USA/Saudiarabien: „Es war wie in ,Pulp Fiction‘“

Der Fall Khashoggi hat die Beziehungen der Trump-Regierung zu Riad schwer getrübt. Sanktionen stehen im Raum, die Indizien für einen Mord sind erdrückend.

Der mutmaßliche Tatort des Mordkomplotts gegen Jamal Khashoggi: das saudische Konsulat in Istanbul, das nun penibel nach forensischen Spuren durchsucht werden soll.
Der mutmaßliche Tatort des Mordkomplotts gegen Jamal Khashoggi: das saudische Konsulat in Istanbul, das nun penibel nach forensischen Spuren durchsucht werden soll.
Der mutmaßliche Tatort des Mordkomplotts gegen Jamal Khashoggi: das saudische Konsulat in Istanbul, das nun penibel nach forensischen Spuren durchsucht werden soll. – APA/AFP/OZAN KOSE

Wien/Washington. „Es war wie in ,Pulp Fiction‘.“ Unter Hinweis auf den Kultfilm Quentin Tarantinos, in dem ein „Cleaner“ am Tatort eines Blutbads aufräumt, schilderte ein Geheimdienstmann gegenüber der „New York Times“ die Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi am Dienstag, 2. Oktober, im saudischen Konsulat in Istanbul. Unter Berufung auf die Geheimdienste der Türkei und der USA hat die „Washington Post“, für die Khashoggi eine Kolumne verfasst hat, auch Details parat: „Man kann seine Stimme hören und Stimmen von Männern, die Arabisch reden. Man kann hören, wie er verhört, gefoltert und ermordet wird.“
Die türkischen Behörden haben offenbar genaue Kenntnis über den Ablauf des Tathergangs, wie Berichte in der regierungsnahen Zeitung „Sabah“ suggerieren – diese publizierte Steckbriefe von 15 Saudis, die in Privatjets nach Istanbul eingeflogen waren, um die Leiche fachgerecht zu zerstückeln und in Koffern abzutransportieren. Sie sind in Besitz von Audio- und Videoaufnahmen, was den Schluss nahelegt, dass sie alle ausländischen Vertretungen überwachen.

Saudi-Delegation in Ankara

Auch der US-Geheimdienst hat laut „Washington Post“ Gespräche saudischer Kollegen abgehört, die Khashoggi ursprünglich von seinem Wohnort im US-Bundesstaat Virginia nach Riad locken wollten. Khashoggi, der heute 60 Jahre alt geworden wäre und mehrere Interviews mit Osama bin Laden geführt hatte, war ein Cousin des Waffenhändlers Adnan Khashoggi und ehemaliger Berater des einflussreichen Prinzen Faisal al-Turki. Im Vorjahr ging er ins US-Exil.
Die Affäre Khashoggi hat die in der Ära Trump so exzellenten Beziehungen zwischen Washington und Riad schwer getrübt. Selbst der Präsident fordert inzwischen eine völlige Aufklärung des Falls. Das US-Außenministerium beschied dem saudischen Botschafter in Washington, der sich derzeit in der Heimat aufhält, bei seiner Rückkehr neue Informationen vorzulegen. Auch Großbritannien und Frankreich verstärken den Druck auf Saudiarabien. Saudi-Arabien bemüht sich indessen um Deeskalation: Die Regierung in Riad sagt, sie begrüße gemeinsame Ermittlungen mit der Türkei. Eine Delegation traf zu Gesprächen mit der türkischen Regierung in Ankara ein.

Ob das reicht, um die Beziehungen zu Donald Trump wieder aufzupolieren? Rückblick: Im Mai 2017 führte Trump der erste Auslandsbesuch nach Riad, samt Schwerttanz und Waffendeal für die USA im Umfang von 110 Milliarden Dollar. Eingefädelt hatte den Besuch Jared Kushner, der Berater und Schwiegersohn Trumps, der sich auf Anhieb mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, kurz MbS, verstand. Der galt als Schlüsselfigur der US-Nahost-Strategie: ein Gegner des gemeinsamen Erzfeinds Iran, ein Gewährsmann für einen Nahost-Friedensplan, gegen den König Salman mittlerweile sein Veto eingelegt hat.

Kushner, Außenminister Pompeo und Sicherheitsberater Bolton suchten telefonisch Kontakt zu MbS, der im Frühjahr drei Wochen lang durch die USA getourt war, hofiert von Wall-Street-Bankern, Hollywood-Bossen und Silicon-Valley-Chefs. Manche von ihnen überlegen nun, wie mehrere prominente Medien, einen Investorenkongress übernächste Woche im „Davos in der Wüste“, im Ritz-Carlton-Hotel in Riad, zu boykottieren – dort, wo der Kronprinz im Vorjahr Hunderte Scheichs in Arrest genommen hat.

Selbst aus den Reihen der Republikaner im Senat kommt massiver Druck. Sie drohen mit Sanktionen, einer Blockade der Waffenlieferungen und der Militärhilfe sowie einem Einreiseverbot für die Verantwortlichen des mutmaßlichen Komplotts.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2018)

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