Bosnien: Razzia in der Hochburg der Islamisten

600 Polizisten besetzten das Dorf Gornja Maoca und hoben Waffenlager aus. Grund für die gewaltige Aktion: Schon seit Langem ist Gornja Maoca bei Brcko als Zentrum radikaler Islamisten bekannt.

(c) EPA

SARAJEWO. Es war die größte Polizeiaktion seit dem Ende des Krieges 1995. Mehr als 600 schwer bewaffnete Polizisten rückten, unterstützt von Radpanzern, am Dienstag in das Dorf Gornja Mao?a (Obermao?a) im Norden von Bosnien und Herzegowina ein. Sie durchsuchten die Häuser der etwa 100 Einwohner und nahmen zehn Mitglieder der Gemeinde, darunter auch Frauen, fest. Illegale Waffen, auch Jagdgewehre, seien sichergestellt worden, ebenso wie Computer und Handys, berichteten bosnische Medien.

Grund für die gewaltige Aktion, die vom Generalstaatsanwalt Bosnien und Herzegowinas geleitet wurde: Schon seit Langem ist Gornja Maoca bei Brcko als Zentrum radikaler Islamisten bekannt. Das auf einem Hügel gelegene Dorf oberhalb der Savaebene hat sich in den vergangenen Jahren von dem ebenfalls von Muslimen bewohnten Dorf Donja Maoca (Untermaoca) abgeschottet. Seither ist es zu immer schärferen Konflikten mit den muslimischen Nachbarn gekommen. Nach Berichten bosnischer Medien forderten die Islamisten die umliegenden Bauern auf, eine Sicherheitszone von 500 Metern um das Dorf zu respektieren. Jäger, die sich dem Dorf näherten, seien beschossen worden. Die Kinder der Islamisten durften nicht mehr die öffentliche Schule besuchen, berichteten bosnische Medien. Und Dorfvorsteher Nusret Imamovi? habe sogar Selbstmordattentate gerechtfertigt.

Bisher jedoch hatte die Polizei des Kantons Tuzla nichts gegen dieses Dorf unternommen, obwohl bekannt war, dass die Bewohner gegen viele Gesetze des Landes verstoßen und versuchen, ein exterritoriales Gebiet aufzubauen. Polizeistreifen trauten sich schon seit Jahren nicht mehr nach Gornja Mao?a.

 

„Das ist kein richtiger Islam“

Kurz nach dem Krieg in Bosnien und Herzegowina, 1996, zogen einige ehemalige aus islamischen Staaten stammende freiwillige Kämpfer nach Mao?a. Sie hatten bosnische Frauen geheiratet. Alle anderen Freiwilligen – nach Angaben der Bosnischen Armee rund 1000 Kämpfer –, mussten 1996 das Land verlassen. Bei vielen der Freiwilligen, die während des Krieges die Volksgruppe der Bosniaken (Muslime) unterstützt hatten, handelte es sich um radikale Islamisten. Sie wurden in ihren Heimatländern wie Algerien und Ägypten verfolgt.

Theologisch sind die Islamisten in Mao?a beeinflusst von den Lehren Wahhabs, des Gründers der Staatsreligion in Saudi-Arabien. Diesen Lehren hängt auch der Top-Terrorist Osama bin Laden an. Bei einem Besuch in Mao?a 2005 erklärten die Islamisten der „Presse“, der bosnische Islam sei „kein richtiger Islam, denn die Frauen gehen nicht verschleiert, Männer trinken Alkohol“. Und das Oberhaupt der bosnischen Muslime, Efendi Mustafa Ceri?, bezeichneten sie – neben US-Präsident Bush – als ihren Hauptfeind.

 

Extremisten aus Moschee gejagt

Die jetzt in Mao?a lebende Gruppe von Islamisten setzt sich aus Ausländern und bosnischen Wahhabiten zusammen. Seit dem 11. September 2001 steht die Gruppe unter Beobachtung internationaler Geheimdienste. Nach Informationen aus europäischen Geheimdienstquellen sollen Kriminelle aus Untermao?a in Drogen- und Frauenhandel verstrickt sein. Inwieweit die Islamisten damit zu tun haben, ist unklar.

Vor allem US-Geheimdiensten gelang es, die Islamistenbewegung in Bosnien und Herzegowina einzugrenzen und Geldtransfers aus Saudiarabien zu unterbinden. Aber auch bei den bosnischen Muslimen wuchs der Unmut, viele Bosniaken forderten, die Wahhabiten des Landes zu verweisen. Vor drei Jahren vertrieben bosnische Muslime aus der Region Kalesija Wahhabiten aus der Moschee ihres Dorfes, die diese besetzt hielten. Seither gilt Gornja Mao?a als letzte Hochburg dieser Spielart extremer Islamisten in Bosnien und Herzegowina.

HINTERGRUND

Etwa 1000 Freiwillige aus islamischen Ländern waren während des Bosnienkrieges (1992 bis 1995) den bedrängten bosnischen Muslimen (Bosniaken) zu Hilfe geeilt. Nach dem Krieg mussten viele dieser Kämpfer das Land wieder verlassen – nur wer eine bosnische Frau geheiratet hatte, durfte bleiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2010)

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