Ausstellung

World Press Photo: Der Chronist eines Terrorakts

Burhan Özbilici hat die Ermordung des russischen Botschafters in Ankara dokumentiert. Dabei war der Fotograf nur zufällig dort. Seine preisgekrönte Bilderserie ist derzeit im Wiener Westlicht zu sehen.

Bilder eines Attentates: Der türkische Fotojournalist Burhan Özbilici vor seinen Bildern in der Fotogalerie Westlicht.
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Bilder eines Attentates: Der türkische Fotojournalist Burhan Özbilici vor seinen Bildern in der Fotogalerie Westlicht.
Bilder eines Attentates: Der türkische Fotojournalist Burhan Özbilici vor seinen Bildern in der Fotogalerie Westlicht. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Usain Bolt, der schnellste Mann des Planeten, rennt auf diesem Foto allen wie gewohnt davon und hat währenddessen noch Zeit, in Richtung des Fotografen zu blicken und breit zu grinsen. Kai Pfaffenbach hat eindeutig im richtigen Moment abgedrückt. Burhan Özbilici sagt zu diesem Foto, das in der Kategorie Sport des World-Press-Photo-Preises den dritten Platz erhalten hat: „Pfaffenbach hat ein Bild gemacht wie ein Gedicht.“

Es gibt mehrere Einzelfotos und Serien, die Özbilici in der aktuellen Auswahl der „World Press“-Ausstellung gefallen. Viele der ausgezeichneten Fotografen kenne und schätze er. Den ersten Platz der Pressefotos hat seine eigene Serie erhalten. Özbilici hat vergangenen Dezember den Mord des russischen Botschafters in Ankara, Andrej Karlow, fotografisch dokumentiert. Sein Bild des Attentäters, Mevlüt Mert Altintaş, ging um die Welt, ein junger Mann mit furchterregend verzerrtem Mund, der seine Waffe festhält und islamistische Parolen brüllt, neben ihm auf dem Boden der leblose Körper Karlows, etwas weiter hinten seine weggeschleuderte Brille.

An diesem Tag war Özbilici eher zufällig in der Kunstgalerie, die zum Tatort wurde. Es war kein offizieller Termin, wie er schildert, vielmehr wollte der Fotojournalist eine Freundin treffen und ein paar Bilder quasi im Vorbeigehen machen. Während der russische Botschafter die Ausstellung eröffnete, ging Özbilici zwischen den Gästen herum, machte ein paar Aufnahmen, zeigte sie der Freundin – und in diesem Moment: Schüsse. „Die Menschenreihen vor und nach mir haben sich geduckt“, erzählt Özbilici, „und ich stand, sah ihn an, dann begann ich zu fotografieren.“

 

Golfkrieg und Saddam Hussein

Özbilici, Jahrgang 1955, ist seit Jahrzehnten als Fotojournalist für die amerikanische Agentur Associated Press tätig. Kriege und Naturkatastrophen habe er während seiner Laufbahn genug gesehen, erzählt er, und gewissermaßen habe ihn seine langjährige Tätigkeit auf diesen Moment vorbereitet. „Sei es der Golfkrieg oder die Flucht vor Saddam Hussein, in diesen Zeiten habe ich mir gedacht: Ich muss mich auf alles Mögliche gefasst machen.“ Ja, er sei nach den Schüssen ruhig geblieben. Er habe sich kräftig genug gefühlt. Obwohl sein Herz derart heftig und laut schlug, als wollte es wegrennen. Obwohl sich das Stehen angefühlt habe, als wehe ihm der Wind eines Tornados entgegen.
Özbilici wusste nicht, ob Altintaş allein war, ob am Eingang andere Islamisten warteten, ob er die Galerie je lebend verlassen würde. Aber mit den Fotos hätte er in jedem Fall ein Erbe hinterlassen, „und dann war es nicht umsonst.“

Der Attentäter Altintaş wurde noch in der Kunstgalerie von türkischen Sicherheitskräften erschossen. Seine Tat fiel in eine Zeit, als die Beziehungen zwischen der Türkei und Russland an einem Tiefpunkt lagen, als sie ihre Rhetorik verschärften, weil sie entgegengesetzte Ziele im Bürgerkriegsland Syrien verfolgten. „Vergesst Syrien nicht!“, rief Altintaş Augenzeugen zufolge nach seiner Tat. Hass und böser Fanatismus – für die „World-Press Photo“-Jury bringt Özbilicis Serie genau diese Probleme unserer Zeit auf den Punkt. Ihre Entscheidung wurde allerdings auch schwer kritisiert, Özbilicis Gewinn war vermutlich der kontroverseste der vergangenen Jahrzehnte.

Vor allem der Juryvorsitzende, Stuart Franklin, war dagegen, dass die Dokumentation eines Mordes diesen Preis erhält, wie er nach der Verkündung ungewöhnlicherweise im „Guardian“ schrieb: „Es ist die Fotografie eines Mordes, Täter und Opfer im selben Bild, das ist moralisch genauso problematisch wie das Veröffentlichen von Bildern, in denen Terroristen Menschen köpfen.“ Natürlich sei es kontrovers, sagt Özbilici dazu. Aber was er gesehen habe, sei Zeitgeschichte gewesen, und er habe eben seine Arbeit getan.

 

Korrumpierte Journalisten

Der Fotojournalist lebt und wirkt in Ankara, die bewegten Zeiten in der Türkei verfolgt er ganz genau, sehr oft mit seiner Kamera. Özbilicis Erzählungen legen offen, dass er ein Bewunderer des Staatsgründers, Mustafa Kemal Atatürk, ist. Dessen republikanisches Erbe sieht der Fotograf trotz aller gesellschaftlichen Umwälzungen nicht in Gefahr. „Die türkische Gesellschaft hat andere schwierige Zeiten überlebt.“ Aber die Medienlandschaft, die sei derzeit eine Farce. Viele seiner Kollegen sind im Gefängnis, andere „spielen Theater, verstecken Wahrheiten“.

Dass es überhaupt so weit kommen konnte, das hätten nicht zuletzt die Journalisten selbst zu verantworten, meint Özbilici – mit ihrer Bestechlichkeit, egal, ob sie in konservativen oder liberalen Blättern schrieben. Darüber, dass er den ersten Preis der World Press Photo Awards bekommen habe, sei in vielen türkischen Zeitungen kaum etwas berichtet worden.

Ausstellung

„World Press Photo“. Das Bild des türkischen Associated-Press-Fotografen Burhan Özbilici, das die Ermordung des russischen Botschafters in der Türkei zeigt, wurde zum Pressebild des Jahres gekürt. Die „World Press Photo“-Ausstellung gastiert von 15. September bis 22. Oktober in Wien Neubau. Westlicht, Westbahnstraße 40.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2017)

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