Die ungesühnten Kurdenmorde von Wien

Im Juli 1989 wurde der Kurdenpolitiker Abdul Rahman Ghassemlou im 3. Bezirk umgebracht.

Abdul Raham Ghassemlou
Abdul Raham Ghassemlou
(c) APA (POLIZEI)

Sein Konterfei ist allgegenwärtig. Es ist auf Bildern zu sehen, die an den Wänden im Hauptquartier der Demokratischen Partei Kurdistans Iran (PDKI) hängen. Und die Männer und Frauen, die das Camp nahe der nordirakischen Stadt Koya bewachen, tragen Sticker mit seinem Foto auf ihrem Kampfgeschirr. Abdul Rahman Ghassemlou ist für seine Anhänger eine Ikone. Er hatte sich für die Sache der iranischen Kurden eingesetzt, bis er 1989 in Wien ermordet wurde.

Ghassemlou war Präsident der Demokratischen Partei Kurdistans Iran (PDKI). Unter dem Motto „Demokratie für den Iran, Autonomie für Kurdistan“ unterstützte Ghassemlou 1979 die Revolution gegen Schah Mohammed Reza Pahlavi – in der Hoffnung, Irans Kurden würden nach dem Sturz des autoritären Schah-Regimes mehr Rechte erhalten. Doch Irans neue Herren rund um den schiitischen Geistlichen Ajatollah Khomeini dachten nicht daran, die Autonomiewünsche der Kurden zu erfüllen. Die Folge war ein langer Krieg zwischen den PDKI-Kämpfern und dem Regime.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)


Hinterhalt in Wohnung. 1988 startete Teheran Geheimgespräche mit den Kurden. Am 13. Juli 1989 traf PDKI-Vorsitzender Ghassemlou in Wien mit Vertretern des iranischen Regimes zusammen. Die Verhandlungen fanden in einer Wohnung in der Linken Bahngasse im 3. Bezirk statt. Während der Unterredung stürmte ein Killerkommando die Wohnung und erschoss Ghassemlou und zwei seiner Begleiter. Für die Kurden stand rasch fest: Ghassemlou war vom Regime in einen Hinterhalt gelockt worden.

Die Tatverdächtigen tauchten in der iranischen Botschaft in Wien unter. Auf Druck aus Teheran durften sie schließlich in den Iran ausreisen. Die österreichische Polizei eskortierte sie sogar zum Flughafen Schwechat.

Später wurde gegen Mohammad Jafari Sahraroudi ein internationaler Haftbefehl erlassen. Er steht im Verdacht, das Killerkommando von Wien angeführt zu haben. Doch Sahraroudi ist nach wie vor ein wichtiger Funktionär des iranischen Regimes. In den vergangenen Jahren reiste er immer wieder unbehelligt durch Europa.

1992 fiel im Berliner Restaurant Mykonos auch Ghassemlous Nachfolger Sadegh Sharafkandi einem Anschlag zum Opfer. Anders als in Österreich begann die Justiz in Deutschland den Fall vor Gericht zu bringen. Zwei Attentäter wurden verurteilt. Das Gericht stellte fest, dass der Mordauftrag von Irans Regime gekommen sei.

In Wien hat man für Ghassemlou bisher nur eine Gedenktafel aufgestellt. Der iranische Kurde Ata Nassiri, der vor mehr als 30 Jahren nach Österreich gekommen ist, hat sich dafür eingesetzt, dass Ghassemlou wenigstens dieses Andenken zuteil wird.

FAKTEN

Abdul Rahman Ghassemlou war Präsident der Demokratischen Partei Kurdistans Iran (PDKI). Er setzte sich für Demokratie im Iran und Autonomie in Kurdistan ein.

Im Juli 1989 wurde er in Wien von einem iranischen Killerkommando ermordet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.07.2016)

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