Apple-Uhr soll Ermordung saudischen Kritikers Kashoggi aufgezeichnet haben

Der in Istanbul verschollene Journalist soll die Tat im saudischen Konsulat über seine Smartwatch aufgenommen haben. Der Mord sei "Minute für Minute" aufgezeichnet worden, schreiben türkische Journalisten.

Was passierte in der saudischen Botschaft in Istanbul?
Was passierte in der saudischen Botschaft in Istanbul?
Was passierte in der saudischen Botschaft in Istanbul? – APA/AFP/JIM WATSON

Offiziell loben die Beteiligten die Zusammenarbeit: Kurz vor dem Wochenende schickte Riad eine Delegation in die Türkei, damit saudische und türkische Ermittler gemeinsam den Fall Jamal Khashoggi aufarbeiten können. Von einem handfesten Ergebnis scheint man dennoch weit entfernt. Am Samstag hat Saudiarabien jegliche Mitschuld am Verschwinden des Regimekritikers Khashoggi von sich gewiesen. Es sei eine „Lüge“, zu behaupten, Riad habe den Journalisten ermorden lassen, sagte Innenminister Abdel Azzizi bin Saud bin Najef.

Khashoggi hat am 2. Oktober das saudische Konsulat in Istanbul betreten und ist seitdem verschwunden. Der Journalist lebte im Exil in den USA und Istanbul. Den türkischen Ermittlern zufolge wurde er im Konsulat ermordet, seine Leiche anschließend zersägt und entfernt. „Es ist wie ,Pulp Fiction'“, sagte ein Ermittler der „New York Times“. Der türkische Präsident, Recep Tayyip Erdoğan, sagte, er wolle den Fall genau beobachten; das Verschwinden Khashoggis belastet die ohnehin angespannten Beziehungen zwischen Ankara und Riad.

Die große türkische Zeitung "Sabah" berichtete am Samstag, dass der Journalist noch vor Betreten des saudi-arabischen Konsulats eine Aufnahmefunktion an seiner Apple Watch eingeschaltet habe. Sein Handy, das er seiner vor dem Konsulat wartenden Verlobten gegeben habe, sei mit der Uhr an seinem Handgelenk synchronisiert gewesen. So seien die Geräusche während seiner Exekution gespeichert worden. Die Aufnahmen deuten demnach darauf hin, dass er gefoltert und umgebracht wurde.

Zweifel an technischer Möglichkeit

Der türkische Geheimdienst MIT und die Polizei hätten die Daten, die in den iCloud-Speicher übertragen wurden, dann ausgewertet, berichtete "Sabah" weiter. iCloud ist ein Dienst von Apple, mit dem Daten gespeichert und auf mehreren Geräten synchronisiert werden können.

"Die Momente, in denen sich das Attentäter-Team ... mit Khashoggi beschäftigt hat, wurden Minute für Minute aufgezeichnet", schreiben die Autoren. Die Täter hätten aber versucht, einige Daten zu löschen. "Sabah" beruft sich auf "vertrauenswürdige Quellen". Nach Kashoggis Tod hätten saudi-arabische Geheimagenten bemerkt, dass die Aufnahme weiter laufe, berichtete die Zeitung. Sie hätten Kashoggis Fingerabdruck benutzt, um das Telefon zu entsperren, und einige, aber nicht alle Daten gelöscht. Die Aufnahmen seien später auf Kashoggis Handy gefunden worden.

Nach Veröffentlichung des "Sabah"-Artikels tauchten umgehend Zweifel an der türkischen Version auf. Unter anderem wird eine Apple-Uhr immer mit einem iPhone des Besitzers verknüpft, mit dem sie üblicherweise per Bluetooth-Funk Daten austauscht. Das Bluetooth-Signal hat eine Reichweite von einigen Metern, Khashoggis Verlobte müsste also mit seinem iPhone sehr nahe am Konsulatsgebäude gestanden haben, damit die beiden Geräte diese Verbindung aufrechterhalten.

Khashoggi könnte auch eine Version der Apple-Watch getragen haben, die direkt ins Mobilfunknetz geht und Daten ohne den Umweg über das iPhone oder ein WLAN übermittelt. Auf einem Foto von Mai, das der Technologie-Blog "TechCrunch" fand, ist er mit einer solchen Uhr zu sehen. Allerdings gibt es aktuell keine türkischen Mobilfunk-Anbieter, die diese Funktion unterstützen.

IWF-Chefin Lagarde will Türkei ihre Meinung sagen

Sollte die Türkei tatsächlich Zugang zu Materialen dieser Art haben, würde das den Schluss nahelegen, dass sie entweder das Konsulat abhört, oder auf fragwürdigem Wege zu den Daten gelangt ist, sagen Beobachter.

Trotz der Proteste und dem Rückzug vieler internationaler Unternehmen, soll der Wirtschaftsgipfel in Saudiarabien vom 23. bis 25. Oktober dennoch stattfinden. IWF-Chefin Christine Lagarde nimmt ebenfalls teil – sie wolle aber auch ihre Meinung sagen: „Entsetzliche Dinge wurden berichtet.“

(APA/dpa/Reuters)

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