Theresa May, die Marathonfrau des Königreichs

Die britische Premierministerin bleibt trotz aller Widerstände auch in den eigenen Reihen, Anfeindungen, bis unter die Gürtellinie gehenden Spotts unerschütterlich auf Brexit-Kurs. Auch, obwohl dieser im Parlament zu scheitern droht.

Theresa May muss spätestens seit dem Brexit-Referendum 2016 eigentlich unter chronischem Schlafentzug leiden. Dennoch scheinen ihre Kräfte unerschöpflich zu sein.
Theresa May muss spätestens seit dem Brexit-Referendum 2016 eigentlich unter chronischem Schlafentzug leiden. Dennoch scheinen ihre Kräfte unerschöpflich zu sein.
Theresa May muss spätestens seit dem Brexit-Referendum 2016 eigentlich unter chronischem Schlafentzug leiden. Dennoch scheinen ihre Kräfte unerschöpflich zu sein. – REUTERS

Nichts, aber auch gar nichts scheint die britische Premierministerin Theresa May umzuwerfen. Als die 62-Jährige Anfang Juli nach der (scheinbaren) Regierungseinigung auf dem Landsitz Chequers in unmittelbarer Folge die Schwergewichte David Davis und Boris Johnson als Minister verlor, war zufällig auch Bundeskanzler Sebastian Kurz in der Downing Street zu Gast. Während in Delegationskreisen gezittert und unter Medienvertretern spekuliert wurde, ob angesichts der massiven innenpolitischen Krise das Treffen wie geplant stattfinden werde, zog May ihren Zeitplan eisern durch. Zum bilateralen Dinner erschien sie keine fünf Minuten verspätet, und völlig ungerührt, wie ein Teilnehmer erzählt.

Augen zu und durch. „Business as usual“, das ist eines der Leitmotive der aus Eastbourne (Grafschaft East Sussex) stammenden Premierministerin, und mit dem Leitsatz stellte sie sich auch in der letzten Woche in die Brandung einer Sturmflut an Kritik, die über sie seit der Einigung mit der EU-Kommission über den Brexit hereingebrochen ist. „Verrat“, „Versagen“ und „Verkauf“ waren noch sanftere Worte, die ihre Gegner in auch sehr persönlichen Angriffen vortrugen. „Sie hat dem Land nicht wiedergutzumachenden Schaden zugefügt“, sagte der konservative Hinterbänkler Mark Francois am Freitag bei Einbringung eines Misstrauensantrags gegen seine eigene Chefin.

May stellte sich dem nicht nur scheinbar ungerührt, sondern auch unermüdlich: Am Dienstagabend wurden Schlüsselminister ins Gebet genommen und auf Zustimmung eingeschworen. Mittwoch rang sie dem Kabinett in einer mehr als fünfstündigen Sitzung das O. K. ab, informierte die Presse und setzte ihre Arbeit mit Telefonaten fort.

Donnerstagfrüh reagierte May blitzartig auf die Rücktritte von Brexit-Minister Dominic Raab und Arbeitsministerin Esther McVey, indem sie das Parlament nicht nur über alles informierte, sondern sich auch drei Stunden feindlicher Befragung der Abgeordneten aussetzte. Abends bestritt sie als Draufgabe noch eine Pressekonferenz. Freitagmorgen stand sie im Radio Anrufern Rede und Antwort (Anrufer Gary: „Es ist Zeit für Sie zu gehen.“ – May: „Danke für Ihren Anruf, Gary. Wir haben erreicht, wofür die Menschen gestimmt haben, und ich setze es um“).

Während vermeintliche Umstürzler Unterschriften gegen May sammelten und (nicht belegte) Gerüchte über ein bevorstehendes Misstrauensvotum streuten, besetzte May ihre Regierung um und sprach mit Hunderten konservativen Ortsparteichefs in einer Telefonkonferenz, um sie auf Linie zu halten oder zu bringen. Samstag standen Gespräche auf lokaler Ebene auf dem Programm. Heute geht die Pastorentochter mit Ehemann Philip im Wahlbezirk Maidenhead zur Kirche. Danach gibt es selbst gemachten Braten.

