Deutscher Experte: Nicht nur Russen können Nowitschok herstellen

Für den Toxikologen Ralf Trapp steht fest: Das Gift, mit dem Skripal und Tochter vergiftet worden sind, stamme aus staatlicher Organisation. Kriminelle Banden hätten nicht genügend Know-how.

Sergej Skripal und seine Tochter Julia wurden Opfer eines Anschlags mit Novitschok.
Sergej Skripal und seine Tochter Julia wurden Opfer eines Anschlags mit Novitschok.
Sergej Skripal und seine Tochter Julia wurden Opfer eines Anschlags mit Novitschok. – APA/AFP/BEN STANSALL

Alles dreht sich im Konflikt um die Vergiftung des Ex-Doppelagenten Sergej Skripal um diese Frage: Woher stammt das Gift? Über das Nervengift Nowitschok wurde viel berichtet. Großbritannien ist der Meinung, die Herstellung sei jedenfalls dem russischen Staat zuzuschreiben. Russland sieht das anders. Ein deutscher Experte meint nun: Das Gift stamme jedenfalls aus staatlicher Produktion - wenn auch nich zwangsläufig aus russischer.

"Ich bin sicher, dass das Gift aus einem Labor kommt, das Bestandteil eines staatlichen Programms ist und Erfahrungen mit solchen Substanzen hat", sagte der Chemiker und Toxikologe Ralf Trapp am Mittwoch in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Trapp schließt Labors von Terror-Organisationen oder kriminellen Banden aus. "Es braucht einen Grad von Erfahrung im Umgang mit diesen Stoffen und eine Kenntnis der dahinter stehenden Chemie."

Infrage kämen einerseits Labors, die sich - wie die staatlichen Einrichtungen in der Sowjetunion und später in Russland - mit der Entwicklung solcher Stoffe befasst hätten. Fähig zur Produktion des Nowitschok-Giftes seien andererseits aber auch Einrichtungen, die zum Zwecke des Schutzes mit solchen Substanzen gearbeitet hätten. "Publiziert ist das zum Beispiel aus der ehemaligen Tschechoslowakei und aus dem Iran." Auch die Forschungsanlage im britischen Porton Down zähle dazu.

Präparierte Telefonhörer

Es sei nicht der erste Anschlag mit Nowitschok gewesen, erklärte der Experte. Anfang der 90er Jahre wurde seinen Angaben zufolge ein Banker in Russland vergiftet. Dessen Telefonhörer sei mit dem Stoff imprägniert gewesen, sagte Trapp, der als unabhängiger Berater unter anderem für die Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen (OPCW) und die Vereinten Nationen arbeitete.

London geht ebenfalls von einem staatlichen Akteur aus und bezichtigt direkt den russischen Präsidenten Wladimir Putin als Drahtzieher. Nach Angaben des britischen Außenministeriums soll Russland kleine Mengen des Nervengifts produziert und für potenzielle Attentate gehortet haben. Forscher in Porton Down konnten aber nicht herausfinden, wo genau der Kampfstoff hergestellt worden ist. Russland weist vehement alle Vorwürfe zurück und betont, dass viele Länder als Ursprungsort infrage kämen - eben auch Großbritannien.

Der Chef des in der Nähe des Anschlagsorts gelegenen britischen Porton Down Labors, Gary Aitkenhead, hatte am Dienstag erklärt, die Untersuchungen hätten ergeben, dass bei dem Anschlag ein Nervengift militärischer Art aus der Nowitschok-Gruppe verwendet wurde. Aber sein Labor habe "nicht die genaue Herkunft" aus Russland nachweisen können. Es sei auch nicht die Aufgabe seines Labors, nachzuweisen, wo ein solches Gift hergestellt worden sei.

Russland sieht "groteske Provokation"

Russland bleibt bei seiner Verteidigungs-Strategie. Der Chef des russischen Auslandsgeheimdiensts, Sergej Naryschkin, hat den Giftanschlag auf Skripal als "groteske Provokation" der Geheimdienste Großbritanniens und der USA bezeichnet.

Ein Teil der europäischen Staaten habe jedoch keine Bedenken, London und Washington "ohne mit der Wimper zu zucken zu folgen", sagte der Geheimdienstchef am Mittwoch während einer internationalen Sicherheitskonferenz in Moskau.

Russland und der Westen sollten auf Gewalt in den internationalen Beziehungen verzichten und zu einem "vernünftigen Dialog zurückkehren". Es gelte, eine neue Kuba-Raketenkrise wie im Oktober 1962 zu verhindern. Damals stand die Welt am Rand eines Atomkrieges. Naryschkin fügte hinzu, das "unverantwortliche Spiel" müsse aufhören, bei dem der "Einsatz immer wieder erhöht" werde.

Peskow: "Schwachsinn"

Der Kreml verlangte unterdessen von London eine Entschuldigung, nachdem ein britisches Militärlabor die russische Herkunft des Nervengifts im Fall Skripal nicht nachweisen konnte. Der Sprecher von Präsident Wladimir Putin, Dmitri Peskow, sagte während dessen Besuchs in Ankara am Dienstagabend, der "Schwachsinn" in der Angelegenheit um den Giftanschlag auf Skripal und seine Tochter Julia sei "zu weit gegangen".

"Ihre Theorie wird sich auf keinen Fall bestätigen, weil es nicht möglich ist, sie zu bestätigen", sagte der Sprecher. Der britische Außenminister Boris Johnson, der Putin persönlich beschuldigt, und Premierministerin Theresa May müssten "auf die eine oder andere Art ihren EU-Kollegen ins Auge schauen". Auf die eine oder andere Art müssten sie sich auch bei Russland entschuldigen.

(APA/dpa)

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