Die CDU wählt "AKK" als Angela Merkels Erbin

Mit einer auffällig optimistischen Rede bewirbt sich Annegret Kramp-Karrenbauer am Parteitag in Hamburg um den CDU-Vorsitz. Erfolgreich. Für Bundeskanzlerin Angela Merkel ist das eine gute Nachricht – wenn ihre Gegner die neue Chefin akzeptieren.

Kramp-Karrenbauer
Kramp-Karrenbauer
Kramp-Karrenbauer – REUTERS

Annegret Kramp-Karrenbauer muss sich an diesem Freitag gleich mehrmals Tränen aus dem Gesicht wischen. Sie tut es, weil sich Angela Merkel an diesem Bundesparteitag in Hamburg vom CDU-Vorsitz verabschiedet. Aber vor allem, weil sie den Chefinnenposten von ihr übernimmt: 517 Stimmen erhält die 53-jährige bisherige Generalsekretärin von den Delegierten. Ihr Gegner im zweiten Wahlgang, der 63-jährige Wirtschaftsanwalt Friedrich Merz, hat 482 Menschen in der Messehalle hinter sich. Er bittet seine Anhänger, „mit ganzer Kraft“ in Zukunft auch Kramp-Karrenbauer zu unterstützen. Die neue Vorsitzende appelliert an die Partei: „Dieser Aufschwung“, den der Wettbewerb der CDU gegeben habe, „der muss jetzt weitergehen“.

Am Ende haben die Anhänger des dritten Kandidaten, des Gesundheitsministers Jens Spahn, den Ausschlag gegeben: Er erhält im ersten Durchgang 15,7 Prozent. Das ist mehr, als man ihm zugetraut hatte. Seine Wähler müssen sich aber in der Stichwahl entscheiden.

Die CDU hat es sich an diesem Freitag besonders spannend gemacht: Seit Wochen kursierten schon Umfragen, die einmal Kramp-Karrenbauer, einmal Merz an der ersten Stelle sahen. Einmal wurde die breite Bevölkerung befragt, einmal die CDU-Anhänger. Doch bei diesem Parteitag geht es um die 1001 Delegierten, die von den Landesverbänden aus ganz Deutschland entsandt wurden. Rund ein Drittel, so wurde im Vorfeld spekuliert, sei noch unentschlossen. Die Reden der Kandidaten sollten also ein entscheidender Faktor sein. Das wurde vor allem als kleiner Vorsprung für Merz gedeutet, immerhin gilt er als mitreißender Redner.

Es kommt dann doch ein wenig anders. Kramp-Karrenbauer ist rhetorisch stärker, als von der Allgemeinheit erwartet. Sie setzt auf etwas, das die CDU in der Vergangenheit vernachlässigt hat: Optimismus. Im Jahr 1981 sei das ein Grund gewesen, warum sie der Partei beigetreten sei. Kurz vor ihrer Matura, „nicht wissend, was ich danach machen soll“. Damals war es „die Partei, die mit Mut und Lust auf Zukunft eine Strahlkraft hatte, die Menschen aller politischen Lager in die Mitte gezogen hat“. Diese CDU „muss die Partei von heute und von morgen sein“.

Die Rede ist aber auch für die Skeptiker unter den Delegierten geschrieben, die in Kramp-Karrenbauer eine Fortsetzung des Merkel-Kurses sehen. „Ich bin hier, wie mich das Leben geformt hat“, sagt sie. „Und gerade weil ich so bin, habe ich auch Wahlen gewonnen.“ Sie appelliert auch an Merkel, dass es nicht nur eine starke CDU brauche – sondern auch eine funktionierende Regierung. „Wollen wir also mit Mut die Veränderung packen?“, fragt sie. Im Saal bricht Applaus aus. Eine Antwort auf ihre Frage wird sie später bekommen. Die CDU will.

Ein Problemaufriss. Merz' Bewerbungsrede ist hingegen eher ein Problemaufriss – ein ziemlich ausführlicher, denn er interpretiert seine Redezeit „recht liberal“, wie im Parteivorstand nachher kommentiert wird. „Wir verlieren an neue Parteien kontinuierlich“, sagt er. Damit meint er die AfD: „Ich bestreite niemandes guten Willen in dieser Partei, die verlorenen Wähler zurückzuholen. Aber es gelingt uns augenscheinlich nicht.“ Und dieser Zustand, „der ist einfach unerträglich“. Die CDU lasse noch immer „viele Menschen mit ihren Fragen allein“. Vor allem die Umweltpolitik – „Darf ich das so offen sagen?“ – sei mehr als widersprüchlich.

