Erster Einsatz-Verlust eines Eurofighters

Die Saudische Luftwaffe bestätigte heute früh, dass am 13. September eine "Typhoon" bei Bodenangriffen über dem Jemen verlorenging.

Saudische Typhoons
Saudische Typhoons
Saudische Typhoons – BAe

Während eines Luftnahunterstützungseinsatzes im Rahmen der seit März 2015 laufenden arabischen Operation "Decisive Storm" gegen Kämpfer der schiitischen Houthi-Rebellenstreitkräfte im Jemen ist es zum ersten operativen Verlust eines europäischen Kampfflugzeugs Eurofighter "Typhoon" gekommen: Ein Einsitzer, geflogen von einem Piloten namens Muhanna al-Baiz, flog demnach gegen einen Berg in der südlichen Provinz Abyan.

Die Ursache war vorerst unklar oder wurde jedenfalls nicht angegeben. Eine saudische Twitter-Meldung mit dem Inhalt "technical failure during a CAS (Close Air Support, Luftnahunterstützung) mission" nennt zwar ein "technisches Problem", aber ob jenes von selbst, durch Flugabwehrfeuer oder in Verbindung mit einem Piloten- oder Wartungsfehler auftrat, wird wohl, wenn überhaupt, erst später klar werden.

Luftnahunterstützung findet üblicherweise näher am Boden statt, obwohl aufgrund moderner, "intelligenter" (etwa lasergesteuerter) Waffen auch meist nicht mehr in echtem Tiefflug nach Art etwa des Zweiten Weltkriegs oder der Nahostkriege. Trotzdem bleiben Faktoren wie Flugabwehr oder gebirgige Topographie dabei immer ein Risiko.   

Die ersten Typhoons waren 2003 ausgeliefert worden, damals an die deutsche und spanische Luftwaffe. 2007 kamen die ersten, hierzulande schlicht "Eurofighter" genannten Maschinen nach Österreich. Saudiarabien beschaffte ab anno 2006 72 Stück.

Saudische Typhoons anno 2011 in Zeltweg , im Hintergrund eine österreichische.
Saudische Typhoons anno 2011 in Zeltweg , im Hintergrund eine österreichische.
Saudische Typhoons anno 2011 in Zeltweg , im Hintergrund eine österreichische. – Georg Mader

Die RSAF (Königlich Saudische Luftwaffe) hat erst diesen Sommer die letzten der 72 im englischen Warton bei Blackpool gebauten Typhoons erhalten. Sie sind auf der King Fahd Air Base in Taif im Norden des Landes stationiert. 2011 waren zwei davon zu Gast im steirischen Zeltweg.

Nicht nur saudische Verluste über dem Jemen

Von den unter saudischem Oberkommando im Jemen intervenierenden Nationen (Ägypten, Marokko, Jordanien, Sudan, Vereinigte Arabische Emirate, Kuwait und Bahrain) verzeichneten die Luftwaffen Marokkos, Jordaniens, Bahrains, der Saudis und der Emirate bereits einige Verluste von Fluggerät. Es waren US-Jets der Modelle F-16 und F-15 sowie eine Mirage 2000 von Dassault, zusammen mindestens fünf Stück, dazu mindestens zehn Hubschrauber.

Erst am 11. September hatte die Nachrichtenagentur der Emirate den "Märtyrerstatus" des F-16-Piloten Sultan Mohamed Ali Al Naqbi verkündet, angeblich ebenfalls auf Grund eines technischen Versagens während einer Aufklärungsmission über dem Jemen.

Saudische Typhoons im März 2017 auf einer Luftwaffenbasis im Sudan
Saudische Typhoons im März 2017 auf einer Luftwaffenbasis im Sudan
Saudische Typhoons im März 2017 auf einer Luftwaffenbasis im Sudan – RSAF

Richtige Kampfeinsätze (abgesehen etwa von Luftraumpatrouillen über dem Baltikum) flogen ansonsten noch britische und italienische Typhoons bisher über dem Irak, Syrien und während der Intervention in Libyen 2011. Gegner in der Luft hatten sie dabei kaum bis nicht zu gewärtigen.

Wenn der nunmehrige Crash der erste Kampfverlust der bisher mindestens 500 ausgelieferten Eurofighter ist, so geht auch die Gesamtzahl von Maschinen, die seit 2003 insgesamt verunglückt sind, statistisch gesehen gegen Null. Zuvor hatte es zwei tödliche Unfälle mit Typhoons gegeben, beide trugen sich bei von der spanischen Basis Morón aus gestarteten Übungsflügen zu. Im September 2014 kam dabei ein spanischer Pilot ums Leben, im Oktober 2010 ein saudischer Oberstleutnant, durch eine Fehlfunktion des Schleudersitzes, während der mitfliegende spanische Major aussteigen konnte und überlebte.