Selbst Gegner mussten sich die Frage stellen: Wann schläft diese Frau? Sie nahm sich in ihrer Pressekonferenz Cricket-Legende Geoffrey Boycott zum Vorbild: „Er ist immer drangeblieben. Und am Ende hatte er Erfolg.“ Gut möglich, dass May keine Ahnung von Cricket hat und ihr ein Berater die Sätze in ihr Briefing geschrieben hatte.

Der Robotertypus. Der Versuch der Humanisierung der Premierministerin ist noch nicht erfolgreich abgeschlossen. Wenn May Emotionen hat, so zeigt sie sie nicht: Als sie sich nach der Tragödie im Grenfell Tower, bei der im Vorjahr 72 Menschen in London verbrannten, bei einem Ortsbesuch mit steinernem Blick hinter der Polizei versteckte, schlug ihr Wut entgegen. Von Gegner wie Spöttern wird sie wegen ihres hölzernen Auftretens, ihrer mechanischen Argumentation und ihrer Worthülsen mit einem Roboter („Maybot“) verglichen: „Brexit means Brexit“ oder „No deal is better than a bad deal“. Eine weitere Leerformel wurde ihr im vergeigten Wahlkampf 2017 zum Verhängnis: Obwohl sie letztlich eine umstrittene Pflegereform abblies, beharrte May: „Nothing has changed“.

Dass sich nichts geändert habe, erklärt sie auch zum Brexit. In Wahrheit ist der vereinbarte Entwurf der weichste Ausstieg, den die Briten haben konnten. Für die Brexit-Hardliner ist damit der schlimmste Fall eingetreten: „Wenn dass die Bedingungen für den Austritt sind, sollten wir besser in der EU bleiben“, meint Tim Rice, Führer der Bewegung „Leave Means Leave“. Umgekehrt meinen EU-Pros wie die konservative Abgeordnete Anna Soubry: „Das ist nicht, was man uns versprochen hat.“

Während die Titanic also mit dem Eisberg kollidiert ist, bleibt eine Person auf Kurs: Theresa May. Sie, die im Referendum 2016 (verhalten) für den EU-Verbleib geworben hat, sieht sich nun berufen, den Entscheid des Volkes umzusetzen. Unter allen Umständen. Die Brexit-Führer von 2016 haben sich vom Acker gemacht, May aber macht weiter. Freilich kann auch sie nicht erklären, wohin der Weg führt. Und niemand kann bestreiten, dass das Schiff rapide sinkt: Das Pfund hat die schlimmsten Tage seit zwei Jahren hinter sich, Investitionen stehen auf Halt, Unternehmen ziehen ab, die Börse schwächelt, die britische Wirtschaft ist von der am stärksten zu der am schwächsten wachsenden in der G7 geworden.

Niemand glaubt, dass May ihren Deal im Parlament durchbringt. Ihre Partei mag mehrheitlich (noch) hinter ihr stehen, ist aber gespalten, die Opposition geschlossen dagegen. Das bedeutet für May aber nicht, aufzugeben. Sie trägt nicht nur gern extravagante Schuhe im Pantherlook, sie schmückt sich auch mit dem Wort ihres Parteifreunds Ken Clarke, dass sie eine „verdammt schwierige Frau“ sei. Sie hat einen extrem engen Mitarbeiterkreis und vertraut außer ihrem Mann wohl keinem.

Entscheiden, durchziehen. Sie ist kinderlos und hat Typ-eins-Diabetes. Als Innenministerin entwarf sie eine gnadenlose Abschiebungspolitik. Ein Mitarbeiter von damals sagt: „Sie liest alles und braucht ewig, sich eine Meinung zu bilden. Aber wenn sie eine Entscheidung getroffen hat, zieht sie diese durch.“ 


[OYSDK]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2018)

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