Rudolf Agstner: Chronist einer Diplomatie, die vergangen ist

Nachruf auf den Diplomaten Rudolf Agstner, der als"Ein-Mann-Betrieb" historische Funde zwischen Aktendeckeln machte.

Rudolf Agstner
Rudolf Agstner
Rudolf Agstner – (c) Parlamentsdirektion / Carina Ott

Wien. Es soll Außenministerien geben, die leisten sich ein Archiv und Historiker, um die Geschichte der jeweiligen Außenpolitik und Diplomatie aufzuarbeiten und fortzuschreiben. Rudolf Agstner tat es als „Ein-Mann-Betrieb“. Mit dem ihm eigenen Humor, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen und die oft künstliche Hektik des Außenamts in historischer Distanz zu betrachten, leistete er Bemerkenswertes.

So erledigte er Akten in stoischer Ruhe, um sich nach getaner Beamtenpflicht wieder Zeit für das Staatsarchiv und die Recherche zu nehmen. Er erinnerte an Franz Grillparzer, dem unter Verzicht und dem Neid der „Nur-Beamten“ der Spagat zwischen Ministerium und schöpferischer Arbeit gelang.

Der Jurist Agstner (geboren 1951 in Den Haag, Niederlande), im diplomatischen Dienst seit 1977, konnte als Autodidakt der Archivforschung vielen Vollbluthistorikern das Wasser reichen. Zwischen verstaubten Kartons ging ihm das Herz über, so manche alte Depesche, die Entscheidungen in ein völlig neues Licht rückte, ließ ihn jubeln. Rudi nahm sich kein Blatt vor den Mund, wenn er mit dem Ballhausplatz hart ins Gericht ging, als er zuletzt das Handbuch des Auswärtigen Dienstes von 1918 bis 1938 vorlegte.

 

Rudis feine Klinge

Lesbar, amüsant und instruktiv waren seine gesammelten Reiseberichte und Monografien österreichischer Botschaften von St. Petersburg bis Kairo. Die Anekdoten, denen er akribisch nachging und die er mit feiner Klinge zu Papier brachte, füllten seine Bücher und die Vorträge an der Universität Innsbruck.

Am 19. Mai 2016 verschied Agstner kurz vor Antritt der Pension. Er hatte noch so viel vor. Es bleiben seine Texte und die Erinnerung an einen anständigen Menschen, der eine Diplomatie archivierte, die es so heute nicht mehr gibt. Auch ich wollte diesem wunderbaren Ratgeber noch viele Fragen stellen. [ privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2016)

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