Misha Glenny: „Wie vor dem englischen Bürgerkrieg“

Der britische Starautor Misha Glenny über Brexit, McMafia-Kultur und die starken Männer.

Misha Glenny „Stimmung ist hysterisch“.
Misha Glenny „Stimmung ist hysterisch“.
Misha Glenny „Stimmung ist hysterisch“. – Daniel Novotny

Die Presse: Am Dienstag stimmt das britische Unterhaus über den Brexit-Deal ab, eine Mehrheit ist unwahrscheinlich. Wie ist die Stimmung?

Misha Glenny: Vieles erinnert an 1640, an die Zeit vor dem englischen Bürgerkrieg (1642-1649), an die damaligen Spannungen zwischen König und Parlament, die jeweils ihre eigenen Regeln diktierten. Wie 1641 wird sich auch diesmal die Regierung nicht durchsetzen. Und ebenso hysterisch ist die Stimmung in der Bevölkerung. Das nächste Jahr wird eine historische Wende bringen – egal, wie es ausgeht. Die Brexit-Krise ist nämlich auch eine Krise der englischen Identität. Sie zeigt, wie gering das Verständnis für Nordirland und Schottland ist.

 

Was ist dort zu erwarten?

Nordirland ist ein Pulverfass. Und sollten in Schottland Wirtschaftsfolgen spürbar sein, ist ein zweites Unabhängigkeitsreferendum wahrscheinlich. Ausgeschlossen ist nichts mehr. Die Tatsache, dass die Regierung nicht einmal auf mögliche Engpässe beim No-Deal-Brexit vorbereitet ist, sagt alles. Wir sind im Alice-im-Wunderland-Szenario.

 

Befürchten Sie eine Gewaltwelle?

Wie gesagt, die Stimmung ist aufgeheizt, die Gesellschaft gespalten. Die beiden Seiten werden immer verbissener – die Kluft zwischen Brexit-Befürwortern und Gegnern größer. Man spürt den Zorn, den Ärger. Ein Freund aus Nordengland – aus einer Hochburg der Brexit-Befürworter – erzählte mir unlängst, wie ängstlich er ist. Von Leuten, die bereit seien, Waffen in die Hand zu nehmen, falls der Brexit nicht kommt.

 

Was sind die Wurzeln dieser Krise?

Da kommt viel zusammen. Ich sehe die Wurzeln hauptsächlich in der Finanzkrise von 2008 – eine Krise und die damit verbundenen Ängste, die das Anti-Brexit-Lager für sich nützen konnte. Brüssel wurde zur Metapher für politische Entfremdung und wurde für alles Elend verantwortlich gemacht. In Großbritannien hat zudem jahrzehntelange Anti-Europa-Giftpropaganda in diversen Medien den Nährboden für die Brexit-Stimmung geschaffen, das Gefühl, dass wir von Brüssel diskriminiert werden: Da wurden zum Teil völlig frei erfundene Geschichten veröffentlicht – etwa vom damaligen Brüssel-Korrespondenten Boris Johnson.

 

Eine politische Polarisierung, eine aggressivere und emotionalisierte politische Sprache ist weltweit erkennbar.

Es ist ein globales Phänomen – aber es lebt von den kulturell spezifischen Nuancen: In Erdoğans Türkei weiß man wenig über den Brexit, in Großbritannien kaum etwas über die Motivationen der Bolsonaro-Wähler in Brasilien. Letztendlich profitiert aber der Politiker-Typus des „starken Mannes“ von dieser Polarisierung. Eklatant ist das Beispiel Putins: Er kann dank seiner Einflussnahme durch soziale Medien und anderes heute einen viel stärkeren Einfluss auf die Politik der USA und EU ausüben als früher – obwohl er eigentlich schwach ist. Putins Macht stützt sich ja auf Restbestände des sowjetischen Nukleararsenals, ansonsten ist er zweitrangig: Die russische Wirtschaft ist zehn Mal kleiner als jene der USA. Aber Putin hat strategisch klug die Schwächen der USA und der Europäer identifiziert und systematisch genützt. Putin, mit seiner kleinen Wirtschaft, bestimmt jetzt sogar die Politik in Nahost.


