Terror in Großbritannien

London-Attentäter als „Jihadist von nebenan“

Einer der Verdächtigen, Khuram Butt, war in einem Fernsehprogramm über Jihadisten aufgetreten. Der Personalabbau bei der Polizei holt die konservative Regierungschefin nun knapp vor der Wahl ein.

Abgeriegelt: Polizeiforensiker bei ihrer Arbeit entlang der Straße von der London Bridge zum Borough Market, wo am Samstagabend sieben Menschen bei einem Anschlag getötet wurden.
Abgeriegelt: Polizeiforensiker bei ihrer Arbeit entlang der Straße von der London Bridge zum Borough Market, wo am Samstagabend sieben Menschen bei einem Anschlag getötet wurden.
Abgeriegelt: Polizeiforensiker bei ihrer Arbeit entlang der Straße von der London Bridge zum Borough Market, wo am Samstagabend sieben Menschen bei einem Anschlag getötet wurden. – (c) REUTERS

London. Die britischen Sicherheitskräfte kommen in der Frage, ob sie die Terrorbedrohung im Land tatsächlich unter Kontrolle haben, mehr und mehr unter Druck. Einer der drei Attentäter von Samstag, der 27-jährige Khuram Butt, war den Behörden bereits vor zwei Jahren wegen seiner extremistischen Ansichten gemeldet worden. Der Verdacht wurde damals jedoch nicht aktiv weiterverfolgt. „Ich habe bisher keinen Fehler in unserer Arbeit gesehen“, rechtfertigte der stellvertretende Londoner Polizeichef Mark Rowley die Entscheidung mit der schieren Anzahl von Meldungen. Die britischen Behörden sehen sich nach eigenen Angaben mit rund 500 potenziellen Terrorthemen konfrontiert.

Angesichts dieser Bedrohungslage habe man der Meldung über Butt nur „niedrige Priorität“ eingeräumt, sagte Rowley. Butt sei durch extremistische Aussagen aufgefallen, nicht durch Vorbereitung einer Tat. Der Vater zweier Kinder habe „für alle Taten von Extremisten eine Rechtfertigung gehabt“, berichtete ein Bekannter. Butts Familie stammt aus Pakistan, er selbst wurde in London geboren und lebte im Osten der Stadt. Er ging Gelegenheitsarbeiten nach, darunter bei den Verkehrsbetrieben „Transport for London“. Beim Anschlag am Samstagabend trug er ein Trikot des Fußballvereins Arsenal FC. Butt war aber nicht nur den Sicherheitskräften durch die Maschen gegangen. In einer Dokumentation des Fernsehsenders Channel 4 namens „Die Jihadisten von nebenan“ entfaltete er im Vorjahr eine IS-Fahne und bezeichnete sich als Anhänger der Terrororganisation. Von seiner Moschee in Ostlondon wurde er wegen extremistischer Ansichten verwiesen. Mit dem Aufruf „Nur Gott hat das Sagen“ habe er Gläubige zu einem Boykott der Parlamentswahlen 2015 aufgerufen.

Neben Butt nannten die Behörden am gestrigen Dienstag auch die Namen der beiden anderen Attentäter von Samstag: Dabei handelt es sich um den 30-jährigen Rachid Radouane und Youssef Zaghba, einen 22-jährigen Mann marokkanisch-italienischer Herkunft. Er soll im März den italienischen Sicherheitskräften aufgefallen sein. Auf seinem Handy seien IS-Videos entdeckt worden, hieß es. Rafouane, dessen Familie aus Marokko und Libyen stammt, war als einziger Attentäter zuvor nicht auf dem Radarschirm der Behörden aufgetaucht.

Weniger Geld für Polizei?

Die Enthüllungen über Khuram Butt waren umso peinlicher, als auch der Attentäter von Manchester vor zwei Wochen, Salman Abedi, ebenfalls den Behörden aufgefallen war, ohne dass seine Tat verhindert werden konnte. In den Mittelpunkt der Debatte rückte daher erneut die Frage, ob die britischen Sicherheitskräfte mit ausreichenden Mitteln ausgestattet sind. Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan warnte vor geplanten Kürzungen der Regierung: „Weniger Polizisten bedeuten weniger Sicherheit.“

Konservative Parteistrategen zeigten sich zwei Tage vor den Parlamentswahlen am Donnerstag zunehmend frustriert: Die Sicherheitsfrage scheint den Tories nicht zu helfen. Der Wahlforscher Tom Clarkson konstatierte einen Stimmungswandel: „Während der Anschlag in Manchester zu einer Welle von Schock führte, wird nun die Frage nach der politischen Verantwortung immer lauter.“ Unter der damaligen Innenministerin Theresa May wurden in den letzten sechs Jahren 20.000 Polizeiposten eingespart.

Premier May bleibt Favoritin

Dennoch geht die aktuelle Premierministerin als Favoritin in die Wahl am Donnerstag. In jüngsten Umfragen lag ihre konservative Partei 6,5 Prozentpunkte vor der oppositionellen Labour Party. Von dem vor wenigen Tagen noch erwarteten Erdrutschsieg scheint May jedoch weit entfernt.

HINTERGRUND

Drei Terroristen haben am Samstagabend auf der London Bridge und am nahen Borough Market in der britischen Hauptstadt London mindestens sieben Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt. Acht Minuten nach dem ersten Notruf wurden sie am Tatort von der Polizei erschossen.

Noch immer befinden sich mehr als 30 Verletzte in Krankenhäusern, 15 waren in kritischem Zustand. Mehrere Menschen wurden noch vermisst. Zwölf Verdächtige, die nach dem Anschlag vom Samstagabend festgenommen worden waren, sind inzwischen wieder auf freiem Fuß.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2017)

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