Indien mustert ältesten Flugzeugträger der Welt aus

Die "Viraat" wurde 1986 von Großbritannien gekauft. Dort war sie 1944 auf Stapel gelegt worden und erlangte als HMS "Hermes" Berühmtheit durch den Falklandkrieg 1982 im Südatlantik gegen Argentinien.

INS Viraat
INS Viraat
INS Viraat – Indian Navy

Nach drei Jahrzehnten im Dienst der indischen Marine (IN) hat diese dieser Tage ihr Flaggschiff, den Flugzeugträger INS "Viraat", vom operativen Dienst abgezogen. Das Schiff mit seiner Verdrängung von rund 24.000 Tonnen (leer), das zur Zeit in der Flottenbasis von Mumbai ankert, werde in Kürze ausgemustert und einem Prozess der "Cannibalisation" unterzogen, hieß es seitens der Marineführung. Sprich: Man wird es ausschlachten und alles, was man noch brauchen kann, entfernen.

Danach wird das Schiff, das die Inder Mitte der 1980er von der britischen Royal Navy erworben und 1987 in Dienst gestellt hatten, möglicherweise von einem Schiffsabwrack-Unternehmen zerlegt und verwertet. Es gibt auch Überlegungen, dass man aus der Hülle ein schwimmendes Hotel machen könnte.

Das Gros der Besatzung von 1500 Mann wird künftig auf den größeren 40.000-Tonnen-Träger INS "Vikrant" transferiert, der derzeit auf der südindischen Werft Cochin Shipyard gebaut wird und 2018 in Dienst gestellt werden soll. Bis dahin wird INS "Vikramaditya" Indiens einziger Flugzeugträger sein. Der war eigentlich ein sowjetischer Flugdeck-Kreuzer der "Kiew"-Klasse, der in den 1980ern als "Baku" und später "Admiral Gorschkow" gebaut und 1996 von Russland zum Verkauf ausgeschrieben wurde. Die Inder haben ihn später erworben, verlangten aber einen massiven Umbau samt Modernisierung durch die Russen, der jahrelang dauerte, sodass er erst 2013 von der IN übernommen worden ist. Heute sind darauf etwa 26 MiG-29K "Fulcrum-D" Kampfjets und ein Dutzend Hubschrauber.

INS Viraat (Hintergrund) und Vikramaditya, Jänner 2014
INS Viraat (Hintergrund) und Vikramaditya, Jänner 2014
Indian Navy

 

Die Viraat indes (der Name bedeutet "Riese") ist bzw. war der älteste aktive Flugzeugträger der Welt, denn er war bereits 1944 (!) in Großbritannien auf Stapel gelegt worden, als vierter von projektierten acht Trägern der "Centaur"-Klasse unter dem Namen HMS "Elephant". Nach Kriegsende wurde der Bau gestoppt, man verzichtete auf die übrigen vier Centaurs, stellte aber in den 1950ern zumindest die Elephant fertig, doch als HMS "Hermes". 1959 in Dienst gestellt, war die Hermes lange Flaggschiff der britischen Pazifikflotte und im Indischen Ozean und konventionell als Flachdeckträger mit Katapults ausgelegt.

Umrüstung auf Sprungschanzenbetrieb

In den 1970ern rüstete man sie als Basis für Marineinfanterie-Einsätze und vorrangig mit Hubschraubern um, auch für die U-Boot-Jagd im Nordatlantik. Dann wurde ein "Ski-Jump" installiert, eine Sprungschanze für die neuen "Sea Harrier"-Jets - jene Flieger, die man im Deutschen verkürzt "Senkrechtstarter" nennt, die aber in der Regel kurze horizontale Anläufe nehmen und sich dann durch Schwenken der Düsen nach unten gen Himmel aufschwingen, was durch die Schanze erleichtert wird. Gelandet wird wirklich meist senkrecht, daher der englische Ausdruck "short take-off and vertical landing" (STOVL).

