Auf ins gelobte Deutschland

Deutschland ist der bei Weitem beliebteste Zielstaat in der EU. Zum positiven Image gehört mehr als Wirtschaftskraft und Sozialleistungen. Warum aber zeigt sich Berlin so großzügig?

GERMANY REFUGEES MIGRATION CRISIS
GERMANY REFUGEES MIGRATION CRISIS
Flüchtlingsjunge in Berlin – (c) APA/EPA/BRITTA PEDERSEN (BRITTA PEDERSEN)

Wien/Berlin. Angela Merkel hat schwarze Locken, trägt rosa Ringelsocken und wohnt in einem Flüchtlingsheim in Hannover. Eine Asylwerberin aus Ghana hat ihre Tochter nach der deutschen Kanzlerin benannt, sie heißt nun Angela Merkel Adé. Aus Dankbarkeit, und weil die Namensgeberin „eine sehr gute Frau“ sei: „Mir gefällt sie.“ Die Beamten am Standesamt haben den seltsamen zweiten Vornamen lächelnd abgenickt – von wegen starr und unflexibel.

Für geschätzte 800.000 Menschen auf der Flucht vor Verfolgung wird Deutschland heuer zum gelobten Land. „Germany!, Alemania!“ – wer den ungarischen Schikanen entkommen ist, kennt nur dieses Ziel. Von 20.000 haben nur 100 in Wien Asyl beantragt, alle anderen zog es gleich weiter nach Bayern. Sicher: Die Meldung aus Berlin, das Dublin-Verfahren sei für Syrer ausgesetzt, wurde so verstärkt, dass sie wie ein Sog wirkt. Aber Deutschland zählte schon im ersten Halbjahr 41 Prozent aller Asylanträge der EU – und schickte von den Syrern fast niemanden an die Peripherie der Union zurück.

Warum wollen alle nach Deutschland, warum weckt dieses Land ähnliche Sehnsüchte wie einst Amerika? Manche Gründe sind banal: Es ist ein Land, das jeder kennt, das bevölkerungsreichste in Europa. Andere sind hoch rational: Es ist die wichtigste Wirtschaftsmacht der EU, hat die geringste Arbeitslosigkeit und einen ausgebauten Sozialstaat. Die Steuereinnahmen sprudeln, Schatzmeister Schäuble hortet dank strikter Budgetdisziplin so viele Reserven, dass er nun leicht zehn Mrd. Euro lockermachen kann. Dazu kommen großzügige Regelungen für Asylwerber, etwa, dass sie schon nach drei Monaten arbeiten dürfen. Zudem bewahrheitet sich ein Klischee: Das Gemeinwesen funktioniert besser als anderswo. Behörden und Helfer spielen fast reibungslos zusammen. Aber es geht um mehr. Um etwas, was bisher nur in Sonntagsreden stattgefunden hat: eine deutsche Willkommenskultur.

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In München, Dortmund und Hamburg eilen Einheimische zu den Bahnhöfen, stehen klatschend Spalier und verteilen Spenden. Die britische BBC hat ein Video von Szenen auf dem Münchner Hauptbahnhof gepostet, 30 Millionen Menschen haben es schon gesehen. Merkel macht ihren Mitbürgern Mut für eine gewaltige Integrationsaufgabe: „Wir schaffen das!“ Die Bilder von einem weltoffenen, freundlichen Deutschland gehen um den Globus. Auch wenn der Anlass weit ernster ist: Es ist wie damals, zur Fußball-WM 2006 – ein zweites Sommermärchen. Viele Europäer aber reiben sich verdutzt die Augen: Stand Berlin nicht eben noch, im Gezerre um Griechenland, als der unsolidarische Zuchtmeister da? Brannten nicht gerade Asylantenheime in Ostdeutschland? Hat nicht Präsident Gauck vor einem „Dunkeldeutschland“ gewarnt?

 

Strenge Regeln und Solidarität

Es gibt da keinen Widerspruch, alles hängt zusammen. So heftig die „Bild“-Zeitung gegen vertragsbrüchige Griechen gewettert hat, so kompromisslos macht sich das populäre Blatt nun für einen menschenwürdigen Umgang mit Flüchtlingen stark. Denn wenig fürchten die Deutschen mehr, als dass Rechtsextreme ihren mühsam wiederaufgebauten moralischen Status untergraben. Die Große Koalition steht eisern zusammen, keine Partei schert beim Thema Flüchtlinge aus, selbst die bayerische CSU muckt nur halblaut auf. Dass die Deutschen in der EU ständig Regeltreue einfordern, liegt in ihrem ordnungspolitischen Selbstverständnis. Ihr Grundgesetz ist ihnen heilig. Dort steht: Politisch Verfolgte genießen Asylrecht. Das setzen sie nun um, ohne Wenn und Aber. Auch das aus Österreich bekannte, unwürdige Ringen um die Aufteilung auf Bundesländer bleibt den Nachbarn erspart: Der „Königsteiner Schlüssel“ legt seit 1949 fest, wie stark sich jede Region an Finanzierungen beteiligt. Er gilt auch für Asylwerber. Und die Solidarität? Letztlich ist es dem Hauptzahler Deutschland zu verdanken, dass hunderte Milliarden Euro nach Griechenland geflossen sind. Gebetsmühlenartig hat die deutsche Politik wiederholt, dass dafür Zusagen zu erfüllen sind, dass Fairness herrschen muss. Das macht sie auch jetzt.

Mit ihrer Geste setzt sie die Länder Osteuropas unter Druck, die sich zu keinen fixen Flüchtlingsquoten verpflichten wollen – von denen Deutschland (und Österreich) profitieren würden. Statt auf die Griechen sind die Zeigefinger von Journalisten und Politikern nun auf die Polen, Tschechen und Ungarn gerichtet. Der Ton ist dabei weit entrüsteter als sonst in Westeuropa. Die moralische Hoheit ist wieder im deutschen Lager – und der Rest der Welt erkennt es respektvoll an.

Themenforum: Die Flüchtlingskrise ist auch eine Chance für Österreich und Europa, weil…

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2015)

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