San Bernardino: Die Terrorbraut aus Pakistan

Die US-Behörden rätseln über das Mörderpaar von San Bernardino und seine Beweggründe. Es vermied nachweisliche Kontakte zu Jihadistenzellen. Der Islamische Staat zieht jedenfalls propagandistischen Nutzen aus seiner Bluttat.

Candles are seen at a pop-up memorial in San Bernardino, California, following Wednesday's attack
Candles are seen at a pop-up memorial in San Bernardino, California, following Wednesday's attack
Zeichen der Trauer im kalifornischen San Bernardino. – REUTERS

Sie hatte in einer Hochburg der pakistanischen Jihadistenorganisation Lashkar-e-Taiba Pharmazie studiert, einen Großteil ihres Lebens in Saudiarabien verbracht, verließ ihr neues Heim in Kalifornien nur mit Vollverschleierung, sprach außer Urdu nur gebrochen Englisch, fuhr nicht Auto und entzog sich derart konsequent den Blicken jeglichen Mannes, dass nicht einmal ihre beiden Schwäger wussten, wie sie aussah. Tashfeen Malik, die nach unterschiedlichen Medienangaben 27 oder 29 Jahre alt wurde, ehe sie vergangenen Mittwoch in einem Feuergefecht mit Polizisten und FBI-Beamten starb, entsprach beinahe schon stereotypisch dem Bild einer orthodoxen sunnitischen Südasiatin.

Viele muslimische Frauen in Pakistan, Indien oder Bangladesch leben so, und auch in den Einwanderergesellschaften amerikanischer Städte, meist in den wirtschaftlich heruntergekommenen Vororten ehemaliger Industriezentren wie Detroit oder Minneapolis, sind sie anzutreffen. Doch was muss in einer solchen Frau vorgehen, um den Sprung von der konservativen häuslichen Zurückgezogenheit zur mörderischen Terroristin im Kampfanzug und mit Sturmgewehr zu machen?

Diese Frage stellt man sich nach dem von Malik und ihrem Ehemann Syed Rizwan Farook verübten Massenmord an 14 Menschen bei der Weihnachtsfeier einer Sozialbehörde in der kalifornischen Stadt San Bernardino nicht nur in den Rängen der Antiterrorspezialisten der Bundespolizei FBI. Vom US-Außenministerium, das für die Erteilung der Visa für ausländische Verlobte von US-Staatsbürgern zuständig ist, bis zum Department of Homeland Security, welches den möglichen kriminellen oder terroristischen Hintergrund solcher Einwanderer mit seinen enormen digitalen Datenbanken abgleicht, herrscht nun im gesamten sicherheitspolitischen Behördenkomplex der USA Ernüchterung. Die vermeintlich wasserdichten Vorkehrungen, die man nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in mehreren Wellen gesetzlicher Verschärfungen, Einschränkungen der Grundrechte der eigenen Bürger und Drangsalierung ausländischer Besucher sowie der milliardenschweren Aufrüstung der Geheimdienste und Sicherheitsbehörden getroffen hat, sind gegen die mörderische Zielstrebigkeit eines unauffällig-umgänglichen Hygieneinspektors und seiner im Internet gefundenen Braut wirkungslos.


Lottogewinn für den IS.
Das FBI führt seine Ermittlungen nach der blutigsten Massenschießerei seit dem Mord eines Jugendlichen an 20 Volksschulkindern und sechs ihrer Lehrerinnen in der Kleinstadt Newton im US-Teilstaat Connecticut vor fast genau drei Jahren als Terrorsache. „Die Untersuchung hat bereits Anzeichen der Radikalisierung bei den Mördern und ihre mögliche Inspiration durch ausländische Terrororganisationen ergeben“, sagte FBI-Direktor James Comey am Freitag. Er betonte allerdings, dass Farook und Malik nach dem derzeitigen Stand der Dinge weder in direktem Kontakt mit Terrorplanern des Islamischen States (IS) standen, noch Anweisungen von anderen islamistischen Terrorgruppen erhalten hätten.

Für die Propagandisten des IS kommen die Morde von San Bernardino dennoch einem Lottogewinn gleich. Denn egal, ob IS-Drahtzieher die Vorbereitungen für den Anschlag leiteten, wie sie das bei der Mordserie in Paris vor einem Monat getan hatten, oder ob Farook und Malik sich bloß von der mörderischen Ideologie des „Kalifats“ inspirieren ließen, wie es nach dem Stand der Ermittlungen aussieht: Amerikas Gesellschaft ist so oder so terrorisiert. Die Verängstigung und Ungewissheit über mögliche nächste Anschläge verleihen dem IS die Aura diabolischer Genialität und erhöhen die Feindseligkeit gegenüber den Muslimen in den USA. Beides stärkt den Reiz der IS-Ideologie von der angeblich allerorten unterdrückten Sunna, die nur von der entschlossenen Militanz des Terrorregimes in Syrien und im Irak unter der Führung des schattenhaften Emirs Abu Bakr al-Baghdadi befreit werden kann. Da passt es perfekt, dass Malik unmittelbar vor ihrem Mord an den Arbeitskollegen ihres Mannes auf Facebook unter einem Pseudonym al-Baghdadi und dem Kalifat Gefolgschaft geschworen haben soll.


Lücken im System.
Wie das Mörderpaar den Behörden durch die Lappen gehen konnte, ist offen. Belegt ist hingegen, welche Lücken es im System der USA zur Abwehr terroristischer Angriffe gibt. So enthüllte der Fernsehsender ABC News, dass Malik beim Ausfüllen ihres Visumantrages eine Heimatadresse in Pakistan angab, die nicht existiert. Kein amerikanischer Konsularbeamter in Pakistan machte sich die Mühe, die Richtigkeit dieser Angabe zu prüfen. Mit diesem Spezialvisum namens K-1, das die USA den ausländischen Verlobten von US-Bürgern für 90 Tage zwecks Planung der Hochzeit ausstellt, reiste Malik vom saudiarabischen Dschedda über London nach Los Angeles.

Die „Washington Post“ erinnerte am Samstag daran, dass der Abreiseort Saudiarabien an sich vor einem Jahrzehnt schon automatisch für erhöhte Aufmerksamkeit bei den US-Behörden gesorgt hatte. Erst zu Beginn des heurigen Jahres hat man innerhalb des FBI in Reaktion auf die Entwicklungen in Syrien und im Irak hunderte Beamte auf den IS angesetzt. Die Sorge vor der wachsenden Zahl von Amerikanern, die zu jihadistischen Zwecken nach Syrien reisen, stand hinter dieser organisatorischen Maßnahme.

Diese Beamten wurden seither wieder in die Kriminalabteilung versetzt, denn es reisen kaum noch US-Bürger ins IS-Gebiet. Das müssen sie auch nicht mehr: Der Terror des „Kalifats“ ist spätestens am vergangenen Mittwoch in den Vereinigten Staaten angekommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2015)

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