In Ihrem Buch McMafia haben Sie den Zusammenhang zwischen dem Fall der Sowjetunionen und der Globalisierung des Organisierten Verbrechens nachgezeichnet. Welche Rolle spielt die Mafia heute?

Der Umbruch in der Sowjetunion, in Osteuropa und in Jugoslawien führte zu einem Kapitalismus ohne Institutionen, die ihn regulierten. Weder die USA noch Europa halfen, diese Transition zu erleichtern – sie profitierten nur davon. Deswegen waren in dieser Region Organisiertes Verbrechen und Kapitalismus von Anfang an eng verbunden, man beeinflusste in den 1990ern auch die Politik. Putin hat Ordnung in dieses Chaos gebracht, hat gesagt, Oligarchen dürften Politik nicht mehr mitbestimmen, hat die alte sowjetische Tradition wieder an die Macht gebracht – mit der Botschaft an Oligarchen: Ihr könnt mitmachen, ins Exil gehen – oder sterben.

 

Wie agiert die Mafia im 21. Jahrhundert?

Erfolgreiche Mafiagruppen agieren international. Sie kennen keinen Grenzen, auch keine kulturellen: Verbindungen reichen nach Russland, Südamerika, Italien, in den Balkan – es wird auch kooperiert. Geld wird international verschoben, auf den Finanzmärkten reingewaschen, man handelt über das Internet. Eine zentrale Figur ist deshalb der Cyberkriminelle. Dieser neue „Mafioso“ ist jung, gebildet, kommt aus der Mittelklasse. Und die neuen Bosse sind „Digital Natives“, die verstehen, wie lukrativ das Netz ist. Einer neuer Typus also, der Informatik und Gewalt kombiniert. Cybercrime ist inzwischen übrigens auch eine mächtige politische Waffe. Es ist wie ein siebendimensionales Schachspiel: Man weiß nie, mit wem man spielt.


Und die Verbindungen zur Politik?

Die Zielsetzung lautet immer: Wie kommt man ans große Geld, wie kann man Institutionen infiltrieren? Ein gewisser Typus von Politiker – der starke Mann mit obskuren Geschäften – ist ganz klar in Mode: Ich denke an die dunklen Geschäfte von Erdoğans Entourage in Syrien oder an Trumps dubiose Wahlkampfhilfen: Die Wähler stört das nicht.

 

Es gibt aber auch Widerstand.

Ja – und der wächst, wie Proteste in Südafrika, Südkorea oder Malaysia gezeigt haben. Es ist ein Kampf, und wir sind mittendrin.

 

Aus Ihrem Buch McMafia wurde eine populäre TV-Serie – wie war das für Sie?

Ich liebe das neue Fernsehen! Ich hatte wunderschöne Besprechungen zu meinem Buch, die Polizei hat es gern gelesen, ebenso die Kriminellen und Politiker. Aber es war ein Buch: Die Breiten- und Auswirkung der TV-Serie hatte es nie. Jetzt weiß ich: Wenn man wichtige, schwierige Ideen verbreiten wird, muss man sie ins Fernsehen bringen. Nicht als Dokumentarfilm, sondern als „Fiction“.

ZUR PERSON

Misha Glenny (60) ist ein preisgekrönter britischer Journalist, war Europa- und Balkan-Korrespondent für den „Guardian“ und die „BBC“. Zuletzt widmete er sich in dem Bestseller „McMafia“ geopolitischen Aspekten organisierter Kriminalität. Am 15. Jänner um 18 Uhr spricht Glenny über dieses Thema mit „Presse“-Außenpolitikchef Christian Ultsch im Institut für die Wissenschaften vom Menschen (Wien). Freier Eintritt, Anmeldung unter www.iwm.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2019)

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