"Handelsblatt"-Herausgeber muss nach kritischem Schulz-Kommentar gehen

Gabor Steingart verlässt die Wirtschaftszeitung nach "unterschiedlicher Beurteilung journalistischer Standards". Eine Mord-Analogie wurde ihm zum Verhängnis. Kollegen reagieren bestürzt.

Gabor Steingart muss seinen "Handelsblatt"-Herausgeber-Posten abgeben.
Gabor Steingart muss seinen "Handelsblatt"-Herausgeber-Posten abgeben.
Gabor Steingart muss seinen "Handelsblatt"-Herausgeber-Posten abgeben. – (c) REUTERS (Michael Dalder)

Nach seiner scharfen Kritik an Noch-SPD-Parteichef Martin Schulz verlässt "Handelsblatt"-Herausgeber Gabor Steingart die Wirtschaftszeitung. "Handelsblatt"-Verleger Dieter von Holtzbrinck habe sich mit dem 55-Jährigen darauf verständigt, die "berufliche Partnerschaft" zu beenden, teilte die DvH Medien GmbH am Freitag in Stuttgart mit.

Von Holtzbrinck ist Haupteigner der Handelsblatt Media Group. Zuvor hatte bereits der "Spiegel" über den möglichen Abgang des Herausgebers berichtet. In seinem täglichen und meinungsstarken Newsletter "Morning Briefing" hatte Steingart am Mittwoch früh die Personalpolitik an der Spitze der SPD missbilligt. Steingart schrieb etwa, dass der "mittlerweile ungeliebte" Schulz den "derzeit beliebtesten SPD-Politiker, Außenminister Sigmar Gabriel, zur Strecke bringen" wolle. Dabei beschrieb er den offensichtlichen Wunsch von Schulz, Außenminister zu werden und Gabriel elgantestmöglich loswerden, in überspitztem Stil mithilfe einer Mord-Analogie. "Die Tränen der Schlussszene sind dabei die größte Herausforderung für jeden Schauspieler und so auch für Schulz, der nichts Geringeres plant als den perfekten Mord", heißt es an einer Stelle. Inhaltlich hatte Steingart die politischen Ziele von Schulz richtig interpretiert. Das diskutierte Briefing erschien am 7. Februar, zwei Tage scheiterte Schulz daran, Gabriel als Außenminister zu beerben.

Die Chefredakteure und Geschäftsführer des "Handelsblatts" zeigten sich in einem offenen Brief "schockiert und fassungslos" über den Rauswurf von Steingart. Man ortet einen Eingriff in die innere Pressefreiheit. "Dies ist aus unserer Sicht ein verheerendes Signal an die Redaktionen und das gesamte Haus: die Bestrafung für eine - wenngleich unbequeme - Meinung ist die sofortige Entlassung", heißt es in dem Schreiben, das unter anderem Handelsblatt-Chefradakteur Sven Afhüppe, Wirtschaftswoche-Chef Beat Balzli und Wirtschaftswoche-Herausgeberin Miriam Meckel unterzeichneten. Die Entlassung von Steingart setze "weitere massive Schockwellen in die Handelsblatt Media Group, über die wir uns große Sorgen machen".

"Gesellschaftsrechtliche" Meinungsverschiedenheit

In einer Mitteilung spricht die Dvh Medien GmbH von "Differenzen in wesentlichen gesellschaftsrechtlichen Fragen" und einer "unterschiedlichen Beurteilung journalistischer Standards" in einem Einzelfall. Eine "andere Form der Zusammenarbeit" schließen Steingart und die DvH Medien nicht aus.

Holtzbrinck hatte den damaligen Chefredakteur Steingart 2013 unter anderem zum Miteigner der "Handelsblatt"-Gruppe gemacht, die zur Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH gehört. Vor allem bei der Gestaltung des "Handelsblatts" und seiner zunehmend digitalen Ausrichtung hatte der gebürtige Berliner bis zuletzt große Freiheit erhalten.

(APA/dpa/Red.)

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