Tschechien: Warum der Wahlsieg den selbstbewussten Zeman nervös macht

Die erste Runde der Präsidentschaftswahl hat der Amtsinhaber zwar mit 38,5 Prozent der Stimmen für sich entschieden. Allerdings mehren sich die Anzeichen, dass Zeman-Rivale Drahoš bei der Stichwahl in zwei Wochen viel bessere Chancen hat, als ursprünglich erwartet.

Präsident Zeman zittert um sein Amt.
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Präsident Zeman zittert um sein Amt.
Präsident Zeman zittert um sein Amt. – (c) APA/AFP/RESPEKT MAGAZINE/MATEJ STRANSKY

Prag. Als Miloš Zeman am Tag vor der Präsidentschaftswahl einer tschechischen Zeitung im Interview gestand, dass er „nervös“ sei, da taten das viele Leser als Koketterie ab. Immerhin gab es Umfragen, die dem amtierenden tschechischen Präsidenten einen Durchmarsch zur nächsten Amtszeit im ersten Anlauf zutrauten.

Zeman war da vorsichtiger. Er kennt seine Pappenheimer: Die Tschechen neigten dazu, sich hinter einem Wahlverlierer zu einigen und dann im zweiten Wahlgang den Gewinner aus der ersten Runde in die Röhre gucken zu lassen, sagt er. „Ich muss mich darauf vorbereiten, vor der Stichwahl in eine sehr schwierige Position zu kommen“, sagte er.

Und in genau der ist er jetzt. Zeman gewann zwar am Wochenende die erste Runde mit etwa 38,5 Prozent der Stimmen. Sein härtester Widersacher, der parteilose Chemieprofessor Jiří Drahoš, kam auf nur 26,6 Prozent. Doch der große Abstand täuscht: Jedes Prozent unter 40 ist unter den Erwartungen Zemans.

Zeman äußerte sich zwar zuversichtlich, am Ende das Rennen zu machen. Doch die gleiche Zuversicht brachte auch Drahoš zum Ausdruck. Beider Chancen stehen in der Tat 50 zu 50. Die Wettbüros in Tschechien glauben gar an einen Sieg des vermeintlichen Außenseiters, der mit Politik bisher nichts zu tun hatte. Drahoš sagte unter anderem, er lasse sich vom slowakischen Präsidenten Andrej Kiska inspirieren, der – ebenfalls von Politik völlig unbeleckt – vor vier Jahren den favorisierten und politisch erfahrenen Premier Robert Fico bezwang. Wichtig für Drahoš ist das Versprechen von mehreren unterlegenen Kandidaten, ihn vor der zweiten Runde gegen Zeman unterstützen zu wollen: Würden deren Wähler sich für Drahoš mobilisieren lassen, könnte der mit 1,7 Millionen zusätzlichen Stimmen rechnen.

Weitere Gründe für den Optimismus von Drahoš bietet eine Umfrage des tschechischen TV: Dort wurde nach den herausragenden Eigenschaften aller neun Kandidaten der ersten Runde gefragt. Drahoš schnitt mit Abstand beim Punkt „Würde für das Amt“ am besten ab; Zeman landete auf dem letzten Platz. Offenkundig missfällt vielen Tschechen der Hang Zemans zum Pöbeln und Alkohol – oder die Tatsache, dass er immer wieder Günstlinge des früheren sozialistischen Regimes, darunter Ex-Stasi-Leute, mit Orden ehrte.

Drahoš verspricht zudem, mit der Polarisierung der Gesellschaft Schluss zu machen und die Tschechen zu einen. Zudem befürchten viele Tschechen, ihr Land könnte mit Zeman immer mehr nach Osten rücken. Drahoš ist klarer Euro-Atlantiker.

 

Überraschende Babiš-Kritik

Samstagabend erhielt Zeman zu allem Unglück noch eine weitere kalte Dusche, als Regierungschef Andrej Babiš das Wahlergebnis kommentierte. Babiš kritisierte überraschend deutlich Zemans außenpolitischen Kurs in Richtung Moskau und Peking. Dort könne man zwar Geschäfte machen, man müsse sich aber von der Politik distanzieren, sagte er. Babiš betonte mehrfach, dass in der Außenpolitik zwar der Präsident eine gewisse Mitsprache habe, die Richtlinienkompetenz aber eindeutig bei der Regierung liege. Tschechien gehöre zum Westen, zur EU und zur Nato. Zudem empfahl der Premier dem Präsidenten, sich von einigen „dubiosen Beratern“ zu trennen. Diese unerwarteten Aussagen zeigen, dass sich Babiš einen Sieg von Drahoš vorstellen kann, mit dem er zusammenarbeiten müsste.

Zeman hat den erwähnten Plan B zu Teilen schon verraten. Er hatte sich vor der ersten Runde der Wahl ganz auf seinen Amtsbonus verlassen und sich einer direkten Konfrontation mit seinen Widersachern verweigert. Das will er jetzt ändern und stimmte dem Vorschlag von Drahoš zu, TV-Duelle mit ihm auszutragen.

Hier könnte die Entscheidung fallen. Zeman ist hocherfahren in dieser Disziplin, der sich sein rhetorisch unterlegener Gegner noch nie aussetzen musste. Und er kennt eine inhaltlich erhebliche Schwachstelle von Drahoš: Der hat vor einiger Zeit ein Papier aus Wissenschaftlerkreisen unterzeichnet, in dem die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen in Tschechien befürwortet wurde. In dieser politischen Kernfrage steht die große Mehrheit der Tschechen voll hinter Zeman, der Flüchtlinge aus muslimischen Ländern prinzipiell ablehnt. Sollte Zeman diese Karte ausspielen, wovon man ausgehen kann, könnte sich die Waage am Ende doch noch zu seinen Gunsten neigen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2018)

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