Taiwan: Zehntausende demonstrieren für Unabhängigkeit von China

China betrachte Taiwan als abtrünnige Provinz, doch die Taiwanesen wollten ihre eigenen Herren sein. Am Sonntag gab es eine Großdemo. Die Veranstalter der Formosa-Allianz sprachen von mehr als 100.000 Teilnehmern.

AFP (SAM YEH)

In der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh haben am Samstag zehntausende Menschen für die endgültige Unabhängigkeit Taiwans von der Volksrepublik China demonstriert. Sie versammelten sich vor dem Sitz der regierenden Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) und riefen in Sprechchören "Volksentscheid über die Unabhängigkeit" sowie "Nein zur Annexion".

Die Veranstalter der Formosa-Allianz sprachen von mehr als 100.000 Teilnehmern. Der Chef der neuen Formosa-Allianz, Kuo Pei-horng, rief der Menge zu, China müsse mit den Schikanen gegen Taiwan aufhören. Die Taiwanesen wollten "ihre eigenen Herren" sein. Zu den Unterstützern der Allianz gehören die ehemaligen Staatschefs Lee Teng-hui und Chen Shui-bian. Die chinesische Führung in Peking hatte wiederholt klargemacht, dass sie eine förmliche Abspaltung Taiwans mit allen Mitteln verhindern wolle.

Die DPP, die mit Tsai Ing-wen seit 2016 die Präsidentin stellt, steht traditionell der Unabhängigkeitsbewegung nahe. Tsai steuert in der China-Politik jedoch einen vorsichtigen Kurs und versichert, am Status quo mit Peking festhalten zu wollen.

Die Präsidentin weigert sich allerdings, die von der Volksrepublik ausgegebene Maxime anzuerkennen, wonach es nur "ein China" gibt. Die Beziehungen zwischen China und der dem Festland vorgelagerten Insel Taiwan sind seit Tsais Amtsantritt gespannt.

China betrachtet Taiwan seit dem Ende des Bürgerkriegs und dem Sieg der von Mao Zedong (Tse-tung) geführten Kommunistischen Partei über die Kuomintang-Nationalisten im Jahr 1949 als abtrünnige Provinz und strebt eine Wiedervereinigung zu seinen Bedingungen an. Taiwan spaltete sich zwar von China ab, erklärte jedoch nie formell seine staatliche Unabhängigkeit.

 

Präsidentin in schwieriger Lage

Die Formosa-Allianz fordert von der DPP-Regierung, die im Parlament über die Mehrheit verfügt, eine Gesetzesänderung, um ein Referendum über die Unabhängigkeit zu ermöglichen. Tsai dürfte nach Meinung politischer Beobachter nicht dazu bereit sein.

Es war die erste Demonstration dieser Art, seit Tsai gewählt wurde. Nur einen Monat vor der Kommunalwahl am 24. November gerät die Präsidentin in eine schwierige Position. Tsai will einen offenen Konflikt mit Peking vermeiden und den Status quo bewahren. Ihre Fortschrittspartei hat sich auch nicht an der Demonstration in Taipeh beteiligt, sondern eine eigene Kundgebung in der Hafenstadt Kaohsiung in Südtaiwan veranstaltet, an der rund 10.000 Menschen teilnahmen. Trotzdem zogen einige DPP-Mitglieder die Demonstration in Taipeh vor, darunter ein früherer Präsidentenberater und Außenminister.

Die Empörung ist gewachsen, da China verstärkt versucht, Taiwan international weiter zu isolieren. Von den bisher nur zwei Dutzend meist kleineren Staaten, die Taiwan diplomatisch anerkannt hatten, konnte Peking fünf auf seine Seite ziehen. Taiwan kritisiert, dass Peking mit Finanzhilfen gelockt habe. Mit seiner Ein-China-Doktrin erlaubt die kommunistische Führung keinem Land, sowohl diplomatische Beziehungen mit der Volksrepublik als auch mit Taiwan zu unterhalten.

Das Tauziehen um den Status Taiwans geht auf den Bürgerkrieg in China zurück, als die Truppen der nationalchinesischen Kuomintang nach ihrer Niederlage gegen die Kommunisten nach Taiwan geflüchtet waren. Seit ihrer Machtübernahme und Gründung der Volksrepublik 1949 in Peking betrachtet die kommunistische Führung die Insel als Bestandteil Chinas und droht mit einer Rückeroberung.

Mehr als zwei Jahrzehnte hielt die "Republik China" in Taiwan sogar noch den ständigen Sitz Chinas im Weltsicherheitsrat. Taipeh musste ihn 1971 an Peking abgeben und verlor auch seine Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen. Die Regierung in Taipeh ist seither selbst von ihren Anspruch abgerückt, ganz China zu repräsentieren.

Für Aussöhnung sorgte zunächst ein vager Konsens in den 90er-Jahren, wonach beide Seiten zu "einem China" gehören, auch wenn sie unterschiedliche Interpretationen akzeptierten, was darunter zu verstehen ist. Die Annäherung stieß aber auf wachsenden Widerstand unter den 23 Millionen Taiwanesen, was auch zur Wahl von Tsai vor zwei Jahren beigetragen hat. Die Präsidentin vermeidet es, den Konsens zu bestätigen, was die Spannungen mit China verschärft.

(APA/dpa/AFP)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Taiwan: Zehntausende demonstrieren für Unabhängigkeit von China

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.