Inmitten der allgemeinen innen- und sicherheitspolitischen Wirren in Großbritannien Ende der 1970er sowie der Wirtschaftskrise wurde 1981 beschlossen, die Hermes loszuwerden. Der Prozess des Ausmusterns hatte schon begonnen, da besetzten argentinische Truppen im April 1982 die britischen Falklandinseln im Südatlantik, worauf die Hermes zum Flaggschiff jener britischen battle fleet wurde, die in den folgenden Monaten bis 20. Juni zusammen mit amphibischen Einheiten in der Rückeroberung des Archipels focht. Dabei hatte sie 16 Sea Harriers und etwa zehn Hubschrauber an Bord.

Der zweite Träger dieser britischen Schlachtflotte, HMS "Invincible", wurde 2005 außer Dienst gestellt und 2011 in der Türkei verschrottet bzw. recycelt, etwa zu Dosen, Stromkabeln und Stahlträgern - ein Vorgang, den viele Briten bis heute nicht recht verdaut haben.

Eine sichtlich erschöpfte HMS Hermes nach der Rückkehr vom Falklandkrieg, Sommer 1982, Portsmouth.
Eine sichtlich erschöpfte HMS Hermes nach der Rückkehr vom Falklandkrieg, Sommer 1982, Portsmouth.
Eine sichtlich erschöpfte HMS Hermes nach der Rückkehr vom Falklandkrieg, Sommer 1982, Portsmouth. – Royal Navy

 

Mit dem Kommandeur der Falkland-Schlachtflotte, Admiral John "Sandy" Woodward (1932-2013), der von der Hermes aus agierte, führte die "Presse" übrigens 2012 in seinem Haus in Südengland dessen letztes großes Interview.

Der "One Harrier Carrier"

1985 wurde das angejahrte Schiff ausgemustert und wenig später nach Indien verkauft. Zwischenzeitlich waren bis zu 30 Sea Harriers zuzüglich Hubschraubern auf der Viraat geparkt, von denen über die Jahre immer mehr ausfielen, sodass sie überspitzt auch "One Harrier Carrier" genannt wurde. Zuletzt waren nach Angaben des Militärfachblattes "Jane's Defence" noch sechs auf der Viraat aktiv. Sie werden auf eine Basis an der Küste für Übungszwecke überstellt, allerdings auch in absehbarer Zeit eingemottet, denn die aktuellen bzw. geplanten Träger Indiens sind wieder Flachdeckträger mit Katapulten.

Jump-start einer Sea Harrier von der Viraat
Jump-start einer Sea Harrier von der Viraat
Jump-start einer Sea Harrier von der Viraat – US Navy

 

An der Viraat hatten die Inder noch mehrfach groß herumgebastelt, zuletzt 2012, dann wurde absehbar, dass das im Kern wirklich schon greisenhafte Schiff nicht mehr erhaltenswert sein würde. Die für 2014 angesetzte Überholung wurde abgesagt. If it's over, it's over, wie der Angelsachse sagt.

Großes Flottenbauprogramm

Indiens Marine verfügt an aktiven großen Einheiten übrigens noch über etwa zehn Zerstörer, 14 Fregatten, 26 Korvetten, ein großes und neun kleinere Schiffe zur amphibischen Kriegsführung sowie ein nuklear und 13 konventionell betriebene U-Boote. Das Flottenbauprogramm wurde in den vergangenen Jahren verstärkt, nicht zuletzt wegen China. Zahlreiche neue Schiffe sind in Bau oder Planung, darunter atomar betriebene U-Boote inklusive solcher für Atomraketen und mindestens ein atombetriebener Flugzeugträger nach Vorbild der US-"Supercarrier", der unter dem Projektnamen INS "Vishal" firmiert und 2025 fertig sein könnte.

Oberkommandierender der INS ist seit 2014 Admiral Robin Khumar Dhowan.

Admiral Dhowan (li.)
Admiral Dhowan (li.)
Admiral Dhowan (li.) – indiatoday

 

>>> Video über die INS Viraat von 2011 (Achtung: ziemlich schräg!)

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