Hoffnungsschimmer in Zypern

Seit der Wahl in Nordzypern haben die Friedensgespräche einen positiven Verlauf genommen. Noch nie standen die Chancen für eine Einigung so gut, sagen Beobachter.

CYPRUS LEADERS DIPLOMACY
CYPRUS LEADERS DIPLOMACY
Nikos Anastasiadis und Mustafa Akıncı – (c) APA/EPA/CYPRIOT PRESS OFFICE/HAN (CYPRIOT PRESS OFFICE/HANDOUT)

Wien/Nikosia. Es schadet der Beziehung zwischen Nikos Anastasiadis und Mustafa Akıncı bestimmt nicht, dass beide Politiker im selben Bezirk – Limassol im Süden der Republik Zypern – auf die Welt gekommen sind. Dort treffen beide einander gern. Privat. Und für die geteilte Insel Zypern können diese Zusammenkünfte nur Gutes bedeuten: Anastasiadis, Präsident des griechischen Teils der Insel, und Akıncı, sein türkischer Konterpart, sind wild entschlossen, den jahrzehntelang währenden Inselstreit endlich zu beenden. Andere Politiker vor ihnen mögen das auch gewesen sein, aber aus Zypern ist zu hören, dass die Chancen auf eine Einigung noch nie so hoch waren wie jetzt.

Der Sozialdemokrat Akıncı ist seit Ende April Präsident Nordzyperns, sein Vorgänger, der nationalkonservative Derviş Eroğlu, wurde bei den letzten Wahlen abgestraft. Zuletzt war es der Streit um die Erdgasreserven, der ein vorläufiges Ende der Friedensverhandlungen bedeutete: Die Republik Zypern ist für die Ausbeutung eine strategische Partnerschaft mit Israel eingegangen, woraufhin sich Nordzypern übergangen fühlte. Die Türkei, Schutzmacht Nordzyperns, schickte selbst Forschungsschiffe ins Mittelmeer. Wütend verließ Anastasiadis den Verhandlungstisch und kam, trotz mehrerer Aufforderungen Eroğlus, nicht mehr zurück.

 

Neue Übergänge

Mit Akıncı weht nun ein anderer Wind. Im Mai schlenderten er und Anastasiadis einträchtig durch die Straßen der geteilten Hauptstadt Nikosia und zeigten sich beim Trinken von Zivania, dem lokalen Schnaps. „Wir merken, dass beide Seiten eine Lösung wollen“, sagt Aleem Siddique von den Vereinten Nationen in Zypern zur „Presse“, „und beide Seiten sprechen offen mit ihren Bürgern über den Prozess. Das ist neu“. Für Siddique ist eine „historische Möglichkeit“ greifbar.

Die UN, die noch rund 1000 Soldaten auf der Insel stationiert haben, koordinieren die Verhandlungen. Derzeit steht das schwierige Thema Grundstücksrechte auf der Agenda, die ebenfalls heikle Erdgasfrage ist auch offen. Den Inselbürgern muss vermittelt werden, so Siddique, dass vom Erdgas beide Seiten profitieren können. Bisher ist das jedenfalls nicht gelungen. In anderen Bereichen hingegen wurden in den vergangenen Wochen Fortschritte erzielt: Entlang der Grenze werden mindestens zwei neue Übergänge eröffnet, die zu den sieben bestehenden dazukommen; die Ausstellung von Visa soll entbürokratisiert werden. Auch das Mobilfunknetz wird vereinheitlicht – derzeit sind die Netze getrennt, Anrufe werden teilweise über die Türkei umgeleitet.

Die Insel ist seit 1974 geteilt, seit der Landung türkischer Truppen. Davor war Zypern von den Briten annektiert, die den ethnischen Konflikt zwischen Türken und Griechen bisweilen selbst angefacht haben. Der blutige Konflikt ist freilich bis heute eine offene Wunde auf beiden Seiten. Jüngst hat Akıncı als erster nordzypriotischer Präsident das Leid auf der griechischen Seite anerkannt, was Anastasiadis wohlwollend zur Kenntnis genommen hat.

Nordzypern ist weitgehend isoliert und wird durch finanzielle Zuwendungen aus Ankara auf den Beinen gehalten. Die griechische Seite fürchtet den Einfluss der Türkei auf die Verhandlungen, zumal sich im Juli, zum Jahrestag des türkischen Einmarsches, der türkische Präsident, Recep Tayyip Erdoğan, persönlich auf der Insel blicken ließ. Ankara gibt sich aber zurückhaltend. Nordzyperns Außenministerin, Emine Çolak, betonte gegenüber Medien, dass die Türkei keine Rolle bei den aktuellen Verhandlungen spiele.

Ihren Bürgern haben die Präsidenten beider Seiten versichert, dass es ein Referendum über eine mögliche Einigung geben werde. Zuletzt kursierten Gerüchte, dass die Zivilgesellschaft übergangen werden könnte. Vor elf Jahren lehnte die griechische Seite in einem Referendum Pläne für eine Föderation aus zwei Teilstaaten ab, während die türkische Seite dafür plädierte. Çolak meint, dass sich die Voraussetzungen nun geändert haben, zumal die griechische Seite mit einer schweren Finanzkrise zu kämpfen hatte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2015)

Kommentar zu Artikel:

Hoffnungsschimmer in Zypern

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen