Welche Folgen ein US-Angriff in Syrien haben könnte

Mit massiven, vielleicht sogar über mehrere Tage fortgesetzten Bombardements könnten die Amerikaner versuchen, dem Krieg in Syrien eine neue Wende zu geben und sowohl Assads Armee als auch dessen russische und iranische Verbündete zu schwächen. Auch zum Nutzen Israels.

(c) Die Presse

Als Präsidentschaftskandidat hatte Donald Trump für seine Vorgänger im Weißen Haus nur Hohn und Spott übrig, wenn es um militärische Entscheidungen im Nahen Osten ging. Barack Obama zum Beispiel habe mit einer klaren Ankündigung des Rückzuges aus dem Irak den Gegnern der Amerikaner einen großen Gefallen getan, sagte Trump damals. Er selbst werde den Feind niemals wissen lassen, was er vorhabe. Nun aber hat der Präsident gegen den eigenen Vorsatz verstoßen und am Mittwoch per Twitter einen Raketenangriff auf Syrien angekündigt. Für die Region hätte ein amerikanischer Donnerschlag unabsehbare Folgen.

Viele Beobachter gehen davon aus, dass Trump diesmal anders handeln wird als vor einem Jahr. Im April 2017 ließ der damals frisch ins Amt gekommene Präsident nach einem mutmaßlichen Giftgaseinsatz der syrischen Regierung jenen Militärflughafen bombardieren, von dem aus die Mission der syrischen Jets gestartet worden war. Rund 60 Marschflugkörper feuerten die Amerikaner ab – doch es blieb bei diesem begrenzten Militärschlag.

Dieses Mal werden die Amerikaner härter zuschlagen, vermuten Experten. „Abschreckung hat ein begrenztes Haltbarkeitsdatum“, schreibt der Militärexperte Michael Eisenstadt von der Nahost-Denkfabrik Washington Institute for Near East Policy.

Unwahrscheinlich ist auch, dass Trumps angekündigte Militärschläge ein langfristiges Engagement der USA im Syrien-Krieg einleiten werden. Erst vorige Woche hatte der Präsident den bevorstehenden Abzug der USA aus dem Bürgerkriegsland verkündet, der laut Medienberichten bis zum Herbst abgeschlossen sein soll.

Je nach Art und Stärke der amerikanischen Strafaktion gegen Assad sind erhebliche Auswirkungen auf den Krieg in Syrien und auf die Akteure in dem Konflikt zu erwarten. Die USA werden alles daransetzen, die absehbaren Spannungen mit Russland auf ein Minimum zu begrenzen. Dennoch würden drastische Verluste für Assads Militärs den Ruf Russlands als mächtiger Beschützer der syrischen Regierung erschüttern. Russlands Präsident, Wladimir Putin, will den Konflikt in Syrien möglichst rasch beenden, um sein Land als Nahost-Macht und Friedensbringer zu etablieren. Der von Trump angekündigte Rückzug der USA aus Syrien passte perfekt zu diesem Plan. Ein massives Eingreifen der Amerikaner würde dieses Vorhaben jedoch erschweren.

 

Atempause für Rebellen

Eine massive, vielleicht über mehrere Tage hinweg fortgesetzte Welle von Angriffen gegen das syrische Regime könnte den in jüngster Zeit in Bedrängnis geratenen Rebellen eine Atempause verschaffen. Nach der Niederlage der Aufständischen in Ost-Ghouta wurde bisher eine Großoffensive der Syrer und der Russen im nordwestsyrischen Idlib erwartet; diese Offensive würde sich möglicherweise verzögern, würden große Teile der syrischen Luftwaffe ausgeschaltet. Assad wurde vor drei Jahren durch das Eingreifen Russlands vor einer Niederlage im Bürgerkrieg gerettet – nun könnten seine Gegner von der Intervention der zweiten Supermacht profitieren.

Auch der Assad-Partner Iran wäre durch eine groß angelegte US-Militäraktion in Syrien betroffen. Teheran ist durch den Einsatz der iranischen Revolutionsgarden und diverser Milizen tief in den Syrien-Krieg verstrickt, sieht sich jedoch Protesten der eigenen Bevölkerung wegen der teuren Auslandseinsätze ausgesetzt. „Je höher der Preis ist, desto höher ist der Druck, der eigenen Bevölkerung etwas vorweisen zu können“, sagt die Nahost-Expertin Robin Wright.

Von Bedeutung ist zudem die Tatsache, dass auch Israel seine Angriffe in Syrien in jüngster Zeit verschärft hat. Der jüdische Staat fühlt sich durch die Konzentration iranischer Milizen, libanesischer Hisbollah-Kämpfer und syrischer Truppen auf der syrischen Seite der Golanhöhen bedroht und versucht deshalb immer häufiger, mithilfe seiner Luftwaffe die Gegner dort zu stören. Von den USA hatten die Israelis bisher wegen Trumps Ohne-mich-Haltung wenig Hilfe zu erwarten. Nun könnten US-Luftschläge die israelischen Bemühungen unterstützen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2018)

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