Die Terroristen auf der Balkanroute und Europas Schläferzellen

Der IS schickt Extremisten über den Balkan, Libyen und Bulgarien ins EU-Feindesland. Auch ein Geheimdienstchef aus Raqqa soll sich aufgemacht haben.

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Balkanroute – (c) APA/AFP/DIMITAR DILKOFF

Simon war entsetzt. Der 23-jährige Christ aus dem Norden Syriens dachte, er hätte in Europa endlich Ruhe vor den Islamisten. Auch er hatte die Flüchtlingsroute von der Türkei aus nach Griechenland, weiter durch den Balkan nach Deutschland genommen. „Aber sie schimpften ständig“, berichtete Simon während seiner Reise. „Über die Frauen in kurzen Röcken, über die Leute, die auf der Straße Bier trinken, und über die Werbetafeln für Unterwäsche.“ Dabei sollten sie doch froh sein, dass sie in Freiheit sind, meinte Simon erzürnt. Als er noch weitaus radikalere Kommentare hörte, vom degenerierten Westen, der Krieg gegen Islam führte, hatte er genug. Er setzte sich so weit wie möglich vom großen Flüchtlingspulk ab und ging eigene Wege.

„Ich konnte es einfach nicht mehr aushalten“, erzählte er, kurz nachdem er in Österreich angekommen war. Heute ist Simon in einer Kleinstadt in Schweden und möchte studieren. Für ihn ist es nicht die geringste Überraschung, dass einer der Attentäter von Paris wahrscheinlich unter Flüchtlingen versteckt nach Frankreich gekommen ist. „Unter all den Menschen fallen sie nicht auf und müssen sich auch nicht besonders verstellen.“

 

IS erbeutete Pässe in Raqqa

Und einen neuen Pass könne heute jeder in Syrien kaufen. Man bekommt ihn auf dem Schwarzmarkt für umgerechnet 1200 Euro inklusive Personalausweis. Dann besitzt man ein echtes Dokument, das in Europa automatisch Asyl bedeutet. So scheint es auch bei dem Selbstmordattentäter der Fall gewesen zu sein, der sich am Fußballstadion Stade de France in die Luft gesprengt hat. Der syrische Pass, den man dort unter dem Namen Ahmad Almohammad fand, sah echt aus. Aber wie die französischen Behörden jetzt herausfanden, war der Ausweis nicht offiziell in Syrien registriert.

Ein echter, aber gleichzeitig falscher Pass? Dafür gibt es eine leichte Erklärung: Der Islamische Staat (IS) hat bei der Eroberung von Raqqa allein 3800 blanke Reisepässe erbeutet. Dazu die entsprechenden Maschinen und Dienststempel. Ein Teil der Pässe soll in die Türkei an Schmuggler verkauft worden sein, die sie an syrische Flüchtlinge für viel Geld weiterverscherbelten. Und der Rest soll beim IS geblieben sein.

Es ist möglich, dass die Terrorgruppe auch in anderen Provinzhauptstädten Ausweispapiere in ihre Hände bekommen hat. Papiere könnte der IS über Mittelsmänner zudem von korrupten Beamten des syrischen Regimes bekommen, die Pässe unter der Hand verkaufen, die nicht registriert sind.

 

Fähren und Häfen im Visier

Der Weg über den Balkan, den der Paris-Attentäter genommen hat, ist nur eine der Flüchtlingsrouten. Die Gefahr droht ebenfalls über den Seeweg von Libyen nach Italien. Dort war Mehdi Ben Nasr im Oktober vergangenen Jahres von den Behörden verhaftet worden, wie jetzt erst bekannt wurde. Er war in einem der vielen Flüchtlingsboote aus dem nordafrikanischen Land gekommen. In Italien hatte man ihn 2007 als Anführer einer Jihadistenzelle festgenommen und zu sieben Jahren verurteilt. Nach der Haft wurde er in seine Heimat Tunesien abgeschoben. Nur wenig später kam er als Flüchtling getarnt wieder zurück.

In Libyen hat der IS mittlerweile auch Fuß gefasst. Ein Aktivist der Terrorgruppe kündigte im Februar dieses Jahres verheerende Anschläge auf europäischem Boden an. Die Attentäter sollten sich unter Flüchtlinge mischen und dann die „Hölle für die Kreuzfahrer“ auslösen. „Wir werden die Flüchtlingsströme für uns ausnutzen und strategisch ausbauen“, hieß es in dem anonymen IS-Pamphlet. Tanker, Containerschiffe, Fähren und Häfen wurden als Ziele genannt. Nach den Anschlägen von Paris könnte sich das nicht nur als perfide Gewaltfantasie eines durchgeknallten Jihadisten herausstellen.

Wie „Die Presse“ bereits im Juni recherchiert hat, reisen die Extremisten nicht nur mit den Flüchtlingsströmen durch die Ministaaten des ehemaligen Jugoslawien. Es soll auch eine geheime Route existieren, die über Bulgarien führt. In der Hauptstadt Sofia gibt es angeblich „safe houses“, also sichere Unterkünfte für IS-Leute. Bulgarische Papiere bekommen sie von der hiesigen Mafia, sie sollen „echt“ sein. Mit diesen geht es dann weiter auf Umwegen. Entweder zuerst in ein afrikanisches Land wie Tansania und von dort nach Zentraleuropa. Oder sie fliegen nach Skandinavien, bleiben dort ein, zwei Wochen, bevor es nach Frankreich oder Deutschland geht.

„Ich nehme an, es wird noch mehr Anschläge geben“, sagte John Brennan, der Direktor des US-Geheimdienstes CIA. Paris sei kein Einzelfall. Um weitere Attentate dieser Art durchzuführen, die zwei bis drei Monate Planung voraussetzen, braucht man Schläfer, Terroristen, die sich unter dem Deckmantel eines normalen Lebens bereithalten. Erst im April hat der Berliner Ex-Rapper Deso Dogg, der kürzlich in Syrien durch eine US-Bombe gestorben sein soll, in einem Video mit Anschlägen von Schläfern gedroht.

 

Gefangene ermordet

„Solche Schläfer-Zellen des IS existieren in Europa“, sagt Ioannis Michaletos vom griechischen Institut für Sicherheits- und Verteidigungsanalysen. „Weitere Anschläge sind nur eine Frage der Zeit.“ Denn die Attentäter von Paris dürften nicht die einzigen Terroristen in Europa gewesen sein. Es gibt Hinweise, dass noch mehr von ihnen unterwegs sind. Erst vor zwei Wochen hat das geheime Informationsnetzwerk Raqqa is silently slaughtered (RISS) gemeldet, dass ein Kommandeur des IS-Geheimdienstes Raqqa in Richtung Europa verlassen habe.

Er soll Inhaftierte gefoltert und ermordet haben. „Als Raqqa vom IS erobert wurde, hat er aus dem Fenster auf Leute geschossen“, erzählt Abu Mohammed, einer der Gründer von RISS, das über Verbrechen und Aktivitäten des IS in Raqqa berichtet. Das sei kein normaler Mensch, fährt er fort. „Man muss davon ausgehen, dass er Anschläge plant.“

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2015)

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