"Der IS ist verzweifelt"

Der Islamische Staat sei besiegbar, sagt Bernard Haykel, Professor für arabische Geschichte in Princeton. Dazu müssten sich die Muslime von der Idee eines Gottesstaats trennen.

(c) imago/ZUMA Press

Herr Professor, Sie argumentieren, dass die jüngsten Mordanschläge in Ankara, Beirut, auf dem Sinai und in Paris Zeichen für die Schwächung des Islamischen Staats (IS, Anm.) seien. Wieso?

Bernard Haykel: Die Überlegung ist folgende: Bisher war der IS stets gegen die Strategie von al-Qaida, ferne Ziele spektakulär anzugreifen. Die IS-Leute haben gemeint, dass der wichtigere Feind näher zu Hause anzutreffen sei, nämlich die Schiiten und die vom rechten Glauben abgefallenen arabischen Staaten und Regime. Natürlich haben sie Terroranschläge einsamer Wölfe befürwortet. Sie haben sogar Videospiele für Kinder, die zeigen, wie so ein Anschlag eines einsamen Wolfs aussieht. Aber ihre Priorität war, dass die Leute in den Islamischen Staat einwandern und sich dort niederlassen. Dazu kommt nun, dass der IS jüngst eine Reihe von Niederlagen einstecken musste. Wenn der IS militärische Niederlagen erleidet, greift er üblicherweise auf eine Welle von Selbstmordanschlägen zurück. Und noch etwas: Normalerweise darf man das IS-Land nicht mehr verlassen, wenn man eingereist ist. Vor den jüngsten Anschlägen durften allerdings einige Täter nach Syrien hinein und wieder heraus. Der IS verfolgt also nun eine Politik, diese Leute gezielt für organisierte Angriffe wie in Frankreich auszubilden. Daraus folgt, dass wir weitere solche Anschläge sehen werden, oder zumindest Versuche.


Was bezweckt die IS-Führung mit den Pariser Anschlägen?

Relevanz. Ich denke, sie sind verzweifelt. Sie wollen beweisen, dass sie noch immer die wichtigste Kraft für den Jihad sind. Damit sind sie natürlich ein Risiko eingegangen, denn ein starker Vergeltungsschlag würde sie und ihren Staat auslöschen. Ich weiß aber nicht sicher, wieso sie sich Frankreich ausgesucht haben. Vielleicht haben sie einfach mehr Rekruten aus Frankreich als aus anderen Ländern. Zudem bin ich mir nicht sicher, ob es eine rationale Erklärung gibt. Wenn man verzweifelt ist, verhält man sich üblicherweise nicht rational.


Nehmen wir aber an, der IS handelt rational. Dann könnte die Provokation westlicher Militärangriffe als Antwort auf die Anschläge das Image von den bösen Kreuzrittern bestärken, die das Heilige Land angreifen.

Aber die Russen sind schon da, und die Franzosen bombardieren bereits. Der IS wird zerstört werden, sobald Bodentruppen geschickt werden. Gegen eine disziplinierte Streitmacht von 50.000 Mann hat er keine Chance.


Dann führen solche Terroranschläge aber umso schneller zu jener apokalyptischen Endschlacht nahe des syrischen Orts Dabiq, einer zentralen Idee des IS-Weltbilds.

Das stimmt, wenn Sie den IS rein als apokalyptische Sekte verstehen. Aber wieso baut er Gewächshäuser und zeigt sie in Propagandavideos, wenn er nur auf die Apokalypse wartet? Der IS macht Dinge, die nahelegen, dass er die Strukturen einer Gesellschaft in einem Staat zu schaffen versucht. Diese rein apokalyptische Sichtweise überzeugt mich nicht.


Dieser Aspekt wird also zu stark betont?

Er ist Teil der Propaganda, der ideologischen Einfassung dieser Bewegung in eine Art göttliche Geschichte. Aber ich glaube nicht, dass das ihr Tagesgeschäft bestimmt.


Auch nach den Pariser Anschlägen hörte man oft: Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Was soll man davon halten?

Die Leute können denken, was sie denken wollen. Aber der IS begründet seine Handlungen mit Bezügen auf kanonische islamische Texte und auf die belegte islamische Geschichte. Wenn jemand sagen möchte, dass das nichts mit dem Islam zu tun hat, ist das eine Meinung; eine interessante Meinung. Ich glaube nicht, dass der IS ihr zustimmen würde.


Es ist schwer zu fassen, dass es einerseits die große Mehrheit friedlicher Muslime gibt, die von all dem abgestoßen . . .

Entschuldigen Sie, aber woher wissen Sie, dass es diese Mehrheiten weltweit gibt? Was tun die, um dieses Gefühl auszudrücken?


