Ein Gasfeld als Chance und Gefahr für das geteilte Zypern

Ein neu entdecktes, großes Gasfeld mit dem Namen Calypso südlich der Insel weckt Begehrlichkeiten. Ankara und Athen streiten sich jedoch darüber, wer von der Ausbeutung profitieren soll. Eine Analyse.

Der Süden Zyperns: Die Insel ist seit 1974 geteilt
Der Süden Zyperns: Die Insel ist seit 1974 geteilt
Der Süden Zyperns: Die Insel ist seit 1974 geteilt – REUTERS

Die Stimmung ist seit Wochen nicht gut in den Gewässern vor Zypern. Dabei erreichte die Insulaner vor einigen Tagen eine Nachricht, die sich positiv auf die Wirtschaft auswirken könnte. Der italienische Energieriese ENI berichtete von möglichen Erdasquellen südlich der Stadt Paphos. Details nannte man keine, das Gas sei jedenfalls von „exzellenter Qualität“, wie sich der griechisch-zypriotische Energieminister, Georgios Lakkotrypis, öffentlich freute. Die neue Entdeckung namens Calypso könnte so groß sein wie das nahe gelegene Feld „Zohr“, das sich im ägyptischen Hoheitsgewässer befindet und ebenfalls von ENI bearbeitet wird. Calypso ist im zypriotischen Bereich.

Aber: Wem genau die Erdgasquellen gehören, darüber wird auf der seit 1974 geteilten, türkisch-griechischen Insel regelmäßig gestritten, die Frage nach der Ausbeutung sorgt immer wieder für eine Krise – oder lässt die Friedensverhandlungen gleich ganz platzen.

Spätestens nach der Calypso-Nachricht wollte ENI schnellstens ein Bohrungschiff in die südliche Region der Insel schicken. Türkische Kriegsschiffe haben sich allerdings in den Weg gestellt – mit abenteuerlichen Manövern, wie der zypriotische Außenminister Ioannis Kasoulides vergangenes Wochenende sagte. Tagelang kam das Bohrungsschiff nicht weiter. Der türkische Präsident, Recep Tayyip Erdogan, warnte die Republik Zypern vor unilateralen Bohrungen, währen EU-Ratspräsident Donald Tusk Ankara aufforderte, die Blockade aufzugeben.

Dann rammte am Dienstag ein türkisches Boot eines der griechischen Küstenwache. Bevor die Situation aber eskalieren konnte – verletzt wurde niemand –, ruderten die jeweiligen Schutzmächte Griechenland und die Türkei im buchstäblichen Sinn zurück. Telefonate zwischen Ankara und Athen, Gespräche zwischen den Regierungschefs, eine kurze Phase der Entspannung. Gelöst ist das Problem damit aber nicht.

Lokale Nachfrage ist gedeckt

Das isolierte Nordzypern wird nur von der Türkei anerkannt und bisweilen von ihr finanziert. Zyperns sogenannte Ausschließliche Wirtschaftszone erkennt Ankara jedoch nicht an, also die Grenzen, die im Meer gezogen wurden. Die Türkei als Fürsprecher Nordzyperns zeigt sich besorgt, dass die Republik Zypern die Erlöse der Bohrungen nur der griechischen Seite zukommen lässt oder die Bedingungen für die Verteilung diktiert. Die türkische Bevölkerung habe ebenfalls Rechte auf die Vorkommen, sagte Erdogan jüngst.

Als Ankara vor etwa vier Jahren selbst Forschungsschiffe in zypriotische Gewässer schickte – es war ein Bruch des Seerechts –, brach der Präsident der Republik Zypern, Nikos Anastasiadis, die Friedensverhandlungen ab. Die wurden seither zwar wieder aufgenommen, liegen aber nach beachtlichen Fortschritten inzwischen wieder brach.

Mit den Feldern Zohr (Ägypten), Leviathan (Israel) und Aphrodite (Zypern) wird hauptsächlich die lokale Nachfrage gedeckt, mit dem Gas aus dem Feld Leviathan kann zusätzlich Jordanien beliefert werden. Zwar hat die Ausbeutung der Gasfelder die Republik Zypern ihren Nachbarn Ägypten und Israel näher gebracht, auch Griechenland profitierte von diesen Allianzen. Im Dezember haben Zypern, Italien, Griechenland und Israel den Bau einer 2000 Kilometer langen Pipeline („East Med“) beschlossen, um Athen und Rom beliefern zu können.

Den Friedensgesprächen waren die Funde jedoch, wie erwähnt, nicht zuträglich. Und mit Calypso könnte die Situation noch schwieriger werden: Während Aphrodite ein vergleichsweise kleines Feld ist, könnte das Gas aus Calypso exportiert werden, die Türkei wäre ein logischer Abnehmer. Ankara importiert Gas aus Russland, aber die bisweilen schwierigen bilateralen Beziehungen mit Moskau haben die Energielieferungen immer wieder negativ beeinflusst. Das würde mit Zypern nicht passieren, allerdings ist eine Pipeline in die Türkei ohne positive Friedensimpulse auch utopisch. Für das begehrte Gas muss die Türkei also Zugeständnisse machen.

Europa hat ebenfalls Interesse an diesem Gas und wird wohl die Ausbeutung unterstützen. Calypso habe einen großen Wert, schreibt die Denkfabrik Center for Strategic and International Studies, „aber ob das hilfreich oder hinderlich für die Einigungsgespräche auf der Insel ist, hängt nun davon ab, wie breit angelegt die folgenden Verhandlungen sein werden.“ Präsident Anastasiades, der erst jüngst wieder in seinem Amt bestätigt wurde, hat die Ausbeutung jedenfalls zu einem prioritären Thema gemacht. Als die Regierungschefs in Ankara und Athen nach dem jüngsten Vorfall mit den Schiffen telefoniert haben, einigten sie sich auf „vertrauensbildende Maßnahmen“. Es wäre ein erster Schritt.

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