Die neue Terroroffensive der Taliban und des IS in Afghanistan

Die Hauptstadt Kabul wurde innerhalb einer Woche von mehreren Anschlägen erschüttert. Hinter den Attentaten sollen die IS-Extremisten und das Haqqani-Netzwerk stecken, das Verbindungen nach Pakistan hat.

(c) REUTERS (OMAR SOBHANI)

Wien/Kabul. Die Angreifer kamen mit automatischen Waffen und Panzerabwehrrohren. Rasch kletterten sie mit Leitern über die Mauer des Militärpostens der 111. Brigade in Afghanistans Hauptstadt, Kabul. Zwei der Angreifer sprengten sich in die Luft. Zwei weitere wurden von den Sicherheitskräften erschossen.

So schildert ein Sprecher des afghanischen Verteidigungsministeriums den Ablauf des jüngsten Attentats in Kabul. Mindestens elf afghanische Soldaten starben am Montag bei dem Überfall auf den Posten nahe der Marschall-Fahim-Militärakademie. Es war der dritte Anschlag in der afghanischen Hauptstadt innerhalb kurzer Zeit.

Erst am Wochenende hat ein Attentäter ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug in die Luft gejagt und mehr als 100 Menschen getötet. Der Großteil der Opfer waren Zivilsten. Und am Samstag eine Woche davor haben Bewaffnete das Hotel Intercontinental gestürmt. Zwei Dutzend Menschen sind gestorben. Schon bisher war das Leben in Kabul gefährlich. Nun verschlechtert sich die Sicherheitslage noch weiter. Die Jihadisten des sogenannten Islamischen Staates (IS) und die Kämpfer der Taliban scheinen gleichsam wettzueifern, wer von ihnen die schrecklicheren Attentate verübt.

 

Erbitterte Rivalen

Zum Überfall auf den Militärposten am Montag bekannte sich der IS. In Afghanistan, wo seit Jahrzehnten diverse jihadistische Organisationen aktiv sind, zählt der IS zu einem relativ neuen Phänomen. Er trat hier erstmals Anfang 2015 in Erscheinung. Angespornt von damaligen Erfolgen des IS in Syrien und im Irak schlossen sich lokale Milizen der Organisation an, leisteten dem selbst ernannten „Kalifen“ des IS, Abu Bakr al-Baghdadi, den Treueschwur. In den Reihen des IS sind einstige Kommandeure der afghanischen und der pakistanischen Taliban aktiv. Im Vergleich zu den Taliban beherrscht der IS in der Region nur kleinere Gebiete.

Die Taliban sehen im IS einen Rivalen. Beide bekämpfen einander erbittert. Bei einzelnen Angriffen soll es aber auch Kooperation gegeben haben. Im Dezember verkündeten die Taliban stolz, dass der IS-Vizechef in Afghanistan zu ihnen übergelaufen sei.

Neben dem Angriff auf die Soldaten am Montag hat der IS zuletzt mehrere weitere Attentate für sich reklamiert – etwa den Überfall auf die Hilfsorganisation Save the Children in Jalalabad. Für den großen Anschlag in Kabul am Wochenende mit den mehr als 100 Toten und den auf das Intercontinental sollen die Taliban verantwortlich sein. Konkret beschuldigen die afghanischen Behörden das Haqqani-Netzwerk, das Teil der Talibanstrukturen ist und Verbindungen zu al-Qaida und Pakistans Geheimdienst unterhalten soll.

US-Präsident Donald Trump kündigte Anfang Jänner an, die Militärhilfe für Pakistan zu stoppen – wegen Pakistans Versäumnissen im Kampf gegen das Haqqani-Netzwerk. Washington und die Regierung in Kabul werfen Pakistans Militär und Geheimdienst schon seit Jahren vor, Aufständische in Afghanistan zu unterstützen und damit ein doppeltes Spiel zu spielen. Denn zugleich ist Pakistan ein wichtiger Verbündeter der USA. Über Kanäle in Pakistan hat man auch immer wieder versucht, Kontakt mit Teilen der Taliban aufzunehmen, um zu verhandeln. Derzeit stehen die Zeichen aber offenbar auf Sturm.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2018)

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