China: Internetnutzer stoppen Feldzug gegen Homosexuelle

Die Nachrichtenplattform Weibo hebt ein Verbot homosexueller Inhalte nach nur drei Tagen wieder auf. Der Vorstoß des Internetkonzerns offenbart auch die wachsende Internetkontrolle der Regierung.

Weibo ist eine der größten Social-Media-Plattformen in China.
Weibo ist eine der größten Social-Media-Plattformen in China.
Weibo ist eine der größten Social-Media-Plattformen in China. – (c) REUTERS (Petar Kudjundzic)

Diesem öffentlichen Unmut hielt sogar Sina Weibo, eine von Chinas größten Social-Media-Plattformen, nicht stand: Das chinesische Pendant zur Kurznachrichtenplattform Twitter hatte am Freitag eine umfassende Inhaltssäuberung angekündigt. Drei Monate lang werde Weibo Comics und Videos über Pornographie, "blutige Gewalt" oder Homosexualität sperren. So wolle man eine "freundliche und harmonische Gemeinschaft" kreieren.

Die LGBT-Gemeinschaft (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender) reagierte sofort. Unter dem Hastag "Ich bin schwul" und "Ich bin legal" protestierten sie gegen die Zensurmaßnahme des Internetkonzerns: Homosexualität dürfe nicht mit Pornographie gleichgesetzt werden. Einige Nutzer riefen sogar dazu auf, Sina-Aktien zu verkaufen. Nach der Entrüstung beugte sich der Internetgigant am Montag der öffentlichen Meinung: Nutzer dürfen weiter homosexuelle Inhalte nutzen.

Selbst das Mediensprachrohr der chinesischen Regierung, die "Volkszeitung", hatte sich am Sonntag in der Diskussion zu Wort gemeldet: Homosexualität sei genauso "normal" wie Heterosexualität und keine physische Krankheit, kommentierte das Blatt. Homosexuelle genießen die gleichen Rechte wie alle anderen Bürger. Dennoch hob die Zeitung hervor: "Vulgäre" Inhalte müssten unabhänigig von der sexuellen Orientierung der Internetnutzer verboten werden.

Schocktherapie gegen "anormale" sexuelle Orientierung

Das Blatt bezog sich in dem Kommentar ebenso wie viele empörte Internetuser auf eine in China weit verbreitete Vorstellung, Homosexualität sei eine Geisteskrankheit. Das spiegelte sich lange auch im Gesetz wieder: Bis 1997 galt Homosexualität im Reich der Mitte als Verbrechen, bis 2001 als mentale Krankheit.

Der Druck auf die LGBT-Gemeinschaft kommt häufig auch aus dem eigenen Freundes- und Familienkreis. Ehen mit heterosexuellen Partnern bleiben oft der einzige Ausweg. So kann der Schein vor Bekannten gewahrt werden, während beide Ehepartner geheim in einer anderen Beziehung leben.

Die beschämten Verwandten sind zu vielem bereit. Immer wieder gibt es Berichte über die grausamen Praktiken illegaler "Bekehrungskliniken": Eltern blättern tausende Yuan hin, damit ihren Kindern durch Elektroschock- und Arzneitherapie die „anormale“ sexuelle Orientierung ausgemerzt wird.

Politischer Feldzug gegen Tech-Giganten

Doch die Aktion des Tech-Giganten verdeutlicht nicht nur die Intoleranz Chinas gegenüber Lesben und Schwulen. Sie zeigt auch die Hartnäckigkeit, mit der die chinesische Führung ihre Kontrolle über das Internet - und Inhalte die "sozialistischen Kernwerten" widersprechen - ausbauen will. Vergangene Woche versetzte die kommunistische Führung dem erfolgreichen Tech-Startup Bytedance, mit einem geschätzten Wert von elf Milliarden Dollar, gleich mehrere Schläge: Zunächst seinem Flagschiff-Produkt Jinri Toutiao. Die App sammelt Nachrichten und passt sie den individuellen Bedürfnissen der Nutzer an.

Toutiao ist zwar schon länger im Visier der chinesischen Regierung. Bereits vergangenes Jahr hatte die Internetbehörde die App mit mehreren hundert Millionen Nutzern für "vulgäre" Inhalte und ihren "negativen Einfluss auf die öffentliche Meinung" öffentlich gerügt. Doch am vergangenen Mittwoch beugte sich der Chef von Bytedance, Zhang Yiming, dem politischen Druck.

Drei Wochen lang ist Toutiao nun nicht mehr in Appstores erhältlich. Zugleich mahnte die Regierung Bytedance, die Inhalte in allen seiner Kanäle zu säubern und die App Neihuan Duanzi, mit der Nutzer Witze, Memes und humorvolle Videos verbreiten können, permanent vom Netz zu nehmen.

App-Gemeinschaft als Gefahr für KP

Zhang entschuldigte sich daraufhin öffentlich dafür, mit seinem Produkt gegen "sozialistische Kernwerte" verstoßen zu haben. Er habe verabsäumt, ein Filtersystem für seine Angebote zu entwickeln, das nur positive Informationen verbreite. Zugleich bedankte er sich überschwänglich bei der Kommunistischen Partei für die Entwicklungschancen, die sie dem Unternehmen ermöglicht habe.

Dass Peking gerade auf die Witzeapp abzielte, hat laut Beobachtern hochpolitische Gründe: Die mehr als 200 Millionen User von Neihuan Duanzi weiteten ihre digitale Gemeinschaft auch auf das reale Leben aus. Die sogenannten Duanyou oder Freunde von Duanzi entwickelten Codes, um sich zu begrüßen, organisierten Treffen und verrichteten sogar gemeinnützige Arbeit gemeinsam. Wie eine politische Partei mobilisierte die Gruppe ihre Anhänger. Für die Kommunistische Partei hätten die Duanyou so zur Gefahr werden können.

(maka)

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