"Vergeltung bringt einen Menschen nicht zurück"

Nach dem Terroranschlag vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gibt sich Berlin Mühe, die Vernunft über die Gefühlsebene zu stellen. Dort lauern Wut und Hass. Leicht ist das nicht, aber auch nicht unmöglich. Die Religionsgemeinschaften geben den Weg vor – nicht nur die christlichen, auch die muslimischen.

Berlin bemüht sich in diesen dunklen Tagen, die Ratio über die Gefühlsebene zu stellen.
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Berlin bemüht sich in diesen dunklen Tagen, die Ratio über die Gefühlsebene zu stellen.
Berlin bemüht sich in diesen dunklen Tagen, die Ratio über die Gefühlsebene zu stellen. – Reuters

Es gibt mehrere Strategien, mit einem belastenden oder traumatischen Erlebnis umzugehen. Diese Strategien können stark voneinander abweichen – wie man diese Woche in Berlin gesehen hat. In den Tagen nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt vor der Gedächtniskirche sangen die einen „We are the world“ und beschworen das Licht, das stärker sei als die Dunkelheit. Die anderen gingen auf die Straße und warfen Kanzlerin Angela Merkel vor, Blut an ihren Händen zu haben. Weil ein Flüchtling die Tat begangen haben dürfte.

Wenn es ein Kontinuum der Bewältigungsstrategien gibt, dann sind das die beiden Enden, die Antipoden. Dazwischen ist viel Raum – ein Graben, wie manche symbolhaft meinen. Einer, der schon davor da war. Der aber in dieser Woche noch tiefer geworden ist. „Hass“, sagte Berlins Bürgermeister Michael Müller im Gedenkgottesdienst am Dienstagabend, „kann und darf nicht unsere Antwort auf Hass sein.“ Als ob sich das so leicht steuern ließe.

Berlin bemüht sich in diesen dunklen Tagen, die Ratio über die Gefühlsebene zu stellen. Als Hilfsmittel dient hier die Selbstbeschwörung. „Auch in Berlin bekommt ihr unseren Hass nicht“, war auf einem der vielen Plakate zu lesen – in Anlehnung an die Worte eines französischen Journalisten, dessen Frau vor einem Jahr beim Anschlag im Pariser Club Bataclan gestorben ist. Das impliziert, dass er sehr wohl da ist, der Hass. Und dass man nicht so recht weiß, wohin mit ihm.

"Zu früh zum Vergeben"

Bis zu einem gewissen Grad sei es normal, dass einen in dieser Situation starke Gefühle überkommen, sagt Martin Germer, der Pfarrer jener Kirche, vor der am Montagabend zwölf Menschen getötet und 49 verletzt wurden, zum Teil sehr schwer. „Aber man darf sich nicht davon beherrschen lassen. Vergeltung bringt einen Menschen nicht zurück.“ Was dann: Vergeben? Aber wie? Dafür, meint Germer, sei es noch zu früh. Aber vielleicht komme man irgendwann an einen Punkt, „an dem man zumindest nicht mehr hassen muss“. Nur so könne man seinen Frieden finden. Der 60-Jährige weiß, wovon er spricht. Vor fast 20 Jahren, bei einem Wanderunfall in Kärnten, hat er seine erste Frau verloren. Am Montagabend, als der schwarze Sattelschlepper in die Menge vor der Gedächtniskirche rast, ist er bei einem Termin um die Ecke. Man trinkt noch ein Bier. Dann kommt der Anruf. Gerner eilt zurück auf den Breitscheidplatz und findet einen verwüsteten Ort vor. Chaos. Leid.

Als Pfarrer der Gedächtniskirche ist Germer auch Seelsorger der Schausteller auf dem Adventmarkt. Manche wenden sich in dieser Nacht mit schrecklichen Geschichten an ihn. Einer hatte seinen Marktstand nur kurz verlassen, um sich die Hände zu waschen. Als er wiederkam, waren die beiden Kunden, denen er eben noch Glühwein verkauft hatte, tot. Wenn er dran denke, sagt Germer, kämen die Tränen wieder. Am nächsten Abend steht er vor dem Altar in seiner Kirche. Neben ihm reichen sich Geistliche aller Religionsgemeinschaften die Hände, christliche Bischöfe, ein Rabbiner, ein Imam. „Wir stehen zusammen, weil es allein nicht zu fassen ist“, predigt Germer. 800 Menschen sind zum Gedenkgottesdienst gekommen, darunter Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck. In der Kirche ist nicht für alle Platz, viele stehen draußen und hören über Lautsprecher mit.

Berlin hat in seiner Geschichte schon viel durchgemacht, Zerstörung, Teilung. Die Stadt ist zäh und stolz auf ihre Diversität. Sie will sich nicht erneut auseinanderdividieren lassen, auch wenn es im Moment schwerfällt. Markus Dröge, der evangelische Bischof, spricht im Gedenkgottesdienst über das Nagelkreuz von Coventry, eines der zentralen Exponate der Gedächtniskirche. Es soll an die Zerstörung der englischen Stadt durch deutsche Bomben erinnern. Dieses Kreuz, sagt Dröge, sei ein Symbol dafür, „dass die Versöhnung stärker sein kann als der Hass“. Mit dieser Botschaft, glaubt er, werde auch Berlin „die Gewalt überwinden“.

Wird es das? In der muslimischen Community, die sich am selben Abend auf dem Breitscheidplatz und in anderen deutschen Städten zur Mahnwache trifft, geht seit Montagabend die Angst um. Vor noch mehr Misstrauen. Vor noch mehr Anfeindungen. „Ich bin ein Muslim, kein Terrorist“, steht auf den Transparenten. Oder auch: „Terror hat keine Religion.“ Es ist der Versuch, einen Pauschalverdacht zu entkräften. Deutschlands Muslime wollen im Dialog bleiben – aber so einfach ist das jetzt nicht mehr. Am Donnerstag berichteten einige von ihnen, sie seien auf den Straßen Berlins angespuckt worden. Ist der Graben noch tiefer als befürchtet?

Die Situation sei ernst, aber nicht hoffnungslos, glaubt Martin Germer. Zwischen jenen, die – trotz allem – weiterhin bereit seien, Flüchtlinge aufzunehmen, und jenen, die „für die Botschaft der Nächstenliebe überhaupt nicht empfänglich sind“, gebe es ein breites Spektrum. Die Politik würde diese Gruppe „Unentschlossene“ nennen. Wie man sie erreichen könne? „Indem wir Geschichten erzählen, Erfahrungen teilen und Begegnungen ermöglichen.“ Vielleicht ist es auch an der Zeit, das Christentum an seine eigene, verdrängte Vergangenheit zu erinnern. Denn das Töten in Namen der Religion sei kein Alleinstellungsmerkmal des Islam, sagt Germer. Man denke an die Kreuzzüge, die Hexenverbrennungen. Allerdings: Im Falle des Islam müsse die Weiterentwicklung schneller gehen. „Das Christentum hat Jahrhunderte gebraucht. So viel Zeit haben wir jetzt nicht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2016)

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