"Die Blockade hat uns stärker und unabhängiger gemacht"

Katar hat die Isolation am Golf gut überstanden, sagt Botschafter Ali Bin Jassim al-Thani. Für die Terrorvorwürfe gebe es keine Beweise und die WM 2022 sei nicht in Gefahr. Die militärische Aufrüstung diene der Modernisierung der Armee.

Der katarische Botschafter Ali Bin Jassim Al-Thani
Der katarische Botschafter Ali Bin Jassim Al-Thani
Der katarische Botschafter Ali Bin Jassim Al-Thani – Die Presse

Die Presse: Vor einem Jahr haben Saudiarabien, Ägypten, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate die Blockade gegen Katar gestartet. Katar hat sich seither an verschiedenen Stellen beschwert, etwa bei der Welthandelsorganisation oder beim Internationalen Gerichtshof. Katar argumentiert damit, dass die Blockadepolitik gegen die Menschenrechte verstoße.

Ali Bin Jassim al-Thani:
Katar hat natürlich das Recht, die internationalen Gerichtshöfe anzurufen, um solche Situationen zu klären. Mit den Einreiseverboten wurden Familien getrennt. Der ganze Golf ist verwandtschaftlich miteinander verwoben. Durch die Schließung der Grenze war es nicht möglich, Lebensmittel zu liefern, Milch für Kinder oder auch Medikamente. Die Länder dachten, Katar wird kollabieren, aber das ist nicht passiert. Wir haben einen neuen Hafen gebaut und erhalten nun direkte Lieferungen, da die Emirate über ihren Hafen Jebel Ali plötzlich Lieferungen verweigert haben. Die Blockade hat uns unabhängiger und stärker gemacht.

Ist noch eine Lösung in Sicht?

Der Emir von Kuwait führt noch immer die Mediation, die wir sehr schätzen. Zum Treffen ging der Emir von Katar persönlich, um eine diplomatische Lösung zu finden. Wir bleiben offen für den Dialog, das bleibt der beste Weg. Die andere Seite findet aber Ausflüchte, um nicht an den Verhandlungstisch zu kommen. Da gab es den Vorschlag (von US-Präsident Donald Trump, Anm.), ein Treffen für alle GCC Länder (Golf-Kooperationsrat, Anm.) in Camp David abzuhalten, und zwar im Juni oder Juli. Nun hat es die andere Seite auf den September verschoben. Wir müssen als GCC-Familie zusammenkommen. Die GCC hat ein Organ, an den sich die Länder wenden können, wenn sie Schwierigkeiten mit einem anderen Mitglied haben. Das haben diese drei Länder nicht in Anspruch genommen, sondern haben gleich einen anderen, aggressiveren Weg eingeschlagen.

Und Ägypten?

Die Krise ist primär eine zwischen den Golfstaaten. Daher müssen zunächst die GCC-Länder untereinander eine Lösung finden, nicht mit Ägypten.

Welches Land war die treibende Kraft hinter der Blockade?

Die Länder stimmten sich ab. Aber die Emirate scheinen die treibende Kraft zu sein.

Es gab Spekulationen über eine Exil-Regierung, die sich in den Vereinigten Arabischen Emiraten formieren könnte. Nehmen Sie diese Berichte ernst?

Das begann schon vor langer Zeit. Katar wird vorgeworfen, sich in die Politik anderer Länder einzumischen. Und was ist dann das, was die Emirate machen? Sie können sich nicht aussuchen, wer Katar regiert. Die Spekulationen nehmen wir nicht ernst. Die Involvierten repräsentieren nicht die Menschen von Katar.

Über die Grenze zu Saudiarabien erhielt Katar vor der Blockade 30 bis 40 Prozent der Lebensmittellieferungen. Die Grenze ist noch zu. Nun weicht das Land auf die Türkei und den Iran aus...

Nicht nur aus der Türkei und dem Iran, sondern auch aus Europa und anderen Ländern. Die Lage ist stabil. Wir arbeiten nun direkt mit den Unternehmern und lagern auch Lebensmittel. Die Blockade richtet sich nicht nur gegen die Regierung, sondern gegen die Menschen und sogar Tiere. Katarische Farmer, die Höfe in Saudiarabien hatten, wurden samt ihren Kamelen ausgewiesen. Sie mussten tausende Kilometer zurücklegen, viele Tiere starben. Auch von diesen Verstößen haben wir Bild und Videomaterial an die internationalen Gerichtshöfe geschickt.

Katars Beziehungen zum Iran, ein Hauptgrund für die Blockade, haben sich nun noch mehr intensiviert?

Unsere Beziehungen mit dem Iran ergeben sich schon allein durch die geografische Lage. Wir teilen uns etwa das weltweit größte Gasfeld. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben mehr Beziehungen zum Iran als wir. Es gibt mehr als 800 iranische Firmen in den Emiraten und über 500.000 Iraner arbeiten dort. Katar hat da den geringsten Handelswert im ganzen GCC-Kreis.

Katar hat auf die Blockade nicht mit der gleichen Blockadepolitik reagiert. Behält sich das Land diese Möglichkeit vor?

Nein, wir reagieren erwachsen. Es ist nicht richtig, Familien zu trennen. Unsere Grenzen bleiben offen und wir sagen, der Dialog muss bleiben.

