Philosophin Ágnes Heller: "Die Ungarn haben keine Wahl"

Europa fehle Frustrationstoleranz, sagt die 87-jährige ungarische Philosophin Ágnes Heller: Ein Gespräch über Viktor Orbán, Vorurteile und die Logik des Herzens.

 „Es ist nicht per se schlecht, immer besser leben zu wollen. Aber wenn etwas Schlechtes passiert, verlieren die Menschen schlagartig jedes Vertrauen. Das ist eine Art Nihilismus.“
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 „Es ist nicht per se schlecht, immer besser leben zu wollen. Aber wenn etwas Schlechtes passiert, verlieren die Menschen schlagartig jedes Vertrauen. Das ist eine Art Nihilismus.“
„Es ist nicht per se schlecht, immer besser leben zu wollen. Aber wenn etwas Schlechtes passiert, verlieren die Menschen schlagartig jedes Vertrauen. Das ist eine Art Nihilismus.“ – (c) Stanislav Jenis

Die Presse: Sie sind für einen Vortrag über die Philosophie der Vorurteile nach Wien gekommen. Bei Vorurteilen sind wir gewöhnt, an Schlechtes zu denken; wer sie hat, leugnet das in der Regel. Was sind denn die Vorteile des Vorurteils?

Ágnes Heller: Wir können ohne Vorurteile gar nicht leben, wir sprechen ständig und urteilen über Dinge, die wir nicht persönlich überprüft haben. Das ist das Positive daran. Der schlechte Sinn ist in der französischen Aufklärung aufgekommen. Voltaire, Diderot, Rousseau haben die bisherige dominierende Weltanschauung im negativen Sinn als Sammlung von Vor-Urteilen erörtert. Es ist immer gut, Vorurteile zu überprüfen, aber man muss es nicht tun. Zur Pflicht wird die Überprüfung, wenn ein Vorurteil anderen Menschen schadet.

Dafür braucht es Reflexionsfähigkeit . . .

Ich halte die Empathie für viel wichtiger. Sie kennen ja die Geschichte vom Lamm und dem Wolf. Der Wolf wird immer Argumente finden, wenn er das Lamm fressen will. Es gibt keine These, die man nicht beweisen kann. Nicht die rationale Logik macht den Totalitarismus verdächtig, sondern die Logik des Herzens – erst sie weckt das Bedürfnis nachzuprüfen, ob ein Vorurteil berechtigt ist.

Sie leben die Hälfte des Jahres in Budapest und haben die Regierung von Viktor Orbán immer wieder scharf kritisiert. Welche Vorurteile schürt Orbán am meisten?

Im Moment dominieren die Karte der nationalistischen Kränkung und die Brüssel-Skepsis. Nationalistische Vorurteile und Vorurteile gegen den Reichtum ziehen in Osteuropa besonders. Die Reichen sind von vornherein verdächtig, ihretwegen sind wir arm, denken die Menschen. Jetzt sagt Orbán, George Soros sei verantwortlich. Die osteuropäischen Länder bekommen mehr Geld von der EU als andere, trotzdem hilft nichts gegen das Vorurteil, dass Brüssel die Peripherie vernachlässige. Wenn es ökonomisch nicht so gut läuft, muss man jemanden finden, auf den man mit dem Finger zeigen kann. Man darf nicht vergessen, dass Europa als Ganzes keine starke liberale demokratische Vergangenheit hat – und Osteuropa fast gar keine.

Sie überlebten als jüdisches Kind eine Massenerschießung, wurden im Kommunismus verfolgt, dennoch war ihr Leben von Mut und Optimismus geprägt. Europa nannten Sie vor Jahren zynisch. Gilt das für Sie heute noch?

Heute würde ich eher sagen, Europa hat keine Frustrationstoleranz. Das ist eine Art Nihilismus. Es ist ja nicht per se schlecht, immer besser und besser leben zu wollen. Aber wenn etwas Schlechtes passiert, glauben die Menschen hier an nichts mehr, verlieren schlagartig jedes Vertrauen.

 

Sie denken an die Flüchtlingskrise?

Unter anderem. Ja, es gibt eine Flüchtlingskrise. Wenn es eine Krise gibt und man hat Frustrationstoleranz, dann unterstützt man die eigene Regierung mehr als in Zeiten ohne Krise. Stattdessen unterstützen die Menschen die Regierung immer weniger. Das ist neu, nicht nur in Europa, auch in den USA.

Das politische Versagen ist aber auch real.

Ich sage nicht, dass in der Krise richtig gehandelt wurde, aber bis zu einem gewissen Grad konnte man gar nicht richtig handeln. Und die Antwort auf „etwas schlecht machen“ heißt „etwas besser machen“. Die Antwort sollte nicht sein, dass man keiner politischen Regierung mehr glaubt, die nicht extrem ist.

Wer steht in Ungarn hinter Orbán?

Die Mehrheit der Bevölkerung hat große Probleme mit der Regierung und hätte gern eine andere. Es gibt auch viele zivile Gruppen, die auf die Straße gegangen sind, Lehrer zum Beispiel und Ärzte. Aber Demonstrationen fruchten nur in absolut totalitären Regimen, wo sie illegal sind. Sind sie legal, können die Menschen demonstrieren, so viel sie wollen, die Regierung braucht sich nicht drum zu kümmern.

 

Sie kann 2018 abgewählt werden . . .

Aber die Menschen haben keine Wahl. Gemeinsam könnten die Oppositionsparteien in der Mehrheit sein, aber sie arbeiten gegeneinander, deswegen kann Fidesz alle Wahlen gewinnen. Die Menschen sagen, ach ja, Orban ist schlimm, aber zumindest ergibt das keine Anarchie, von den anderen wissen wir überhaupt nicht, wie sie sind, wir haben ja gar keine Möglichkeit, selbst zu entscheiden, keine Kraft, zu viel mit unserem eigenen Leben zu tun, keine Zeit . . . Sie wählen Sicherheit gegenüber Freiheit, andere sollen für sie entscheiden. Die Ungarn sind an autoritäre Regierungen gewöhnt.

GROSSE PHILOSOPHIN, STARKE FRAU

Ágnes Heller, geboren 1929 in Budapest, entkam mit ihrer Mutter mehrmals den Judendeportationen und überlebte knapp eine bereits begonnene Massenerschießung am Donauufer durch die Pfeilkreuzler. Ihr Vater kam in Auschwitz ums Leben. Sie war Schülerin und Assistentin des Philosophen Georg Lukács, wurde im Kommunismus drangsaliert und konnte 1978 nach Australien emigrieren. 1984 erhielt sie die Hannah-Arendt-Professur an der New Yorker New School for Social Research (New School University). Seit ihrer Emeritierung lebt die bis heute hochaktive 87-Jährige in Budapest und New York.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2016)

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