Minimale Unfallrate des Typhoon

Tödlich endete auch ein Zusammenstoß eines deutschen Eurofighters im Juni 2014 mit einem Learjet einer privaten Firma über Nordrhein-Westfalen. Der Learjet flog als Zieldarsteller im Rahmen einer Übung mit der deutschen Luftwaffe, beide Piloten kamen ums Leben, als der Flieger auf unbewohntes Gebiet stürzte. Die Typhoon konnte leicht beschädigt landen.

Ganz früh im Eurofighter-Programm, 2002, war der spanische Prototyp beim 323. Testflug wegen Flammabrisses der Vorserien-Triebwerke nahe Toledo abgestürzt. Beide Testpiloten stiegen aus und blieben unverletzt.

Die Bauchfleck-Typhoon
Die Bauchfleck-Typhoon
Die Bauchfleck-Typhoon – US Air Force

Daneben gab es nur eine Handvoll kleinerer Unfälle, die Sachschaden oder leichte Verletzungen verursachten. Im April 2008 etwa machte eine britische Typhoon einen "Bauchfleck" (Bild oben, das Fahrgestell war nicht ausgefahren) auf einer Basis in den USA. Anfang September 2017 schoss eine britische Typhoon in Tschechien über die Landebahn hinaus.

Früher weit höhere Stück- aber auch Verlustzahlen

Zum Vergleich einige Stückzahlen und Verlustraten älterer Muster, welche heute wohl Regierungen wegfegen würden: Von den gesamt 875 einst von Convair ab den 1950ern gebauten F-102A "Delta-Dagger"-Abfangjägern (Ex-Präsident George W. Bush flog so einen in seiner Jugend) sind von 1960 bis 1976 gleich 259 bei Unfällen abgestürzt, dazu 14 bei Kriegseinsätzen in Vietnam. 70 Piloten der Air Force und der Nationalgarde starben.

Eine Delta Dagger
Eine Delta Dagger
Eine Delta Dagger – USAF

Berühmt-berüchtigt war die Unfallrate des durch die multiplen deutschen Rollenwünsche "überforderten" Jägers/Jagdbombers F-104 "Starfighter" von Lockheed. Von 1960 bis 1991 stürzten 269 von 916 von den Deutschen erworbenen Maschinen ab, etwa 30 weitere wurden sonst schwer beschädigt, 116 Piloten starben. Schon die Beschaffung der Flieger durch den damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (1915-1988) hatte wegen ihrer bekannten technischen Unzuverlässigkeit, Unausgereiftheit und Korruptionsverdachts einen Skandal ausgelöst.

Es regnet MiGs auf Indien

Inferior ist auch die Statistik der indischen Luftwaffe auf den russischen Modellen der Serien MiG-21 bis MiG-29. Von 1966 bis 2012 gingen von 872 eingeführten indischen MiGs gleich 482, also 55 Prozent, durch Unfälle verloren, dabei starben 171 Piloten und 39 Zivilisten.

Teil einer abgestürzten indischen MiG-21, August 2015
Teil einer abgestürzten indischen MiG-21, August 2015
Teil einer abgestürzten indischen MiG-21, August 2015 – The Indian Express

Die höchsten Flugzeugverluste außerhalb von Kampfeinsätzen treten üblicherweise in den Einführungs- bzw. Anfangsjahren auf. So sind etwa von den mehr als 4000 gebauten amerikanischen F-16 "Fighting Falcons" aller Versionen (A bis F) die meisten in den frühen 1990ern abgestürzt, 36 im Jahr 1991 und je über 30 auch 1992 und 1993. (Allerdings war die F-16 beginnend in den USA ab Ende der 1970er in Dienst gestellt worden). Danach ging die jährliche Unfallrate auf ca. 15 pro Jahr zurück, in den vergangenen Jahren liegt sie in den 24 heute die "Falcon" fliegenden Luftwaffen weltweit bei unter 0,5 Prozent.

* Georg Mader ist Österreich-Korrespondent des internationalen Militärfachmagazins IHS Jane’s Defence. Sein Text wurde redigiert, erweitert und illustriert von "Presse"-Redakteur Wolfgang Greber.

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