachgerade ein Novum – Teilnehmerlisten und Themenagenda, freilich erst im Nachhinein, wobei die Wortmeldungen im Protokoll nicht mit den Rednern assoziiert sind, sondern lediglich mit ihren Herkunftsländern. Die vorjährige Teilnehmerliste, die Mitwirkung des damaligen Nato-Generalsekretärs Rasmussen und des Nato-Kommandeurs Philip Breedlove, lässt darauf schließen, dass sich die Tagung unter anderem explizit um die Ukraine-Krise gedreht hat.

Nach zehn Minuten, so heißt es, signalisiert ein rotes Lämpchen das Ende des Redebeitrags. Die sogenannten „Chatham House Rules“, die verbürgte Zitate ausschließen, verhindern Sprechblasen wie auf Pressekonferenzen oder in Interviews und befördern ein offenes Diskussionsklima. Zugleich ranken sich – ähnlich wie bei Freimaurerlogen – aber auch allerlei Mythen um die Allmacht des „Geheimbunds“, und es gedeiht das konspirative Geraune von der „Weltregierung“, wie es Kubas Langzeitdiktator Fidel Castro im Zentralorgan „Granma“ unters Volk brachte. Laut Verschwörungstheorien sollen die „Bilderberger“ die Schaffung der EU, die Ölkrise, die Wiedervereinigung Deutschlands oder die Irak-Invasion initiiert haben. Die Rothschilds und Rockefellers, so die unausrottbare Fama, würden die Geschicke der Gesellschaft und der Großfinanz lenken.

Weil die prominenten Gäste zur Diskretion, ja, zum Stillschweigen verpflichtet sind, wuchern die Spekulationen über Tun und Treiben der „Bilderberger“. Für die paar handverlesenen Journalisten – darunter der frühere „Economist“-Chef John Micklethwait, TV-Moderator Charlie Rose und infolge des Einflusses der „Zeit“-Granden Marion Gräfin Dönhoff und Helmut Schmidt je ein Korrespondent der Hamburger Wochenzeitung – gilt umso mehr die Devise „off the record“. In einem Interview in seinem eigenen Blatt stellte Oscar Bronner allerdings klar: „Es gibt keine Resolutionen, keine Beschlüsse, nichts. Es gibt keine spezielle politische Ausrichtung.“

Was die Augen- und Ohrenzeugen ansonsten zu erzählen haben, ist indessen mehr oder weniger nichtssagend. Verschwörungstheorien weisen sie unisono zurück. „Niemand glaubt ernsthaft daran, von diesen Treffen könne irgendeine Wirkung ausgehen“, konstatierte einmal der US-Ökonom John Kenneth Galbraith. Immerhin, Etienne Davignon rühmt sich, dass eine Diskussion der „Bilderberger“ den Impuls für die Einführung des Euro gegeben habe. Und der muss es schließlich wissen: Der Belgier hatte zwölf Jahre den Vorsitz inne.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2015)

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