Afghanische Dorfbewohner berichten von Taliban-Gewaltorgie

Laut Augenzeugen erschossen und enthaupteten die Extremisten Geiseln in einem nordafhganischen Schiiten-Dorf - unter Mithilfe des IS.

Drei der befreiten Geiseln im Dorf Mirzawalang.
Drei der befreiten Geiseln im Dorf Mirzawalang.
Drei der befreiten Geiseln im Dorf Mirzawalang. – APA/AFP/STR

Nach ihrer Befreiung aus den Händen der radikalislamischen Taliban haben afghanische Dorfbewohner am Mittwoch von brutalen Szenen während der Geiselnahme berichtet. Laut Behörden töteten die Islamisten mindestens 50 Menschen in dem Ort Mirzawalang im Norden Afghanistans, Dorfbewohner sprachen von einer regelrechten Gewaltorgie. 235 Geiseln waren am Dienstag nach Verhandlungen wieder freigekommen.

Die befreiten Dorfbewohner berichteten, die meisten Getöteten hätten der bei den sunnitischen Taliban verhassten schiitischen Hazara-Minderheit angehört. Sie seien entweder erschossen oder enthauptet worden. "Die Angreifer haben eine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern hinter einen Hügel geführt und alle erschossen", sagte ein Einwohner des Orts, Ali Dad Zafari.

Zusammenarbeit mit IS

Ein anderer Bewohner, Yasin Abuzar, berichtete, die Taliban hätten am Samstag gemeinsam mit Kämpfern der Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) die Zufahrtsstraßen abgeriegelt, ehe sie mit den Tötungen begannen. "Ich konnte nur meine Kinder retten", sagte er. "Als sie in unser Dorf kamen, haben sie willkürlich das Feuer eröffnet, auch Kinder und Frauen haben sie nicht verschont", sagte Abuzar. Er selbst habe dabei geholfen, zehn Leichen in einem Grab zu verscharren.

Ein Vertreter der afghanischen Sicherheitskräfte sagte, etwa hundert Menschen würden weiterhin in dem Dorf festgehalten. Die Armee kündigte am Mittwoch einen Militäreinsatz an, um den Ort zurückzuerobern.

Die Provinzbehörden baten um dringende humanitäre Hilfe. Aus der umkämpften Region seien Hunderte Menschen in die Provinzhauptstadt Sar-e Pul geflohen, sagte ein Behördensprecher. "Sie leben in Moscheen, Schulen, bei ihren Verwandten und manchmal sogar auf der Straße", berichtete er. Ohne rasche Hilfe drohe eine "humanitäre Katastrophe".

Die Taliban hatten die Einnahme des Dorfes bestätigt, dementierten aber, für den Tod von Zivilisten verantwortlich zu sein. Auch eine Kooperation mit der Jihadistenmiliz IS wiesen sie zurück. Nach Einschätzung von Sicherheitsexperten haben sich die einstmals verfeindeten Extremistengruppen in einigen Gebieten zusammengeschlossen, um die afghanische Armee zu bekämpfen.

(APA/AFP)

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