Guter Einwand. Wie erklären Sie diese Kluft zwischen der angeblich friedliebenden muslimischen Mehrheit und der militanten jihadistischen Minderheit?

Der IS ist eine politische Bewegung mit einer religiösen ideologischen Einfassung. Er vertritt nicht die muslimische Mehrheitsmeinung, aber das allein bedeutet nicht, dass er nicht in einer religiösen Erzählung, in religiösen Texten und in religiöser Geschichte wurzelt. Das Christentum war auch einmal gewalttätig: Fragen Sie die europäischen Juden im Mittelalter! Es gibt ebenso wenig ein Ding namens Islam, wie es ein Ding namens Christentum gibt. Es gibt nur Menschen, die diese Traditionen auf ihre eigene Weise auslegen.


Wie kann man das Problem lösen, dass der Islam offensichtlich so vielfältig ist, dass man zu grauenvollen Auslegungen kommen kann?

Das ist nicht speziell islamisch. In jeder Religion gibt es den Keim der Radikalität und Militanz. Wollen Sie von mir jetzt die Patentlösung hören?

Diese gibt es wohl nicht. Aber was macht die militante Form des Islam so reizvoll für Menschen im Nahen Osten und außerhalb?

Vielleicht, weil diese Interpretation eine schnellere Erringung von Macht und Autorität ermöglicht, als es traditionellere Formen des Islam tun. Sie dient also einem Zweck, wenn Sie ein politisches Vorhaben verfolgen.


Was muss politisch und kulturell geschehen, um den IS zu besiegen?

Ich denke, militärisch kann er recht schnell bezwungen werden, wenn der Westen Truppen in die Region schickt. Bloß: Was kommt dann? Militärisch kann der IS besiegt werden, nicht unbedingt aber ideologisch. Denn diese Ideologie ist im Grunde genommen der Wille zur Macht, um einen tugendhaften islamischen Staat zu bauen, der den Muslimen zur Ehre gereicht und ihre angebliche Schwäche und Demütigung gegenüber dem Rest der Menschheit vergessen lässt. Wie wird man diese Idee los? Westler können da selbst nichts tun. Das müssen die Muslime selbst mit sich ausmachen. Letztlich hängt es mit der Idee zusammen, einen politischen Staat bauen zu wollen, der auf Religion basiert. Solange diese Idee lebt, wird es die Fantasie geben, die der IS verkörpert.

 

Was halten Sie von der oft geäußerten Meinung, der Islam brauche eine Reformation wie einst das Christentum, um in der Modernität anzukommen?

Wissen Sie, was während der Reformation los war, während des Dreißigjährigen Kriegs?


Es war eine äußerst blutige Angelegenheit.

Rund 40 Prozent der Deutschen wurden getötet. Wenn man also den Muslimen eine Reformation wünscht, wünscht man ihnen eine Menge Blutvergießen. Letztlich wurden die Europäer des Bluts müde und sagten: Genug! Vielleicht machen die Muslime bereits eine Reformation durch, und es wird darum so viel Blut vergossen.


Manche versuchen, zwischen friedlichen und kriegerischen Stellen im Koran zu trennen, zwischen Mohammed, dem Friedensstifter, und Mohammed, dem Kriegsfürsten. Ist das ein hilfreiches Modell, um die Spaltungen dieser Religion besser zu verstehen?

Nun, die Religion selbst traf diese Unterscheidung nie. Sie sagte stets: Der Prophet ist der Prophet – egal, ob er in Mekka oder Medina war, und du musst ihm folgen. Diese Unterscheidung ist modern, man versucht damit, die Religion zu entpolitisieren. Manche Muslime tun das, die meisten aber nicht. Für sie ist der Prophet ein idealer Mann, dem man in jeder Phase des Islam zu gehorchen hat.


ZUR PERSON

Bernard Haykel ist Professor für Nahost-Studien an der Princeton University.
Haykel, der sein Doktorat an der Oxford University erworben hat, befasst sich mit den Schnittstellen der intellektuellen, politischen und gesellschaftlichen Geschichte des Nahen Ostens, allen voran der Arabischen Halbinsel.
Besondere Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Beschäftigung mit Reformideen im gegenwärtigen Islam und der Einfluss der salafistischen Geschichte auf den Diskurs der Sunniten.
Haykel, der libanesischer Herkunft ist, hat unter anderem zu den Fragen publiziert, welche Auswirkungen der Ölreichtum auf die Entstehung wahabitischer Terrorismusförderer in Saudiarabien hatte, wie sich die Terrororganisation al-Qaida gegenüber dem Schiismus verhält, wieso das Konzept islamischen Rechts politisch scheitern muss und aus welchen Gründen sich der fundamentalistische Wahabismus seit Ende des 18. Jahrhunderts bis in die 1930er-Jahre so stark auf der Arabischen Halbinsel ausbreiten konnte.

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