Danziger Bürgermeister erliegt Hassverbrechen

Paweł Adamowicz, das liberale, langjährige Stadtoberhaupt der Hansestadt, wurde bei einer regierungskritischen Spendenveranstaltung ermordet. Regierungshetze könnte bei der Tat eine Rolle gespielt haben.

Pawel Adamowicz am Tag des Attentats, dem 13. Jänner.
Pawel Adamowicz am Tag des Attentats, dem 13. Jänner.
Pawel Adamowicz am Tag des Attentats, dem 13. Jänner. – (c) REUTERS (AGENCJA GAZETA)

Danzig. Polen ist nach dem Mordanschlag gegen den landesweit bekannten Danziger Bürgermeister im Schockzustand. Nach stundenlangem Kampf erlag Paweł Adamowicz (53) den Verletzungen, die ihm ein Attentäter am Sonntagabend zugefügt hatte. Zuvor hatten sich erstmals seit der Hiobsbotschaft vom Flugzeugabsturz von Smolensk im April 2010, bei dem Präsident Lech Kaczyński ums Leben gekommen war, die beiden bitter verfeindeten politischen Lager des Landes teilweise zu Solidaritätsaufrufen zusammengerauft.

Für die regierende Kaczyński-Partei (PiS) war der liberale und weltoffene Adamowicz einer der meistgehassten Politiker. Es liegt nahe, dass die PiS-Tiraden den Mörder inspiriert haben könnten. Das Attentat ereignete sich vor den Kameras des Lokalfernsehens.

„Die liberale Bürgerplattform hat mich gefoltert, deshalb musste Adamowicz sterben!“, schrie der Messerstecher unmittelbar nach der Tat in ein Mikrofon. Zuvor hatte er sich bei einer Spendenaktion auf eine Freilichtbühne vorgedrängt und mit einem Messer auf Adamowicz eingestochen.

 

„Bruderkrieg“

„Ich saß im Gefängnis, die PO (Bürgerplattform; Anm.) ist daran schuld“, sagte der 27-jährige Danziger. Dann ließ er sich festnehmen. Der Mann soll offenbar wegen Banküberfällen mehrere Jahre gesessen haben; noch wird seine Zurechnungsfähigkeit geklärt.

Regierungstreue Nachrichtenportale wie auch das gleichgeschaltete Staatsfernsehen reagierten neutral. Monatelang hatten sie gegen den oppositionellen Bürgermeister gehetzt, der Danzig zur „freien Stadt“ ohne rechtsnationale Hetze gegen Ausländer, Liberale und Freigeister erklärt hatte. Auch im Konflikt um das international hochgelobte Museum des Zweiten Weltkriegs, das für die PiS zu wenig patriotisch ist, hat sich Adamowicz immer wieder mit der Regierung angelegt. Nun riefen alle PiS-treuen Medien zur Besinnung, zur Beendigung des „Bruderkriegs“ zwischen PiS und PO und zum Gebet für Adamowicz auf.

Ein Grund dafür ist die Tatsache, dass Adamowicz mit seinem öffentlichen Auftritt in der Danziger Innenstadt eine Spendenorganisation unterstützen wollte, die von der Kaczyński-Regierung seit der Machtübernahme von 2015 nicht minder hart angegriffen wird wie der Bürgermeister selbst. Polens größte Spendenkonzertaktion gilt den Rechtsnationalisten als suspekt, weil sie sich immer mehr von der Opposition vereinnahmen ließ.

Der antikommunistische Ex-Dissident Adamowicz war seit 20 Jahren Bürgermeister von Danzig: zuerst 15 Jahre für die liberale Bürgerplattform, danach als liberaler Unabhängiger. Bei den Bürgermeisterwahlen vom November trat er gegen den Willen der PO an, die mit Lech Wałęsas jüngstem Sohn, Jarosław, einen eigenen Kandidaten aufgestellt hatte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2019)

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