Wie Anis Amri jahrelang den Behörden entwischte

Der mutmaßliche Attentäter von Berlin konnte wegen mangelnder Beweise in Deutschland nicht verhaftet werden. Seine Rückführung aus Europa scheiterte an den tunesischen Behörden.

Amris A. stammt aus einer armen Familie.
Amris A. stammt aus einer armen Familie.
Amris A. stammt aus einer armen Familie. – APA/AFP/BKA/HO

Europaweit wird nach Anis Amri, dem mutmaßlichen Attentäter auf einen Berliner Chritskindlmarkt, auf Hochtouren gefahndet. Bis zu 100.000 Euro Belohnung setzte die deutsche Bundesanwaltschaft für Hinweise aus der Bevölkerung aus. Immer lauter wird die Kritik, wie der vermutlich 24-jährige Tunesier den Anschlag mit 12 Toten verüben konnte, obwohl er der Polizei in mehreren Staaten bereits bekannt gewesen war.

Auf die Spur des jungen Mannes kam die Polizei durch einen Duldungsbescheid, den die Beamten in dem Sattelschlepper gefunden hatten, mit dem Amri am Montag in die Christkindlmarkt-Besucher am Breitscheidplatz raste. Demnach wurde Amri 1992 in Tataouine, einer tunesischen Stadt unweit der libyschen Grenze, geboren. Als Amri noch sehr jung war, zog die Familie aber weiter in die kleine Stadt Oueslatia, berichtet die "Welt". Die arme Provinzstadt gehört wie Tatouine zu einer Hochburg der Salafisten.

Mit 15 Jahren soll Amri die Schule abgebrochen und sich immer wieder mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser gehalten haben. Seine zehnköpfige Familie lebe noch heute in der Stadt im Nordosten Tunesiens. Sie sei verhört worden, berichtet die Zeitung "Al-Chourouk". Die Familie habe ausgesagt, dass sie keinen steten Kontakt mit Amri gehabt hatte, seitdem er das Haus Ende 2010 verlassen habe. Sein Vater sagte dem tunesischen Sender Mosaique FM, Amri habe Tunesien vor rund sieben Jahren verlassen. Dem Bericht zufolge wurde er in Abwesenheit wegen Raubes eines Lastwagens zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Vier Jahre in italienischem Gefängnis

2011, kurz nach dem Sturz von Diktator Ben Ali in der Folge des Arabischen Frühlings, konnte Amri aus Tunesien flüchten. Wie Zehntausende seiner Landsleute landete er auf der italienischen Insel Lampedusa. Dort soll er in Schlägereien verwickelt gewesen sein und 2011 einen Brand in seinem Flüchtlingslager verursacht haben. Die Rauchwolke war so groß, dass der Flughafen Lampedusas vorübergehend gesperrt werden musste. Einige Tage später wurden elf Personen festgenommen. Zu ihnen zählte auch der Tunesier. Er wurde zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt, die er im sizialischen Enna verbüßte. Den Behörden galt Amri als "problematisch". Im Gefängnis lernte er Italienisch und belegte Tanzkurse. Seine Brüder behaupteten am Donnerstag, Amri habe sich möglicherweise im Gefängnis verändert. Dort habe  "Algerier, Ägypter und Syrer" getroffen, sagte Walid Amri. Auch der zweite Bruder, Abdelkader Amri, meinte: "Er ist mit einer Einstellung ins Gefängnis gegangen und mit einer anderen herausgekommen." 

 

Nach Amris Freilassung hat wie später in Deutschland hat die Rückführung des damaligen Jugendlichen wegen Problemen mit den tunesischen Behörden nicht funktioniert: Tunesien erkannte die Identität von Amri nicht in dem in Italien vorgesehenen Zeitraum an, heißt es in der "Welt". Danach sei Amri vermutlich im Juli 2015 über Freiburg nach Deutschland weitergereist. Er verwendete mehrere Identitäten.

