Deutscher Altkanzler Helmut Schmidt ist tot

Deutschlands Altkanzler Helmut Schmidt starb im Alter von 96 Jahren. Er trotzte dem RAF-Terror. Zur aktiven Zeit blieb ihm die Verehrung versagt, die dem Politrentner entgegenschlug. Ein Nachruf.

Helmut Schmidt
Helmut Schmidt
Helmut Schmidt – (c) APA/dpa (Peter Kneffel)

Er war der Methusalem der deutschen Politik, und längst war Helmut Schmidt gerade für eine jüngere Generation trotz seines mitunter schroffen Tons zu einer Kultfigur avanciert. Da erhob sich einer eigenmächtig und kraft seiner Autorität über die Gesetze politischer Korrektheit. Er nahm sich die Freiheit, bei jeder Gelegenheit – auf der Theaterbühne, im TV-Studio – an seinen geliebten Mentholzigaretten zu qualmen und Cola light zu schlürfen und dabei als politischer Kommentator der Weltenläufte die Nation zu schulmeistern.

Sein Verständnis für die Großmachtpolitik Chinas und Russlands widersprach dem Mainstream der deutschen Öffentlichkeit, doch die Nation und die „Zeit“-Leser ließen dies dem Altkanzler und „Zeit“-Herausgeber durchgehen. Die Kolumne „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“ stilisierte ihn gar zum Ratgeber in fast allen Lebenslagen.
Am Dienstag hauchte der Jahrhundertpolitiker, geboren unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, im Alter von 96 Jahren sein Leben aus. Den Tod seiner Frau, Loki, seines Lebensmenschen, überlebte er um fünf Jahre.

Seine Tochter Susanne war noch eigens aus London ans Sterbebett nach Hamburg geeilt, in einen bescheidenen Bungalow, um Abschied zu nehmen. Zu schwach war seine Konstitution, um sich nach einer Gefäßoperation vor zwei Monaten noch einmal aufzubäumen. In den vergangenen Jahren war der Bach-Liebhaber und Hobbypianist von Schwerhörigkeit geplagt und auf den Rollstuhl angewiesen.
Jenseits aller Partei- und Landesgrenzen, von Präsident Joachim Gauck und Kanzlerin Angela Merkel abwärts bis hin zu seinem Duz-Freund Henry Kissinger, flochten ihm Politiker Kränze und schickten Elogen hinterher. Dass sein Ende naherückte, war dem nüchternen Protestanten, einem Kettenraucher mit mehrfachen Bypass-Operationen, spätestens zu seinem 95. Geburtstag bewusst, als er bekundete, auf Auslandsreisen zu verzichten.

Willy Brandt und Helmut Schmidt
Willy Brandt und Helmut Schmidt

Die Politik war sein Lebenselixier, kaum ein anderer Politiker hat die deutsche Politik über so lange Zeit aktiv begleitet und sich lustvoll in die Debatte eingemischt – nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt 1982 in Interviews, Leitartikeln und Büchern. Noch im Juni machte er Schlagzeilen, als er mit seiner Kritik, den russischen Präsidenten, Wladimir Putin, vom G7-Gipfel im bayrischen Schloss Elmau auszuschließen, Gastgeberin Merkel und ihre Gäste aus den westlichen Regierungsmetropolen brüskierte. Als sich die Ukraine-Krise zuspitzte, war Schmidt noch einmal nach Moskau geflogen, um im Kreml ein Wort für Putin einzulegen.

Helmut Schmidt hinterlässt ein großes Oeuvre. Zuletzt erschienen noch ein Band über seinen Briefwechsel mit seinem Parteifreund und Parteirivalen Willy Brandt („Partner und Rivalen“) sowie ein Buch über seine Beziehung zur Heimatstadt Hamburg („Helmut Schmidt und seine Vaterstadt“). Als hanseatischer Sozialdemokrat hat er auch seine Prägung erfahren.

Helmut Schmidt im Kindergarten mit seiner späteren Ehefrau Loki
Helmut Schmidt im Kindergarten mit seiner späteren Ehefrau Loki
(c) imago/Sven Simon (imago stock&people)
Am 23. Dezember 1918 in Hamburg-Barmek geboren, wollte er 1937 nach dem Abitur eigentlich Architekt werden. Doch nach dem Krieg, in dem er als Offizier an der Ost- und Westfront kämpfte, studierte er Volkswirtschaft und trat in die SPD ein. Als Innensenator in der Hansestadt, vor allem als schneidiger Krisenmanager während der Sturmflut 1962, die 300 Opfer forderte, erwarb er sich erste Meriten. Im Bundestag hatte er sich als Gegner von Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) schon einen Namen gemacht. Daher rührt auch sein Spitzname „Schmidt-Schnauze“.

Als Fraktionschef und schließlich als Verteidigungs- und Finanzminister in der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt stieg er in den innersten Zirkel der Macht auf, als Teil der Führungstroika um Brandt und den Fraktionsführer Herbert Wehner. Als Brandt 1974 in der Spionageaffäre um Günter Guillaume, einen Stasi-Spitzel im Kanzleramt, stürzte, trat Schmidt dessen Nachfolge an.

Helmut Schmidt wird 1975 als Bundeskanzler angelobt
Helmut Schmidt wird 1975 als Bundeskanzler angelobt
APA/AFP/EGON STEINER

Die weltweite Rezession und die Ölkrise prägten die ersten Jahre seiner Kanzlerschaft. Innenpolitisch überragte indessen der Terror der Roten-Armee-Fraktion (RAF) im „Deutschen Herbst“ 1977 als schwierigste Bewährungsprobe seine Amtszeit. Ein Drama, das mit der Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut seinen Höhepunkt fand. Schmidt ordnete die gewaltsame Befreiung durch die Polizei-Sondereinsatzgruppe GSG9 in der somalischen Hauptstadt Mogadischu an – eine Entscheidung, an die er sein politisches Schicksal knüpfte. Für den Fall eines Scheiterns hatte er bereits seine Rücktrittserklärung formuliert. Die Befreiung glückte, aber der entführte Arbeitgeberpräsident Martin Schleyer wurde tags darauf tot aufgefunden. Für dessen Tod übernahm Schmidt die politische Verantwortung.

Außenpolitisch trat Schmidt für ein dezidiertes Vorgehen gegenüber dem kommunistischen Warschauer Pakt ein. Den sogenannten Nato-Doppelbeschluss von 1979, der die Stationierung von atomaren Mittelstreckenraketen in Europa vorsah, trug er führend mit. Die Friedensbewegung in Deutschland erkor ihn zum Feindbild, die Grünen erlebten ihre politische Initialzündung. Zunehmend gerierte er sich als Staatsmann auf internationaler Ebene, der später aus seiner Verachtung für US-Präsident Jimmy Carter keinen Hehl machen sollte.

Loki und Helmut Schmidt während eines Urlaubs 1982 in Schleswig-Holstein
Loki und Helmut Schmidt während eines Urlaubs 1982 in Schleswig-Holstein
APA/EPA/WULF PFEIFFER
Innerhalb der eigenen SPD-Reihen formte sich indessen der Widerstand gegen die Politik Schmidts, dem innenpolitisch die Fortüne versagt blieb. Als die FDP bei einem Misstrauensvotum 1982 zur Union überlief – was die Liberalen spaltete –, war das Ende der sozialliberalen Ära besiegelt. In Bonn begann die Ära Kohl, und Schmidt schlug in Hamburg das Kapitel als verehrter und gefeierter Elder Statesman und Coherausgeber der „Zeit“ auf – eine Zeit, die ihn fast bis zum letzten Atemzug ausfüllte.

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