Terrorismus: Die schmutzige Bombe tickt

US-Präsident Obama nahm sich 2009 vor, das gesamte zivile radioaktive Material der Welt zu sichern. Die Bilanz ist gemischt.

(c) REUTERS

Washington. Mitte Februar, drei Monate nach den terroristischen Mordanschlägen von Paris, hatte die belgische Tageszeitung „De Standaard“ eine beunruhigende Nachricht zu verkünden. Bei der Razzia in der belgischen Wohnung eines der Beteiligung an dem Terrorkomplott Verdächtigten hätten die Ermittler eine zehnstündige Videoaufnahme vom Haus eines hohen Mitarbeiters der belgischen Nuklearbehörde gefunden. Der zu seinem Schutz nicht identifizierte Mann arbeite in Belgiens Nuklearforschungszentrum in Mol.

Nach den Brüsseler Terrorangriffen in der vorigen Woche stellte sich heraus, dass diese Aufnahmen des belgischen Nuklearfachmanns von den Bakraoui-Brüdern gemacht worden waren, jenen Selbstmordattentätern, die sich auf dem Brüsseler Flughafen und in einer U-Bahngarnitur in die Luft gesprengt und dabei mindestens 35 Menschen getötet hatten. Sie hatten gemeinsam mit anderen Spießgesellen des „Islamischen Staates“ geplant, den Nuklearmanager oder eines seiner Familienmitglieder als Geisel zu nehmen und somit radioaktives Material zu bekommen. Damit hätten sie eine sogenannte „schmutzige Bombe“ bauen wollen, also einen Sprengkörper, der zwar nicht zu einer Kernschmelze und einer atomaren Detonation führt wie eine echte Atombombe, bei seiner Explosion aber großräumige radioaktiven Verstrahlung verursacht.

 

Obama verfehlt sein Ziel

Diese bisher zum Glück noch nie in die Tat umgesetzte Terrormethode verleiht in Verbindung mit den Brüsseler Massenmorden dem heurigen „Nuclear Security Summit“ in Washington aktuelle Brisanz. „Ich bin erstaunt, dass wir noch keinen terroristischen Anschlag mit radioaktivem Material gesehen haben“, sagte Kenneth Luongo, ein früherer Direktor der Abteilung für die Kontrolle und Nichtverbreitung von Atomwaffen im US-Energieministerium dieser Tage in Washington. „Wäre der Angriff auf den Brüsseler Flughafen mit einer schmutzigen Bombe durchgeführt worden, dann würden wir jetzt nicht darüber reden, wie viele Glasfenster dort ersetzt werden müssen. Sondern darüber, dass der ganze Flughafen neu gebaut werden muss.“

Das Washingtoner Gipfeltreffen ist der Abschluss eines Prozesses, welchen Präsident Barack Obama im Jahr 2009 in Prag eingeläutet hatte. Damals hatte er sich vorgenommen, binnen vier Jahren sämtliches radioaktives Material in zivilen Einrichtungen binnen vier Jahren zu sichern.

Zwei Jahre nach dem Verstreichen dieser Frist ist die Bilanz des globalen zivilen Strahlenschutzes gemischt. Einerseits gibt es Erfolge zu vermelden. Seit 2010 wurden im Rahmen dieses von Obama eingeläuteten Prozesses weltweit mehr als 1500 Kilogramm hoch angereicherten Uraniums und Plutoniums in nichtmilitärischen Einrichtungen sicher gestellt und für die Atombombenproduktion untauglich gemacht. Die Zahl der Staaten, welche waffenfähige Mengen der beiden chemischen Substanzen besitzen, sank von 32 auf 24.

Allerdings ist die Gesamtmenge an derartigem Plutonium seit dem vergangenen Gipfel im Jahr 2014 in Den Haag gestiegen, gibt die Fissile Materials Working Group zu bedenken, eine Allianz von 80 Nichtregierungsorganisationen. Die Nuclear Threat Initiative wiederum, ein Unterfangen des früheren US-Senators Sam Nunn und des Philantropen Ted Turner, kritisiert, dass nur 22 Staaten im Rahmen von Obamas Prozess das Versprechen, bis Ende des heurigen Jahres ihre radioaktiven Bestände zu erfassen und zu sichern, einhalten werden. Das sind nur 14 Prozent aller Mitgliedstaaten der UN-Atomenergiebehörde IAEO.

 

Weiche Ziele im Visier des IS

Zudem mahlen die Mühlen der internationalen Diplomatie lähmend langsam. Das UN-Übereinkommen zum physischen Schutz von Kernmaterial wurden beispielsweise bereits 2005 novelliert und würde „bindenden globalen Standards für nukleare Sicherheit am nächsten kommen“, sagte Rose Gottemoeller, US-Staatssekretärin für Internationale Sicherheit, am Dienstag.

Doch während es mehr als Jahrzehnt braucht, um diese Regeln zu verschärfen, entwickelt sich die Terrorgefahr rasant. 2013 etwa wurde ein Ingenieur des Reaktorblocks Doel nahe Antwerpen entlassen, als sich offenbart hatte, dass er sich islamistisch radikalisiert hatte. Später stellte sich heraus, dass er der Schwager von Azzedine Kbir Bounekoub ist, einem Dschihadisten der Gruppe Sharia4Belgium, der im Jahr zuvor nach Syrien abgetaucht war, um sich dem Islamischen Staat anzuschließen. Ein Jahr später wurden Sicherheitskameras in Doel von einem Unbekannten absichtlich umgedreht und 65.000 Leiter Maschinenöl verschüttet. Das hätte fast zur Überhitzung des Reaktors geführt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2016)

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