Dann schaut auch Merz in die Zukunft – in eine, in der er Parteichef ist: Er als Parteichef, und seine ewige Rivalin Merkel als Bundeskanzlerin: „Geht das gut? Natürlich!“, sagt er. Er werde nicht gegen sie arbeiten. Womöglich haben es ihm die Delegierten nicht geglaubt.

Tränen zum Abschied. Bevor die Zukunft der Partei geklärt wird, wird aber noch einmal zurückgeblickt. Auf die vergangenen 18 Jahre und acht Monate. CDU-Vizeparteichef Volker Bouffier zählt auf: In dieser Zeit hat die Welt drei Päpste erlebt, der Hamburger SV 24 Trainer, die SPD immerhin zehn Vorsitzende. Und die Christdemokraten? Nur eine: Merkel.

Neun Minuten lang erhält sie bei ihrem Abschied stehende Ovationen. Sechs Mal muss sie aufstehen, auf der Bühne eine Runde drehen und winken. Irgendwann deutet sie den Delegierten, sich zu setzen: „Leute, wir haben noch viel vor“, ruft sie ins Mikrofon. Dann muss sie ein paar Mal schlucken und kämpft gegen ihre Rührung. Bei Kramp-Karrenbauer ist es schon zu spät.

Die ersten Tränen auf dem Podium fließen schon, da hat Merkel noch nicht einmal richtig mit ihrer Rede begonnen. Sie dankt den Mitarbeitern im Konrad-Adenauer-Haus, unter anderem dem Generalsekretär Klaus Schüler. Er winkt ihr weinend zurück.

Zwischen den beiden emotionalen Momenten auf der Bühne liegt aber eine gewohnt nüchterne Ansprache. Es geht hier immerhin um Merkel, Gefühlsduseligkeit liegt ihr fern, auch bei ihrem Abschied. Wer Spitzen und Wahlempfehlungen in ihrer Rede hören möchte, muss schon sehr genau lauschen.

Sie erinnert daran, dass die CDU damals – als sie im April 2000 die Parteiführung übernahm – in einer viel tieferen Krise steckte, „das war eine Schicksalsstunde“. Merkel erwähnt die damalige Parteispendenaffäre ein paar Mal öfter, als sie eigentlich müsste. Bundesparteitagspräsident Wolfgang Schäuble, damals darin verstrickt, unterstützt heute offiziell Merz – und kritisiert die Kanzlerin inoffiziell.

Dass die Partei ihrer Chefin jetzt dankbar ist, aber nicht immer glücklich mit ihren Entscheidungen war, zeigt sich in Merkels Streifzug durch die vergangenen Jahre: Sie spricht die Flüchtlingskrise im Jahr 2015 an (mäßiger Applaus), die Aussetzung der Wehrpflicht (wenig Applaus). Mehr Jubel bekommt Merkel dafür, dass sie ihren Kommunikationsstil ironisch kommentiert: „Ich habe euch manchmal einen deftigen Angriff vorenthalten.“ Bei der Kritik an den politischen Gegnern „habe ich eher das Florett gewählt oder mich enthalten“.

Merkel erinnert an das Saarland. Das macht Merkel übrigens auch bei Empfehlungen für ihre Nachfolge. Die Kanzlerin betont allerdings gleich mehrmals, wie wichtig der Zusammenhalt sei. In ganz Deutschland, in der Union, aber auch innerhalb der CDU. Dann zählt sie auf, wo die Christdemokraten in der Vergangenheit erfolgreich waren: „Ich sage nur Saarland: über 40 Prozent.“ Sie könnte genauso gut sagen: die Wahl, die Kramp-Karrenbauer gewonnen hat. Sie sollte nun auch diese hier am Freitag gewinnen.

Dann plädiert sie, wie danach auch ihre Wunschnachfolgerin, für Optimismus: „Ich wünsche der Partei Fröhlichkeit im Herzen.“ Jetzt sei es an der Zeit, „ein neues Kapitel aufzuschlagen. Es war mir eine große Freude. Es war mir eine Ehre.“ Nach all dem Jubel für sie ist später Merkel mit Klatschen an der Reihe: als ihre Nachfolgerin stehende Ovationen bekommt.
[P15B1]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2018)

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