Wo Christen sich verstecken müssen

2018 war ein schlechtes Jahr für Christen. 245 Millionen Gläubige wurden stark verfolgt, heißt es in einer Studie. Auch in den beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Welt wurde es schlimmer.

(c) REUTERS (Athit Perawongmetha)

Wien. Papst Franziskus hat ein düsteres Bild gezeichnet: Die Kirche erlebe eine neue „Epoche von Märtyrern“, sagte er in seiner Weihnachtsansprache im Apostolischen Palast des Vatikans. Der Pontifex spannte dabei den Bogen bis hin zur Christenverfolgung im Römischen Reich, er sprach von den „neuen Neros“, die Gläubige weltweit unterdrücken würden.

Das evangelikale Hilfswerk Open Doors hat das Ausmaß der Misere nun in Zahlen gegossen. 245 Millionen Christen wurden demnach 2018 „stark verfolgt“, schreibt die NGO in ihrem Weltverfolgungsindex – einer Rangliste der 50 Staaten, in denen es Christen am schwersten hatten. Die Zahlen sind eine Annäherung. Sie sind umstritten. Am großen Befund haben Experten jedoch keine Zweifel: Die Christenverfolgung nimmt weltweit zu.

Sieben muslimische Länder tauchen unter den zehn am höchsten gelisteten Staaten auf, in denen die Christenverfolgung also am schlimmsten ist. „Islamische Unterdrückung“ bleibt auch 2018 die größte Triebfeder für Christenverfolgung. Aber sie ist eben nicht die einzige. Ein „religiös fundierter Nationalismus“ breitet sich in Teilen Asiens aus und setzt Christen und anderen Minderheiten zu. Andernorts herrscht „diktatorische Paranoia“, wie in Nordkorea, das die Rangliste der Staaten mit der stärksten Christenverfolgung wie immer anführt. In der abgeschotteten Familiendiktatur ist Bibelbesitz ein Kapitalverbrechen, 50.000 bis 70.000 enttarnte Christen hat das Kim-Regime in Straflager gesperrt.

„Kultur der Straflosigkeit“

Zu den großen alarmierenden Trends zählt, dass sich die Lage für Christen in den beiden bevölkerungsreichsten Ländern, in China und Indien, stetig verschlechtert. In der „größten Demokratie der Welt“ treibt der indische Premier Narendra Modi seine hindunationalistische Agenda voran. Christen würden als „Fremde“ diffamiert, schreibt Open Doors. Die Gewalt gegen sie nehme in der Ära Modi stetig zu. Das soll auch daran liegen, dass die Behörden regelmäßig wegsehen, wenn es zu Übergriffen militanter Hindus auf christliche Würdenträger kommt. Das schaffe eine „Kultur der Straflosigkeit“. „Man will uns mundtot machen und eine Herrschaft des Mobs, eine ,Mobokratie‘, errichten“, klagte jüngst ein Bischof aus dem Bundesstaat Orissa gegenüber „Kathpress“.

Chinas Regierung treibt unterdessen die „Sinisierung“ der Religion voran. Alles soll sich dem Staat, der Ideologie der KP, fügen. Die offizielle Staatskirche hat Peking unter Kontrolle. Und gegen die Untergrundkirchen ging es 2018 mit eiserner Hand vor. Allein in der Provinz Henan wurden 60 Prozent der Gotteshäuser geschlossen. Zum Symbol der Kampagne in China wurden abgehängte Kreuze und zerstörte Kirchtürme. Im Vorjahr wurden nach Angaben von Open Doors mindestens 1131 Christen inhaftiert. Im Jahr davor waren es „nur“ 134 gewesen.

2018 war ein schlechtes Jahr für das Christentum. Weltweit mussten der Studie zufolge mindestens 4136 Christen wegen ihres Glaubens sterben. Die meisten Toten, rund 90 Prozent, gab es dabei in Nigeria. Wobei die Zählweise umstritten ist: Der Großteil der Opfer dort waren christliche Bauern, die bei Kämpfen mit den meist muslimischen Viehhirten des Fulani-Volks ums Leben kamen. Es geht in diesem Konflikt jedoch zuvorderst um Land, um Ressourcen, nicht um Religion. Teilweise würden jedoch ganze Familien ausgelöscht, Christen vor Ort sprächen deshalb von „ethnisch-religiösen Säuberungen“, heißt es bei Open Doors. Außerdem sollen sich ausländische Kämpfer mit islamistischen Motiven unter die Viehhirten gemischt haben. Was zu einem weiteren Trend führt: In Teilen Subsahara-Afrikas breiten sich ehemalige IS-Kämpfer und mit ihnen der radikale Islam aus. Es ist die Schattenseite der Zerstörung des IS-Territoriums in Syrien und im Irak.

Nun ist Gewalt nur die brutalste Form der Unterdrückung. Es gibt auch subtilere Verfolgung: Auf den Malediven, dem Urlauberparadies, sind keine Übergriffe auf Christen belegt. Der gesellschaftliche Druck sei jedoch so massiv, „dass ein Ausleben des Glaubens nahezu unmöglich ist“.

2018 gab es auch Lichtblicke. Dazu zählt der Fall von Asia Bibi. Die Christin war 2010 in Pakistan wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt worden. Ein Gericht sprach sie nun frei. Das Urteil löste Unruhen aus. Asia Bibi steht seither unter Polizeischutz. Sie will nichts wie weg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2019)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Wo Christen sich verstecken müssen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.