Deserteure im Kampf gegen Jihadisten fliehen nach Europa

Laut Berichten und Facebook-Einträgen von Flüchtlingen geben immer mehr irakische und syrische Soldaten, ja sogar Kurdenkämpfer auf und ziehen weg.

(c) EPA (Iraqi Prime Minister Office/Hio)

Bagdad/Damaskus/Washington/Berlin. Von den Kriegsschauplätzen im Irak und Syrien kommen auch für Europa immer unangenehmere Neuigkeiten: Unter den Flüchtlingen, die von dort nach Europa ziehen, hat man zuletzt nämlich immer mehr Soldaten der irakischen Armee, dort kämpfender schiitischer Milizen und kurdischer Kampfeinheiten gefunden. Sie alle, so berichtet die Nachrichtenagentur Reuters, seien im Kampf gegen radikale Jihadisten – vor allem des sogenannten Islamischen Staats (IS) – gestanden und desertiert.

Reuters stützt sich auf Gespräche mit Migranten und eine Analyse sozialer Medien wie Facebook. Demnach hätten sich zahlreiche männliche Flüchtlinge während des Marschs in Richtung Europa oder erst dort als ehemalige Mitglieder der oben genannten Einheiten zu erkennen gegeben. Die Journalisten berichten von Facebook-Profilen irakischer und kurdischer Männer, die diese zunächst in Kampfmontur und mit Gewehr oder neben Panzern gezeigt haben. Später seien die Profilbilder getauscht worden und zeigten dieselben Männer nun etwa beim Fahrradfahren oder Entspannen in Parks in Deutschland, Österreich und Finnland.

Das Phänomen war von militärischen Fachmedien schon zuvor und auch im Konnex mit Syrien erwähnt worden. Über die Zahl der geflohenen Kombattanten wird Widersprüchliches berichtet. Ein Sprecher des irakischen Militärs wird mit den Worten zitiert, man sorge sich nicht wegen der Desertion „einiger Dutzend“ Soldaten und Polizisten. Ein Ex-Kämpfer einer Spezialeinheit berichtet indes, von seiner zuletzt bei Ramadi fechtenden Truppe seien mehr als 100 Mann nach Europa verschwunden. Ein anderer Soldat erzählt, er habe sich mit 16 Kameraden auf den Weg nach Nordeuropa gemacht, da es „keinen Sinn mehr hat zu kämpfen.“

 

Kurden-Desertion „besorgniserregend“

Selbst bei den kampferprobten kurdischen Peshmerga, einem wesentlichen Bollwerk gegen den IS, bröckeln die Reihen: Saed Kakaei, Berater der Peshmerga im Nordirak, sag, er könne zwar keine Zahlen nennen, aber das Phänomen sei besorgniserregend.

Die Ex-Kämpfer sagen, die militärische und ökonomische Lage in ihrer Heimat sei aussichtslos. Viele berichten von korrupten Offizieren und Beamten oder dass man sie im Kampf im Stich gelassen habe. „Der Irak ist es wert, für ihn zu kämpfen, seine Regierung nicht“, sagt ein junger Sonderpolizist. „Wir kämpften, während Regierungs- und Parteileute Geld auf die Seite und ihre Familien ins Ausland schafften.“ Zudem habe die Aufnahmebereitschaft in vielen EU-Staaten für Syrer auch unter Irakern verfangen, heißt es. Die UN schätzt, dass mehrere hunderttausend Iraker nach Europa ziehen könnten.

Die Absetzbewegung nährt Befürchtungen über die Kampfkraft der lokalen Bodentruppen gegen den IS. Speziell die Iraker haben sich zuletzt mehrfach als extrem brustschwach erwiesen, und es besteht die Gefahr, dass die Strategie des Westens, Iraks Armee, Kurden und andere Kämpfer in Syrien zu stärken und sich bei Aktionen gegen Jihadisten primär auf Luftangriffe zu verlassen, scheitert. Am Sonntag trafen 75 von den USA ausgebildete Kämpfer gegen den IS nach Angaben von Aktivisten in Syriens Provinz Aleppo ein. Man habe sie in der Türkei trainiert und mit leichten Waffen ausgerüstet. Bisher hatten solche Lehrgänge kaum Erfolg.

Zuletzt hatten wegen der Lage in Syrien sogar Militärs der USA und Russlands hinter den Kulissen mit Absprachen begonnen. Bekannt ist, dass russische Truppen und Kampfjets in bisher kleiner Zahl in Syrien eingetroffen sind, um die Armee von Präsident Bashar al-Assad gegen Jihadisten zu unterstützen.

 

Treffen der Außenminister in Berlin

Der deutsche Außenminister, Frank-Walter Steinmeier, sieht im Dialog zwischen Russland und den USA einen Fortschritt hinsichtlich einer Lösung des Syrien-Konflikts. „Ich begrüße, dass sie nicht übereinander, sondern wieder miteinander über Syrien reden und sich dabei auch über militärische Fragen austauschen wollen.“ Die Syrien-Krise war am Sonntagnachmittag auch Thema eines Treffens von Steinmeier mit US-Außenminister John Kerry in Berlin. (wg/ag.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2015)

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