Großbritannien: Boris Johnson zieht in die Schlammschlacht

Ex-Außenminister Boris Johnson bezeichnet die Regierungsposition zu den Brexit-Verhandlungen als „Sprengstoffweste“. Zugleich macht ein Schmuddeldossier über ihn die Runde, das Theresa May 2016 anfertigen ließ.

Boris Johnson läuft gegen die Verfechter eines „weichen“ Brexit um Premierministerin Theresa May und den internen Widerstand bei den Tories an.
Boris Johnson läuft gegen die Verfechter eines „weichen“ Brexit um Premierministerin Theresa May und den internen Widerstand bei den Tories an.
Boris Johnson läuft gegen die Verfechter eines „weichen“ Brexit um Premierministerin Theresa May und den internen Widerstand bei den Tories an. – (c) REUTERS (SIMON DAWSON)

London. Dass Boris Johnson auch nach den jüngsten Enthüllungen über sein turbulentes Privatleben nicht von der politischen Bühne verschwinden würde, musste selbst seinen Gegnern klar gewesen sein. Dass der frühere britische Außenminister die Bestätigung seiner bevorstehenden Scheidung nun als Plattform nützt, um Premierministerin Theresa May frontal anzugreifen, wird selbst seinen Anhängern kühn erscheinen.

In einem Artikel in der „Mail on Sunday“ hatte Johnson die Regierungsposition zu den Brexit-Verhandlungen kritisiert: „Wir haben uns eine Sprengstoffweste angelegt und den Zünder (EU-Chefverhandler, Anm.) Michel Barnier in die Hand gedrückt.“ Mehr als ein Drittel der Tory-Fraktion soll gegen den Kurs Mays opponieren. Umgekehrt will eine Reihe hochrangiger Parteifreunde den Aufstieg Johnsons zum Premierminister mit allen Mitteln verhindern.

 

„Was Brüssel will, bekommt es“

Johnson hatte den am Regierungssitz Chequers im Juli geschmiedeten Kompromiss zunächst mitgetragen, war aber dann nach dem Rücktritt von Brexit-Minister David Davis ebenfalls aus dem Kabinett ausgeschieden. Offensichtlich war, dass Johnson sich beeilte, die Führung des Lagers der Brexit-Hardliner um sich zu scharen. Befreit von jeder – schon früher kaum ernst genommenen – Kabinettsdisziplin lässt Johnson nun keine Gelegenheit aus, um die Brexit-Verhandlungen der Regierung wüst zu attackieren: Die Londoner Position sei „völlig kraftlos“, der Gesprächsverlauf „eine Demütigung“: „Was Brüssel will, bekommt es.“

Als „selbstmörderisch“ bezeichnet Johnson die schriftliche Einigung vom Dezember, wonach es zwischen Nordirland und der Republik zu keiner harten Grenze kommen und weiterhin „regulatorische Anpassung“ bestehen solle. Für Johnson ist das nichts anderes als eine Aushebelung des Brexit durch die Hintertür: Die Regierung habe „immer die geheime Absicht gehabt, im EU-Binnenmarkt und in der Zollunion zu bleiben.“

Kommen die Vehemenz und Häufigkeit der Angriffe Johnsons überraschend – zunächst hatte er erklärt, Chequers werde „in die Katastrophe“ führen –, so zeigt sich die Regierung entschlossen, den Kampf aufzunehmen. Wohl nicht zufällig tauchte ein Dossier auf, das die zahlreichen Affären, die beruflichen Flops und die politischen Ausrutscher Johnsons auflistet.

Von „Scharlatan“ bis zu „absolut nicht vertrauenswürdig“ reichen die Zitate. Der Boris Johnson, der aus diesem Dokument entsteht, ist nicht der unterhaltsame und erfrischende Liebling der Konservativen, sondern ein gnadenloser Egoist und Opportunist, der acht- und charakterlos Menschen benützt und fallen lässt. Seine Tochter Lara soll ihren Vater vor wenigen Tagen einen „selbstsüchtigen Mistkerl“ genannt haben.

 

Affären und Seitensprünge

Das bezog sich auf die zahlreichen Affären, von denen die jüngste nun der Ehe Johnsons mit der Menschenrechtsanwältin Marina Wheeler nach 25 Jahren und vier gemeinsamen Kindern ein Ende setzte. Zuletzt habe Johnson (54) „eine sehr enge Freundschaft“ mit der bisherigen Parteimitarbeiterin Carrie Symonds (30) entwickelt, heißt es. Er habe sich von offiziellen Terminen für Rendezvous mit ihr davongemacht, sie von Regierungsautos abholen lassen und sei am Höhepunkt politischer Krisen mit ihr bei Abendessen gesehen worden, „bei denen es offensichtlich nicht um große Staatsangelegenheiten gegangen sei“, wie ein Augenzeuge berichtete. Das Fass zum Überlaufen soll für Wheeler, eine fanatische Brexit-Anhängerin mit starkem Einfluss auf Johnson, gebracht haben, dass ihr Mann seine Bodyguards gelegentlich auf Pause schickte, um sich ungestört mit Symonds treffen zu können.

Das Dossier war im Sommer 2016 von Mitarbeitern der damaligen Innenministerin May zusammengestellt worden, als sie sich auf ein Duell mit Johnson um das Amt des Premiers vorbereitete. Johnson zog damals über Nacht zurück. Heute scheint klarer, warum es dazu kam. Johnsons ehemaliger Staatssekretär Alan Duncan sprach „von einem der widerwärtigsten Momente, die ich je in der Politik erlebt habe“ und versprach: „Wenn ihn dieser Artikel nicht erledigt, werde ich dafür sorgen.“

Johnsons Herausforderung zielt auf den Parteitag der Konservativen Ende September in Birmingham. Er soll nur an einer Veranstaltung teilnehmen, und die ist schon jetzt überbucht. Während die Tory-Abgeordneten keine Sympathie für Johnson hegen, liebt ihn die Basis immer noch. Ein Konservativer meint: „Boris ist kein Politiker. Er ist eine Marke. Er widersetzt sich jeder Logik.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2018)

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