Schlepper: Das Geschäft mit dem Traum Europa

Flüchtlinge nach Europa zu schleusen bringt Kriminellen Millionen ein. Immer weniger zählt, die „Fracht“ lebend abzuliefern.

(c) APA/EPA/VASSIL DONEV (VASSIL DONEV)

Wien. Die gefährliche Reise ins Ungewisse beginnt im Internet und klingt wie die Werbung für eine Luxuskreuzfahrt mit mehreren Anlaufstellen. Türkei–Libyen–Italien ist für 3800 US-Dollar zu haben. Algerien–Libyen–Italien für schlappe 2500 Dollar. Gleicher Preis gilt für die Reise mit Ausgangspunkt Sudan. Wenn es weitere Fragen gibt, sind die Organisatoren jederzeit erreichbar. Über Skype, Facebook, WhatsApp und so weiter.

Doch das Reiseangebot ist ein Werben um das Geld verzweifelter Menschen. Nicht nur über den Mittelmeerraum schleusen Schlepper täglich Tausende in die Europäische Union, auch vor allem die Route über den Balkan ist derzeit ein gutes Geschäft für die kriminellen Banden. Und seit kurzer Zeit verbreiten sie ihre Angebote auch in den sozialen Netzwerken. Es gibt Pauschalangebote, Kinder reisen oft umsonst. Und die Nachfrage ist groß: Bis Ende Juli sind 340.000 Menschen nach Europa gekommen – drei Mal so viel wie im selben Zeitraum 2014.

Der Rekordanstieg der weltweiten Flüchtlingszahlen verspricht dabei Rekordgewinne. Der italienische Journalist Giampaolo Musumeci, der die Hintergründe des Schlepperwesens recherchiert hat, zitierte einen Schlepper mit den Worten: „Wir analysieren Europa, wir analysieren die Gesetze – und je mehr ihr die Grenzen schließt, desto mehr Geld werden wir verdienen.“

Allein die nordafrikanischen Schmugglernetzwerke haben nach seinen Schätzungen mit den Fahrten über das Mittelmeer im vergangenen Jahr zwischen 300 und 600 Millionen Euro verdient. Dieses Jahr verspricht um ein Vielfaches lukrativer zu werden.

Deshalb, sagt das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung in Wien, werde das Schlepperwesen immer professioneller. Gab es früher so etwas wie Gelegenheitsschlepper, die sich mit ihren illegalen Aktivitäten einen Zuverdienst organisierten, konzentrierten sich heute im Hintergrund immer mehr Profis auf das Geschäft: „Da das Schleppen von Migranten eine hochprofitable illegale Tätigkeit mit relativ wenig Risiko darstellt, ist es für Kriminelle attraktiv.“ Auch Extremistengruppen sind laut einem Bericht des Norwegischen Zentrums für Globale Analyse längst auf den Zug aufgesprungen, begünstigt durch das Chaos in Libyen. So soll die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) mit der Schlepperei schon bis zu 323 Millionen US-Dollar verdient haben.

Dabei passen sich die Schlepper sehr flexibel den Bedingungen an: Wird es auf einer Route schwieriger, weichen sie sofort auf eine andere Route aus. „Das spricht sich sofort herum“, sagt ein EU-Diplomat in Eritrea.

 

Früher kleine, heute große Gruppen

Das Geschäft ist durchorganisiert, die Arbeitsteilung im Netzwerk genau definiert. Die einen werben neuen „Klienten“ an, die anderen kümmern sich um die Transporte der Flüchtlinge, wieder andere um das Geld. Eine Bande kann schon mehrere Dutzend Personen umfassen. Ins Netz gehen den Polizeibehörden in Europa dabei nur die kleinen Fische, die sofort ersetzt werden können – und oft selbst in einer Notlage sind.

„Häufig sind Schlepper einfache Leute aus niedrigen sozialen Schichten, häufig aus Ungarn oder Serbien“, sagt Oberst Gerald Tatzgern vom Bundeskriminalamt. Seit dem Arabischen Frühling 2011 haben die Flüchtlingsströme nach Europa deutlich zugenommen, durch die verschärfte Lage in Syrien, Afghanistan und Teilen Afrikas werden dieses Jahr 80.000 Flüchtlinge allein in Österreich erwartet. Es wurden seit Jahresbeginn 457 Schlepper festgenommen. „Die Nachfrage ist groß, es ist ein sehr lukratives Geschäft, das sich auch in den letzten Jahren sehr gewandelt hat“, sagt Tatzgern. Eine Reise von Syrien nach Österreich kostet bis zu 12.000 Euro. Mehr Sicherheit kostet extra.

Während früher eher kleine Gruppen geschmuggelt wurden, gibt es jetzt einen Trend zu Lkw, in denen oft 40 bis 50 Personen transportiert werden. „Man merkt, Schlepper werden skrupelloser, kümmern sich weniger darum, dass es ihrer Fracht gut geht.“ Früher habe ein Schlepper pro Überlebendem kassiert – nun pro Kopf, egal, ob man heil ankomme oder nicht.

Diese These stützt auch die traurige Entdeckung, die Polizisten auf der A4 machen mussten. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) kündigte daraufhin erneut eine härtere Vorgehensweise gegen Schlepper an: „Das sind Kriminelle. Wer jetzt noch meint, dass es sanftmütige Fluchthelfer sind, dem ist nicht zu helfen.“ Es wird verstärkte Kontrollen in internationalen Zügen und in Grenznähe geben, außerdem soll es zu Personalaufstockung im Bundeskriminalamt kommen und spezialisierte Staatsanwälte eingesetzt werden. Geplant ist auch, dass ab 2016 gesetzliche Verschärfungen für Schlepper gelten.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2015)

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