Der Friedensnobelpreis: eine Botschaft an Trump, Kim und die Nato

Die Auszeichnung geht an die Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen. Österreich spielt eine besondere Rolle in der Geschichte der Organisation, vor allem beim Versuch, Atombomben völkerrechtlich zu verbieten.

Beatrice Fihn, die Geschäftsführerin von Ican, hielt es zuerst für einen Scherz, als sie vom Nobelpreis erfuhr.
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Beatrice Fihn, die Geschäftsführerin von Ican, hielt es zuerst für einen Scherz, als sie vom Nobelpreis erfuhr.
Beatrice Fihn, die Geschäftsführerin von Ican, hielt es zuerst für einen Scherz, als sie vom Nobelpreis erfuhr. – (c) REUTERS (DENIS BALIBOUSE)

Wien/Oslo. Selten kam ein Friedensnobelpreis derart überraschend. Beatrice Fihn, die Geschäftsführerin der prämierten Organisation Ican (International Campaign to abolish Nuclear Weapons) dachte zuerst an einen Scherz, als sie wenige Minuten vor der offiziellen Bekanntgabe einen Anruf des Osloer Nobelpreiskomitees erhielt.

Seit zehn Jahren setzt sich Ican für die Abschaffung von Nuklearwaffen ein. Und das neutrale Österreich spielte dabei eine bedeutende Rolle. Das fing schon bei der Gründung an. Denn aus der Taufe gehoben haben die Anti-Atombomben-Aktivisten ihren Dachverband, dem mittlerweile 450 Organisationen in mehr als 100 Ländern angehören, die Organisation 2007 in Wien.

Engagierte Diplomaten loteten von Anfang an Kooperationsmöglichkeiten aus, allen voran Alexander Kmentt, der Österreich derzeit beim Politischen und Sicherheitspolitischen Komitee (PSK) der EU vertritt. 2014 war abermals Wien Schauplatz eines Meilensteins in der Historie von Ican: In Österreichs Hauptstadt fand ein Treffen statt, in dem Experten aus aller Welt die humanitären Folgen eines Atombombeneinsatzes diskutierten. Das berührte den Kern der Kampagne, wie Nadja Schmidt, die 31 jährige Obfrau von Ican Austria, im Gespräch mit der „Presse“ betont.

 

Folgen eines Atomkriegs

Die Organisation will Bewusstsein dafür schaffen, welche verheerenden Auswirkungen die Massenvernichtungswaffen hätten. Seit die Amerikaner die Massenvernichtungswaffen 1945 in Hiroshima und Nagasaki eingesetzt haben, ist die Gefahr verdrängt. Eine 100-Kilotonnen-Atombombe könnte eine Großstadt auslöschen: Im Umkreis von drei Kilometern würde ein Feuerball alles vernichten. Auch im Umkreis von fünf bis zehn Kilometern wären die meisten Anwohner rasch tot: infolge der Druckwellen, weil sie verbrennen oder ersticken oder weil an der Strahlenkrankheit sterben. Und im Umkreis von 80 Kilometern und darüber hinaus ginge der Krebstod um.

Was also tun? Die Organisation forcierte die Idee, Atomwaffen völkerrechtlich zu ächten. Warum sollte nicht funktionieren, was auch schon bei Landminen oder chemischen und biologischen Massenvernichtungswaffen geklappt hatte? Wieder war Österreich an vorderster Front. Es gehörte neben Irland, Mexiko, Brasilien, Südafrika und Nigeria zu den sechs Kernstaaten, die im September 2016 bei der Generalversammlung der UNO eine Resolution zum Verbot vom Atomwaffen einbrachten. Nur zehn Monate später, heuer im Juli, nahmen 122 Staaten einen internationalen Vertrag zum Verbot von Atomwaffen an. Herstellung, Besitz, Einsatz und Lagerung der Massenvernichtungswaffen sind darin untersagt.

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Am 20. September 2017 folgte der nächste Meilenstein: Mehr als 50 Staaten unterzeichneten den Vertrag, darunter auch Österreich. Sollten 50 ihn auch ratifizieren, tritt das Abkommen in Kraft.

Es war ein historischer Tag, an dem übrigens Beatrice Fihn, die Geschäftsführerin von Ican, in der österreichischen Vertretung in New York auftauchte, um Journalisten Rede und Antwort zu stehen. Ein weiteres Zeichen für Nähe der Organisation zu Österreich. Die Nato indes schäumte. „Wir, die Bündnisstaaten, können diesen Vertrag nicht unterstützen“, erklärten die 29 Staaten des Verteidigungsbündnisses in einer Erklärung. Der Versuch, Nuklearwaffen mit einem Vertrag zu verbieten, ohne einen Atomstaat einzubeziehen, sei nicht wirkungsvoll und spalte die Weltgemeinschaft. Österreichs Außenminister Sebastian Kurz wies die Kritik damals zurück. Und am gestrigen Freitag gratulierte er Ican und dem Nobelpreiskomitee: Dabei verwies er auf die akute Gefahr eines Atomkriegs in Nordkorea. Ican-Chefin Fihn schlug in dieselbe Kerbe. Nach Verkündigung des Nobelpreises hatte sie eine Botschaft für Nordkoreas Diktator Kim Jong-un und US-Präsident Donald Trump bereit: „Nuklearwaffen sind illegal.“

 

Signal an Norwegen

Die Nato hielt sich am Freitag mit Kommentaren zurück. Deutschland, ein Mitglied der Allianz, beglückwünschte das Nobelpreiskomitee für dessen Entscheidung. Den Atomwaffenvertrag hat die Regierung in Berlin freilich nicht unterschrieben.

Das Nobelpreiskomitee begründete seine heurige Wahl unter anderem mit einem aktuellen Bezug der Nordkorea-Krise. „Wir leben in einer Welt, in der das Risiko eines Einsatzes von Atomwaffen größer ist als lange Zeit zuvor.“ Die Bemühungen von Ican, ein Verbot der Atomwaffen zu erreichen, sei bahnbrechend. Unerwähnt ließ das Osloer Nobelkomitee ein naheliegendes Motiv. Zu den Unterstützern der Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen hatte anfangs auch Norwegen gehört. Doch nach der Abwahl der sozialdemokratischen Regierung schwenkte das Nato-Land wieder auf die Linie der Allianz um.

AUF EINEN BLICK

Ican. Die Internationale Kampagne für die Abschaffung von Atomwaffen (Ican) wurde 2007 in Wien im Rahmen einer Konferenz zum Atomwaffensperrvertrag gegründet. Ihr Sitz ist heute in Genf. Die Generalsekretärin, die Schwedin Beatrice Fihn, ist erst 34 Jahre alt. Ihr Büro besteht aus nur vier Leuten. Das Bündnis selbst besteht aus 450 Friedensgruppen und Organisationen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2017)

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