Seit Februar 2016 habe er sich fast ausschließlich in Berlin und für kurze Zeit in Nordrhein-Westfalen aufgehalten, sagte der nordrhein-westfälischen Innenministers Ralf Jäger am Mittwoch. Der Mann sei "hoch mobil", verschiedenen Sicherheitsbehörden mit Kontakt zur Salafisten-Szene aufgefallen und von den Behörden seit November 2016 als "Gefährder" eingestuft.

Amri wurde monatelang in Deutschland überwacht

In Berlin sei Amri aufgrund von Hinweisen von Bundesbehörden von März bis September dieses Jahres überwacht worden, wie die Generalstaatsanwaltschaft mitteilte. Es habe Informationen gegeben, wonach der in Nordrhein-Westfalen einen Einbruch plane, um Geld für den Kauf automatischer Waffen zu beschaffen - "möglicherweise, um damit später mit noch zu gewinnenden Mittätern einen Anschlag zu begehen", hieß es.

Die Observierung und Überwachung der Kommunikation sei sogar verlängert worden, habe aber keine Hinweise auf ein staatsschutzrelevantes Delikt erbracht, erklärte die oberste Berliner Ermittlungsbehörde. Es habe lediglich Hinweise gegeben, dass Amri als Drogendealer tätig und an einer körperlichen Auseinandersetzung, vermutlich in der Dealerszene, beteiligt gewesen sein könnte. Deshalb sei die Überwachung im September beendet worden.

Amri dürfte aber auch im Zuge der Telekommunikationsüberwachung in Ermittlungen gegen mehrere Hassprediger überwacht worden sein, berichtet das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Unter anderem habe er sich als Selbstmordattentäter angeboten. Die Äußerungen seien so verklausuliert gewesen, dass sie nicht für eine Festnahme gereicht hätten, hieß es. Amri soll sich erkundigt haben, wie er sich Waffen beschaffen könne.

"Focus" berichtete unter Berufung auf einen V-Mann des Landeskriminalamtes in Nordrhein-Westfalen, Amri habe im Kreis um den Hassprediger Abu Walaa aus Hildesheim, den Jäger früher einmal als "Chefideologen" der Salafisten in Deutschland eingestuft hatte, wiederholt von seinen Attentatsplänen gesprochen. Monate zuvor habe die Gruppe versucht, den 24-Jährigen nach Syrien zur Extremistenmiliz Islamischer Staat zu schleusen. Walaa sitzt mittlerweile in Haft. Laut "Süddeutscher Zeitung", NDR und WDR tauchte er im Dezember unter.

Amri war auf US-Flugverbotsliste

Nach "Spiegel"-Informationen hatten italienische Behörden den Tunesier 2016 zur schengenweiten Einreiseverweigerung ausgeschrieben, er hätte dann nicht mehr in den Schengenraum einreisen dürfen. Als Amri im April 2016 beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) einen Asylantrag stellte, gab er sich als Ägypter aus und behauptete, in Ägypten verfolgt zu werden. Auf Nachfragen der Behörde habe er jedoch so gut wie nichts über das Land sagen können. Ein Blick in das "Kerndatensystem" des BAMF offenbarte, dass er in Deutschland unter mehreren Identitäten und Geburtstagen registriert wurde. Innerhalb weniger Wochen wurde Amris Asylantrag damals als "offensichtlich unbegründet" abgelehnt.

Er konnte aber nicht abgeschoben werden, weil er keine gültigen Ausweispapiere hatte." Tunesien habe lange Zeit bestritten, dass es sich um seinen Staatsbürger handle, sagte Jäger am Mittwoch. Die für die Abschiebung wichtigen tunesischen Ersatzpapiere seien erst an diesem Mittwoch bei den deutschen Behörden eingetroffen, sagte der Minister.

Auch den US-Behörden dürfte Amri bekannt gewesen sein: Sein Name habe auf der Flugverbots-Liste der USA gestande, berichtet die "New York Times" unter Berufung auf Aussagen nicht näher genannter amerikanischer Offizieller vom Mittwochabend. Zudem soll sich Amri im Internet über den Bau von Sprengsätzen informiert und direkten Kontakt zum IS gehabt haben. Dem Bericht zufolge stand Amri mindestens einmal über den Messengerdienst Telegram in Kontakt zum IS.

(APA/dpa/Reuters/red.)

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