Prostitution: Frankreich eröffnet Jagd auf Freier

Ein Gesetz zum Kampf gegen Sexarbeit droht Freiern hohe Geldstrafen an. Zuvor hatte Frankreich lang vergeblich versucht, Prostituierte mit Strafen abzuschrecken.

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Symbolbild. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Paris. Nach langem Hin und Her verabschiedete die französische Nationalversammlung am Mittwoch ein Gesetz zum Kampf gegen die Prostitution. Sie ist zwar selbst auch weiterhin nicht verboten, aber ein Tabu, und weil es nie gelungen ist, das Angebot zu verhindern, versucht es der Gesetzgeber nun mit einem Schlag gegen die Nachfrage: Mit dem neuen Anti-Prostitutions-Paragrafen will Frankreich – nach dem Vorbild etwa von Schweden und Norwegen – künftig die Kunden bestrafen. Ihnen drohen bis zu 1500 Euro Strafe (3750 Euro im Wiederholungsfall), wenn sie sexuelle Leistungen konsumiert oder selbige auch nur angebahnt haben. Parallel dazu können ertappte Freier ähnlich wie Trinker zu „Entwöhnungskursen“ verdonnert werden, in denen ihnen klargemacht wird, dass sie sexuelle Ausbeutung von Menschen, Zuhälterringe, ja bisweilen Sklaverei und Menschenhandel fördern.

Seit dem Zweiten Weltkrieg hat Frankreich viel versucht, um die Prostitution zu bekämpfen. Erst wurden die zuvor florierenden Bordelle geschlossen, man drohte Zuhältern und „Bordellmüttern“ im Stil der legendären Madame Claude mit harten Strafen. Später wurden Prostituierte wegen ihres Auftretens in der Öffentlichkeit bestraft, anfänglich für allzu „aktive“ Kundenwerbung, zuletzt 2003 mit einem Gesetz des damaligen Innenministers, Nicolas Sarkozy, das auch „passives Anmachen“ mit provozierender Kleidung oder Make-up ahndet.

 

In den Untergrund verdrängt

Das hat die Prostitution erst recht in den Untergrund, in Hinterzimmer schummriger Bars, städtische Parks und Wälder verdrängt. Sie war weniger sichtbar. Für die betroffenen Damen aber, die eher mehr Rechte und Toleranz gewünscht hätten, brachte die verschärfte soziale Marginalisierung oft mehr Gefahren und Risken. Mit der wachsenden Popularität von Annoncen im Ausland angesiedelter Agenturen, die in Frankreich Escorts und Callgirls vermitteln, wurde die Gesetzgebung erst recht ineffizient und überholt. Mit der Abstimmung am Mittwoch endete eine lange Kontroverse zwischen den Parlamentskammern. In der Nationalversammlung, wo die Vorlage von der sozialistischen Abgeordneten Maud Olivier eingebracht worden war, war die rot-grüne Mehrheit stets dafür, der Senat leistete bis zum Schluss Widerstand.

Die Trennlinien gehen auch quer durch die Reihen der Feministinnen sowie der NGOs, die sich für Rechte, Gesundheit oder soziale Wiedereingliederung Prostituierter einsetzen. Der Verein Le Nid (das Nest) etwa findet, man müsse der Straflosigkeit der (fast exklusiv männlichen) Kunden ein Ende setzen. Médecins du Monde etwa und die Aids-Hilfe Act-up indes sind dagegen, weil man Prostituierte sonst noch mehr Zuhältern zutreibe und Freier-Willkür aussetze.

Laut Le Nid gibt es in Frankreich 30.000 bis 45.000 Prostituierte. 85 Prozent davon seien Frauen, zehn Prozent Männer, der Rest Transsexuelle. Aufs Konto der Straßenprostitution gingen etwa 30 Prozent der Sexgeschäfte, mindestens 60 Prozent würden via Internet angebahnt. Das neue Gesetz will darum auch speziell gegen Internetangebote vorgehen, indem es von Providern verlangt, den Zugang zu diesen im Ausland situierten Servern für französische User zu blockieren. Dass das funktioniert, kann der Gesetzgeber aber nicht garantieren.

Es gehört in Frankreich zur Tradition, gesellschaftlichen Problemen aller Art rasch mit staatlicher Intervention und namentlich gesetzlichen Verboten begegnen zu wollen. Ausgerechnet der Sonnenkönig Ludwig XIV. (Herrschaft 1643 bis 1715), der sich jede Menge Mätressen hielt, ging schon besonders scharf gegen die „Freudenmädchen des einfachen Volks“ vor, er ließ sie in die Salpêtrière in Paris, ein Krankenhaus und Armenasyl, einsperren und Buße geloben. Dabei war Frankreich in Europa eigentlich für lockere Sitten und Freizügigkeit bekannt.

 

Etablissements und Ausbeutung

Vor allem Ende des 19. Jahrhunderts und bis in die 1930er waren gewisse Pariser Edelbordelle mit klingenden Namen Zentren des kulturellen Lebens. Im Schatten dieser literarisch verklärten Etablissements aber existierte die Misere der vielen einfachen „Maisons d'abattage“ („Schlachthäuser“), wo die Armut und Rechtlosigkeit der Frauen schrecklich ausgenutzt wurden. Wie sich die Maler mit diesem Kontrast befassten, zeigte noch kürzlich das Musée d'Orsay in der Ausstellung „Pracht und Elend. Bilder der Prostitution“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2016)

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