Türkei weitet die Gülen-Jagd auf Österreich aus

Über das Religionsamt forscht Ankara Gülenisten im Ausland aus. Österreich unterstütze die Bewegung des Predigers, heißt es in einem Bericht.

Der Putsch war gegen ihn gerichtet: Präsident Recep Tayyip Erdoğan mit seiner Frau, Emine.
Der Putsch war gegen ihn gerichtet: Präsident Recep Tayyip Erdoğan mit seiner Frau, Emine.
Der Putsch war gegen ihn gerichtet: Präsident Recep Tayyip Erdoğan mit seiner Frau, Emine. – imago/Depo Photos

Wien. Die Jagd nach Mitgliedern der islamischen Gülen-Bewegung, die für den blutigen und gescheiterten Juliputsch in der Türkei verantwortlich gemacht werden, hört an den Landesgrenzen nicht auf. Über die Auslandsniederlassungen der Religionsbehörde Diyanet werden Geistliche und Moscheebesucher animiert, mutmaßliche Anhänger der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen bekannt zu geben. Mitte September hat das Religionsamt unter anderem die türkischen Auslandsvertretungen in Deutschland in einem offiziellen Brief aufgefordert, Bericht zu erstatten. Das vermeldet die Tageszeitung „Die Welt“. In der Zwischenzeit sind Dokumente aus knapp 40 Ländern in Ankara eingetrudelt – sie sind für eine parlamentarische Kommission bestimmt, die Ankara zur Untersuchung des Putschherganges einberufen hat.

Auch der Religionsattaché und der zuständige Botschaftsrat in Österreich haben eine Analyse über die Aktivitäten der Gülen-Bewegung verfasst. Die Berichte liegen der „Presse“ vor. Ein Text beginnt mit einer kleinen Länderkunde über Österreich und mit der Feststellung, dass die Gülen-Bewegung auch hier aktiv sei. Erwähnung findet nicht nur die Zeitung „Zaman“, sondern auch das Phönix-Realgymnasium in Wien-Favoriten, das bereits seit Jahren als Gülen-nah gilt. Die Rolle des Salzburger Vereins Akasya wird besonders hervorgehoben: Die Mitglieder veranstalten kulturelle und bildungspolitische Aktivitäten und haben vergangenes Jahr von Außenminister Sebastian Kurz einen Sport-Integrationspreis in Höhe von 1000 Euro erhalten. Die Verfasser der Berichte führen den Preis als Beispiel dafür an, dass österreichische Behörden Gülen-Organisationen unterstützt hätten.

Das Amt für religiöse Angelegenheiten innerhalb der türkischen Botschaft hat zwei Mitarbeiter – einen langgedienten sowie einen kürzlich eingesetzten – wegen ihrer mutmaßlichen Nähe zu Gülen vom Dienst entlassen, heißt es im Bericht. Zudem habe man die Vereine der Türkisch Islamischen Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit (Atib) gewarnt, Gülenisten würden Atib infiltrieren und dass Auffälligkeiten sogleich gemeldet werden sollen. Atib arbeitet eng mit der türkischen Religionsbehörde zusammen.

Die regierende AKP ist mit der Gülen-Bewegung jahrelang eine Zweckgemeinschaft eingegangen, daher dürfte Ankara auch die ausländischen Gülen-Institutionen eigentlich ganz gut kennen. Die Gülenisten waren besonders in den Bereichen Kultur und Bildung aktiv, und genau hier will Atib künftig andocken. Der Gülen-Bewegung sei das Rückgrat gebrochen worden, ist im Bericht zu lesen, daher werde Atib verstärkt Aktivitäten für Kinder und Jugendliche anbieten.

Im Gegensatz zu den Berichten in Deutschland listen die Autoren für Österreich keine Namen auf – bis auf einen. Numan Gülen, der Neffe des Predigers, sei in Österreich wohnhaft und zeige sich verantwortlich für die hiesigen Gülen-Aktivitäten. Ob sich hier tatsächlich Familienmitglieder des Predigers aufhalten, will das Innenministerium in Wien nicht kommentieren.

In Deutschland haben einige Moscheevereine die Namen möglicher Gülen-Unterstützer – auch mit deutscher Staatsbürgerschaft – genannt und an die türkische Vertretung weitergeleitet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10. Dezember 2016)

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