Die USA sind Verbündete sowohl von Katar, als auch von Saudiarabien. Trumps Besuch im Nahen Osten kurz vor der Blockade und seine anti-iranische Rhetorik sahen viele Beobachter als Initialzündung dafür. Zuletzt aber war der Emir von Katar in Washington. Haben sich die US-katarischen Beziehungen erholt?

Wir haben seit langer Zeit sehr gute Beziehungen. Katar beherbergt den wichtigsten Stützpunkt für das US-Militär in der Region, der im Kampf gegen den Terror eine Schlüsselrolle spielt.

Auch die Türkei stockt ihre Truppen in Katar aus. Was hat das für einen Zweck?

Wir haben mit der Türkei seit 2014 eine bilaterale Vereinbarung und wir stehen zu unseren internationalen Partnerschaften und Verpflichtungen. Das hat mit der Blockade nichts zu tun. Aber wir bleiben bei unserer Vereinbarung, die haben wir auch mit anderen Ländern. Wir respektieren auch die bilateralen Abkommen der GCC-Länder und mischen uns da nicht ein.

Im vergangenen Jahr hat Katar militärisch aufgerüstet: Raketen aus den USA, Luftwaffensysteme aus Russland, Militärhubschrauber aus Italien. Warum diese Aufrüstung?

Wie jedes Land kaufen auch wir Waffen, auch wir haben das Recht, die Menschen und die Grenzen im Ernstfall zu schützen. Das Kabinett hat beschlossen, dass unsere Luftwaffe auf den neuesten Stand gebracht werden soll. Verglichen mit anderen Ländern fällt der Prozentsatz für die Ausgaben für Waffen allerdings nicht ins Gewicht. Saudiarabien ist derzeit weltweit Nummer zwei, was den Ankauf von Waffen betrifft.

Katar ist Austragungsort für die Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2022. Hat sich die Blockadepolitik auf den Aufbau der Infrastruktur ausgewirkt?

Wir sind gut in der Zeit und arbeiten nach Plan. Die österreichische Porr zum Beispiel baut unter anderem ein Stadium – auch Strabag hat große Projekte. Die Infrastruktur soll nachhaltig sein und auch nach 2022 Verwendung finden. Dafür haben wir viel Geld aufgewendet.

Und wenn Staatsgäste aus Saudiarabien, Bahrain oder den Emiraten kommen wollen?

Katar respektiert erstens die Vorgaben der Fifa und zweitens die Diplomatie. Wir haben bis jetzt nicht mit Blockadepolitik geantwortet und ich denke, dass das für alle Ebenen gilt. Dass gewisse Teams oder Staatsgäste nicht einreisen können, steht nicht zur Debatte. Wir freuen uns auf eine gemeinsame WM, mit Gästen aus der gesamten Welt, ohne Ausnahmen.

Die Blockadeländer werfen Katar vor, Terrororganisationen ideologisch und finanziell zu unterstützen. Katar weist das zurück...

Wir fragen nach den Beweisen. Wenn es Beweise geben würde, hätten wir doch das ganze Land gegen uns. Ob eine Gruppe eine Terrororganisation ist, oder nicht, da haben verschiedene Länder verschiedene Ansichten. Dafür gibt es internationale Listen. Zum Beispiel sehen nicht alle gleich die Hamas als Terrororganisation an.

Was al-Qaida bzw. al-Nusra betrifft, kann es ja keine Zweifel geben.

Wo hat al-Qaida begonnen? In Katar? Nein, wir wissen ja alle wo diese Organisation ihren Ursprung hat.

Schon, aber die Frage ist, ob Terroristen heute Unterschlupf in Katar bekommen.

Das sind die Vorwürfe, die fabriziert wurden, um von den eigenen Problemen und Verbindungen abzulenken. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Katar bekämpft den Terrorismus und ist Teil der internationalen Koalition gegen den Islamischen Staat. Al-Nusra ist nicht in Katar, sondern in Syrien.

Ein anderer Vorwurf ist die Unterstützung der Hamas.

Katar ist dafür, dass Konfliktparteien an einen Tisch kommen. Wie Ägypten auch, haben wir uns immer bemüht, zwischen der Hamas und Fatah, aber auch in anderen Fällen wie etwa im Libanon zu vermitteln. Warum uns das vorgeworfen wird, ist, weil wir in Gaza investieren. Wir bauen Krankenhäuser und Straßen, sichern die Wasserversorgung. Katar hat nicht für Waffen bezahlt.

Und die Muslimbrüder sind keine Terrororganisation?

Weder die USA, noch die EU haben sie auf ihrer Terrorliste. Warum sollte sie Katar auf die Liste setzen? Da muss es einen internationalen Konsens geben. Ich bin nicht derjenige, der entscheiden kann, ob sie eine Terrororganisation sind oder nicht. Sie sind in vielen Ländern vertreten, sogar in Ägypten, in der Türkei oder in Kuwait sind sie Teil der Gesellschaft.

Zur Person

Ali Bin Jassim al-Thani ist seit Anfang 2017 katarischer Botschafter in Österreich. Der Diplomat war zuvor in Belgien. Er studierte in den Vereinigten Staaten uns gehört der Herrscherfamilie al-Thani an.

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