Amoklauf in München: "So eine Nacht ist schwer zu ertragen"

Die Polizei fand im Zimmer des 18-jährigen Täters das Buch "Amok im Kopf - Warum Schüler töten". Deutschlands Kanzlerin Merkel trauert mit den Angehörigen der Opfer: "Es sind immer Orte, an denen jeder hätte sein können."

Die Polizei im Einsatz in München.
Die Polizei im Einsatz in München.
Die Polizei im Einsatz in München. – (c) AFP

Es war ein 18-jähriger Deutsch-Iraner, der am Freitagabend in München neun Menschen erschossen hat. Der Täter befand sich offenbar wegen psychischer Probleme, vermutlich wegen Depressionen, in Behandlung. Die Opfer sind überwiegend junge Menschen, acht von ihnen waren 14 bis 20 Jahre alt, und stammen alle aus München und Umgebung. Unter den Toten dürften sich drei Kosovaren befinden. 27 Menschen wurden - nicht nur durch Schüsse - verletzt, drei von ihnen kämpfen in Münchner Krankenhäusern noch um ihr Leben.

Der 18-Jährige benutzte für seine Tat eine 9mm-Glock-Pistole, die er illegal besessen haben dürfte. Die Seriennummer war nach Polizeiangaben ausgefeilt. Der Täter dürfte einen Facebook-Account gehackt haben und dort zu einem Schnellrestaurant im Einkaufszentrum eingeladen haben. Er würde dort alles zahlen, wenn es nicht zu teuer sei. Vor dem Schnellrestaurant begann dann der Amoklauf.

Merkel: „Orte, an denen jeder hätte sein können“

Am frühen Samstagnachmittag bezog Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel Stellung. „Wir alle trauern mit schweren Herzen um die, die nie mehr zu ihren Familien zurückkehren werden. Den Familien, Eltern und Kindern, für die heute alles leer und sinnlos erscheint, sage ich: Wir teilen ihren Schmerz, wie denken ans sie, wir leiden mit ihn“, richtete sie den Angehörigen der Opfer ihre Anteilnahme aus. Den zahlreichen Verletzten wünschte sie eine baldige und vollkommene Genesung.

Dann ging die Politikerin auf die Häufigkeit derartiger Gräueltaten in der jüngsten Vergangenheit ein. „So ein Abend, so eine Nacht sind schwer zu ertragen“, sagte sie. Umso schwerer, da innerhalb weniger Tage sehr viele derartige Schreckensnachrichten über Europa hereingebrochen seien, verwies Merkel auf den Anschlag in Nizza und den Axtangriff in einem Zug in Würzburg. „Es sind immer Orte, an denen jeder von uns hätte sein können“, räumte die Kanzlerin ein. All jenen, die nun um ihre Sicherheit fürchten, richtete sie abschließend aus: „Der Staat und seine Sicherheitsbehörden werden alles tun, um die Sicherheit und Freiheit aller Menschen in Deutschland zu schützen.“

Keine Hinweise auf IS-Bezug

Kurz zuvor hatte der Münchner Polizeipräsident Hubertus Andrä eine Pressekonferenz zu der Bluttat abgehalten. Dabei teilte er mit, dass es keinen Hinweis auf einen Bezug zur Terrormiliz IS gebe sowie keine Hinweise auf mehr als einen Täter. Vielmehr deute alles auf einen Amok-Hintergrund hin. Die Polizei fand im Zimmer des 18-jährigen Täters ein Buch mit dem Titel "Amok im Kopf - Warum Schüler töten" und Zeitungsberichte über Polizeieinsätze. Zudem fand die Bluttat am fünften Jahrestag des Amoklaufs des Norwegers Anders Behring Breivik statt, bei dem 69 Menschen starben.

Der Mann aus München eröffnete kurz vor 18 Uhr in einem Schnellrestaurant in der Nähe des Olympia-Einkaufszentrums das Feuer. Zweieinhalb Stunden nach den ersten Schüssen fanden die Beamten die Leiche des Täters, der sich selbst das Leben genommen hatte, in der Nähe des Einkaufszentrums in einer Seitenstraße. Zuvor hatte ihn die Polizei gestellt.

Die Behörden sprachen zunächst von einem "Terrorverdacht" und befürchteten zwei weitere Schützen, die "mit Langwaffen" unterwegs seien. Mittlerweile geht die Polizei aber von einem Einzeltäter aus. Das Blutbad soll der 18-Jährige zudem mit einer Pistole, nicht mit einer Langwaffe, angerichtet haben.

Ausnahmezustand in München

Bereits kurz nach Beginn der Angriffe habe eine Zivilstreife der Polizei Kontakt mit dem Täter gehabt und dabei auch auf ihn geschossen, sagte Andrä. Allerdings konnte der Angreifer in Richtung Einkaufszentrum gelangen und dort weitere Menschen töten, bevor er wieder aufgespürt werden konnte. Bisher war der junge Mann nicht polizeibekannt. In den frühen Morgenstunden stürmte ein Sonderkommando der Polizei das mutmaßliche Wohnhaus des Angreifers, der sowohl einen deutschen als auch einen iranischen Pass besaß.

Die Attacke versetzte die bayerische Landeshauptstadt in kurzer Zeit in einen Ausnahmezustand. Rund 2300 Polizisten waren im Einsatz, der Tatort wurde großräumig abgesperrt. Spezialeinheiten wie die GSG 9 und die österreichische Cobra rückten an. Der öffentliche Nahverkehr in der Stadt wurde eingestellt. Auch der Hauptbahnhof wurde evakuiert. Zudem wurden zahlreiche Straßenachsen im Norden der Stadt abgeriegelt.

Die Polizei forderte die Bevölkerung auf, in ihren Häusern zu bleiben und öffentliche Plätze zu meiden. Großveranstaltungen wie das Kulturfestival Tollwood und die Feierlichkeiten zum 500. Jahrestag des Reinheitsgebots wurden geräumt. Es verbreitete sich Panikstimmung: Von den zentralen Knotenpunkten Karlsplatz und Isartor wurden Schießereien gemeldet, die sich später als Fehlalarme herausstellten. Nach Mitternacht gaben die Behörden Entwarnung. U-Bahnen und Busse rollten wieder. Es gebe keine Sicherheitsgefährdung mehr, hieß es.

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