"Operation Sturm": Ärger in Serbien über kroatische Siegesparade

Zagreb feiert Rückeroberung der Krajina vor 20 Jahren als Befreiung. Die unterschiedliche Sicht auf die Kriege in Bosnien und Kroatien überschattet noch immer die Beziehungen der einstigen Bruderrepubliken.

(c) imago/Pixsell

Belgrad/Zagreb. Die einen feiern, die anderen trauern. Mit einer bombastischen Militärparade in Zagreb hat Kroatien am Montag stolz des 20.Jahrestags des Beginns der sogenannten Operation Sturm zur Rückeroberung der Krajina gedacht: Als Höhepunkt der Gedenkfeiern sollte in Knin ein neues Denkmal des damaligen Kriegspräsidenten Franjo Tudjman enthüllt werden. Es sei ihm zwar klar, dass für einige Staaten die Aktion Sturm kontrovers sei, so Premier Zoran Milanović. Doch Kroatiens Generäle seien vor dem UN-Tribunal in Den Haag von allen Anschuldigungen freigesprochen worden, die dem Land und seiner damaligen Führung aufgebürdet worden seien: „Dennoch müssen wir weiterhin erklären, dass wir zivilisiert und anders als die anderen sind.“

Einen bitteren Geschmack hinterlassen die Jubelfeiern der Nachbarn hingegen beim einstigen Kriegsgegner Serbien, bei Bosniens Serben und Kroatiens stark geschrumpfter serbischer Volksgruppe: Denn die dauerhafte Vertreibung von 200.000 Krajina-Serben aus ihrer angestammten Heimat sowie die über 1850 Todesopfer werden in Kroatien allenfalls von wenigen Bürgerrechtlern thematisiert. Von einem „Verbrechen ohne Strafe“ spricht verbittert die serbische Zeitung „Blic“, von der größten „ethnischen Säuberung“ seit dem Zweiten Weltkrieg die Flüchtlingsverbände und Würdenträger in Belgrad und Banja Luka, die den 5.August zum Tag der nationalen Trauer erklärt haben.

Ein Granatenhagel auf Knin leitete im Morgengrauen des 4.August 1995 die Großoffensive ein, bei der kroatische Militär- und Polizeieinheiten innerhalb von 84 Stunden den Großteil der 1991 proklamierten Republika Srpksa Krajina einnahmen, fast ein Fünftel des Staatsterritoriums Kroatiens. Die serbischen Paramilitärs leisteten nur begrenzten Widerstand: Serbiens Autokrat Slobodan Milošević hatte den organisierten Truppenrückzug nach Bosnien durch den Austausch der Führung der Armee der Krajina-Serben längst vorbereitet.

Mehr als 170.000 zu Beginn des Kroatien-Krieges vertriebene Kroaten konnten dank der Operation Sturm in ihre Dörfer und Städte in der Krajina zurückkehren. Dafür machten sich aus dem dalmatischen Hinterland im August 1995 neue Flüchtlingstrecks in die serbisch kontrollierten Teile Bosniens und ins serbische Mutterland auf den Weg.

 

Umstrittene Freisprüche

Als Drahtzieher einer „kriminellen Vereinigung“ zur Vertreibung der Krajina-Serben machte das Haager Tribunal in seinem Urteil in erster Instanz 2011 nicht nur den zunächst zu 24 Jahren Haft verdonnerten Exgeneral Ante Gotovina, sondern zum Entsetzen Zagrebs auch den verstorbenen Staatsgründer Tudjman aus. Die von einem US-Richter geführte Berufungsinstanz sprach die Generäle aber 2012 frei. Das sorgte in Kroatien für Jubel – und bei den Serben für Verbitterung.

Die unterschiedliche Sicht auf die nun zwei Jahrzehnte zurückliegenden Kriege in Bosnien und Kroatien überschattet noch immer die Beziehungen der einstigen Bruderrepubliken. Nichts habe sich 20 Jahre nach dem Krieg geändert, konstatierte am Dienstag ernüchtert die Zeitung „Euro Blic“ in Banja Luka: „Außer, dass wir nun das Web haben, mit dem man noch leichter und schneller Hass säen kann.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2015)

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