Orlando Figes: „Die russische Gesellschaft will vergessen“

Der britische Historiker Orlando Figes spricht über Geschichtspolitik unter Putin – und warum Bolschewiken heute als Retter des Staates gelten.

Orlando Figes
Orlando Figes
(c) Stanislav Jenis

Die Presse: Ihr neues Buch über das 20. Jahrhundert in Russland beginnt mit der Russischen Revolution. 2017 wird zum 100. Mal der Revolution gedacht. Was ist ihr Platz in Russlands Geschichte heute?

Orlando Figes: Meine russischen Kollegen berichten, dass sie bereits Direktiven erhalten, wie an das Ereignis kollektiv erinnert werden soll. Es geht in Richtung einer Betonung der Staatlichkeit. Das Jahr 1917 gilt als Zeitpunkt, an dem die Bolschewiken die russische Staatlichkeit vor der Vernichtung gerettet haben. All die Traumata der Revolution werden im Nachhinein ausgebügelt. Betont wird die Kontinuität, angefangen von Peter dem Großen über die Bolschewiken bis hin zu Putin.

Wie ist die Revolution im kollektiven Gedächtnis abgespeichert, jenseits der staatlichen Inszenierung?

Es gibt kein kollektives Gedächtnis. Das wurde unterdrückt. Außer in den Jahren von Glasnost gab es nicht viel Raum, damit das kollektive Gedächtnis hätte funktionieren können. Was die Menschen haben, ist die offizielle Sowjetgeschichte: den Triumph der Sowjetisierung, den Triumph über die Nazis, den Triumph sowjetischer Raumfahrt und Technologie. Das offizielle Gedächtnis hat das Funktionieren des kollektiven Gedächtnisses an den Rand getrieben.

Können Historiker dazu beitragen, die unangenehmen Perioden aufzudecken?

Es ist nicht zu spät. Manchmal braucht es eine oder zwei Generationen, bevor man bereit ist, der Geschichte in die Augen zu sehen. In der Glasnost-Periode waren die Medien relativ frei, und als negative Bilder über die Geschichte des Landes die Leser überfluteten, fühlten sich viele unwohl. Denn in der Schule in der Sowjetära hatte man anderes gelernt; in Familien wurde wenig über Verschwundene oder dunkle Taten mancher Verwandten gesprochen. Die Menschen lebten in einem Zustand der moralischen Amnesie. Man stellte weder sich selbst noch die Behörden infrage – so überlebte man im Spätsozialismus. Als die Menschen begannen, über den Terror zu sprechen, war das unangenehm. Dann kam Putin, der sagte: Ihr müsst euch nicht fertigmachen wegen eurer Geschichte, lebt weiter! Ich kann das verstehen: In posttraumatischen Gesellschaften wie der russischen gibt es das Bedürfnis zu vergessen, weiterzumachen.

Putin verwendet aber nicht nur sowjetische Elemente, er geht weiter zurück.

Ja, natürlich. Ich würde nicht „verwenden“ sagen; diese Mentalitäten existieren einfach. Er versucht auch nicht, die Sowjetunion wiederherzustellen. Was er versucht, ist Russland als Weltmacht wiederherzustellen, er will Russland eine Identität wiedergeben.

Im Westen wird gern behauptet, die Opferbereitschaft sei ein Teil der russischen Seele. Stimmt das?

Da gibt es viele Ebenen. Eine der Mythen Russlands ist, dass – anders als im Westen – die russische religiöse Kultur auf Opfer und Kollektivismus beruht. Ich bin nicht sicher, wie relevant das ist. Aber es ist in der kulturellen DNA, wie Russen über sich selbst denken. Wie ich in meinem Buch beschreibe, überleben Revolutionen, weil sie den Menschen Opfer abverlangen. Man muss bereit sein, für seinen Glauben zu sterben. Die Sowjetkultur war so gestrickt, etwa die Fünfjahrespläne: Opferbereitschaft heute wird uns das Paradies auf Erden morgen bringen. Die Generation von 1941 zog in den Krieg mit diesem Willen zum Opfer. Was bedeutet das heute? Wenn Russen in den Donbass ziehen, dann bringen sie ein Opfer für ihre große Zivilisation. Es bedeutet auch, dass die Sanktionen nicht den Effekt haben werden, den der Westen will. Die Russen pflanzen Gemüse im Vorgarten an. Putin kann damit ökonomisches Versagen rechtfertigen. Seine Popularität ist auf dem Leitsatz aufgebaut: Wir lassen uns nicht kaufen, wir sind Russen.

Erlebt Russland eine Welle von Nationalismus oder Neoimperialismus?

Es ist die Tragik Russlands, dass es ein Imperium war, bevor es jemals eine Nation wurde. Das Bewusstsein der Russen als Russen ist das der Bewohner eines Imperiums. Deshalb sind die Ukrainer angeblich die kleineren Brüder der Russen. Vielleicht müsste man von neoimperialem oder postimperialem Bewusstsein sprechen. Auch als Nationalstaat ist Russland noch immer ein Imperium, 20 Prozent der Bevölkerung ist muslimisch, das Land ist multikulturell. Die Elemente des Nationalstaates können sich schwer entwickeln: Bürgerbewusstsein, politische Verantwortung, Toleranz, Säkularismus als Basis des Staates. Vielleicht ist es zu spät für Russland, ein Nationalstaat zu werden.

ZUR PERSON

Orlando Figes ist ein britischer Historiker. Sein neuestes Buch – „Hundert Jahre Revolution“ (Hanser) – ist ein Überblickswerk über Russland im 20. Jahrhundert. Weiters hat er über die Stalin-Zeit und den Krim-Krieg publiziert. [ Jenis ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2015)

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